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| 19:56 Uhr

Zug der fröhlichen Leute
Kamelle, Konfetti und gute Stimmung

RUNDSCHAU-Volontär Stephan Meyer hilft auf dem Wagen der Narrenweiber fleißig beim Kamelle-Verteilen.
RUNDSCHAU-Volontär Stephan Meyer hilft auf dem Wagen der Narrenweiber fleißig beim Kamelle-Verteilen. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Eine Tour auf dem Festwagen der Cottbuser Narrenweiber – und RUNDSCHAU-Volontär Stephan Meyer zum ersten Mal mittendrin. Von Stephan Meyer

Laut dröhnt Schlagermusik aus allen Ecken am Sonntagmittag in Sandow. Die Kreuzung Willy-Brandt/Franz-Mehring-Straße ist erneut Startpunkt des Zugs der fröhlichen Leute. Tanzmariechen machen sich warm, während andere Karnevalisten die letzten Details ihrer Kostüme abstimmen. Auch die 91 Festwagen der circa 202 beteiligten Faschingsgruppen bekommen noch den letzten Schliff, bevor es 13.11 Uhr los geht. Bei den Wagen der Cottbuser Narrenweiber wird ebenfalls noch hier und da Hand angelegt. Auch Kartons mit Kamelle werden platziert. Ich stehe mit auf dem Wagen und wage den Perspektivwechsel. Bin ich normalerweise unter den Zuschauern bei Ostdeutschlands größtem Karnevalsumzug, darf ich heute selbst Kamelle unter die Cottbuser bringen. Die Narrenweiber haben sich freundlicherweise dazu bereiterklärt, mich mitfahren zu lassen.

Die Cottbuser Narrenweiber haben eine Alternative in Sachen Abgasskandal: Sie lassen Einhörner einfach Feenstaub pupsen. Wie der wohl duftet?
Die Cottbuser Narrenweiber haben eine Alternative in Sachen Abgasskandal: Sie lassen Einhörner einfach Feenstaub pupsen. Wie der wohl duftet? FOTO: Michael Helbig

„Wir können jede helfende Hand gebrauchen“, entgegnet mir einer der wenigen Männer auf dem Wagen, als ich mich ihm vorstelle. Die anfängliche Befürchtung, der Hahn im Korb zu sein, war unbegründet. Schon im ersten Jahr der Vereinsgründung konnten männliche Mitglieder, meist die Ehemänner der Narrenweiber, gewonnen werden. Weil sie auf ihre Mitgliedschaft in einem Frauenverein stolz sind, wurde auf eine Umbenennung verzichtet.

Routinierte Kamelle-Fänger: Noch ist der Schirm leer. Im Laufe des Umzugs landeten in vielen umgedrehten Schirmen reichlich Süßigkeiten.
Routinierte Kamelle-Fänger: Noch ist der Schirm leer. Im Laufe des Umzugs landeten in vielen umgedrehten Schirmen reichlich Süßigkeiten. FOTO: Michael Helbig

„Winken, lächeln und Kamelle werfen. Mehr ist das eigentlich auch nicht“, erklärt mir Narrenweib Moni meine Aufgabe. Am Anfang sollte jedoch sparsam geworfen werden, damit Bonbons, Schokoriegel und Popcorn bis zum Schluss reichen. Aber nicht nur Süßigkeiten sollen verteilt werden. Auch Schulhefte, Puppen, Lineale und Modeschmuck gibt es für die kleinen Besucher des Umzugs.

Die Karnevalisten nehmen mich herzlich in ihrer Mitte auf. Kleine Schnäpse werden herum gereicht und auch mir angeboten. „Wenn, dann richtig“, prostet mir einer der Karnevalisten zu. Doch das gängige Klischee, beim Fasching würde nur getrunken, bestätigt sich nicht. Während des Umzugs ist keine Zeit dazu. Ununterbrochen werden Süßigkeiten unter die kostümierten Zuschauer gebracht. Viele Kinder in den ersten Reihen starren mit leuchtenden Augen erwartungsvoll nach oben zu den Festwagen. Gelegentlich macht der Wind mir beim Werfen einen Strich durch die Rechnung: Popcorntüten fliegen vor die Absperrung und bleiben für Kinderhände leider unerreichbar.

Die Narrenweiber haben die Wagennummer 22. Und das nicht ohne Grund. Denn genauso alt wird der Verein dieses Jahr. Das Motto, unter dem der Wagen fährt, widmet sich dieses Mal den Olympischen Winterspielen. „Wir haben uns gedacht, die meisten andere Vereine werden die Groko thematisieren. Das wollten wir aber nicht“, erklärt Vereinspräsidentin Marion Hirche. Die Wahl fiel dann auf folgenden Spruch: „Wir starten unter unserer eigenen Flagge, denn unsere Tanzsportler haben keine Doping-Macke!“. Festgelegt hat sich der Verein erst vor zwei Wochen. „Wir hatten die Hoffnung, dass es bis zum Umzug vielleicht schon den ersten Dopingskandal gibt“, so Marion Hirche augenzwinkernd. Dass  es bereits vor Olympia einen Skandal um die russische Beteiligung gab, spielte den Narrenweibern in die Hände.

Immer wieder heißt es von allen Seiten „Cottbus Helau!“ und „Schnipp schnapp – Schlips ab“, der Schlachtruf des Vereins. Viel Platz ist auf dem Wagen nicht. Eine Bierzeltgarnitur steht in der Mitte, auf der die Kartons mit Kamelle gereiht sind. Trotz Monis Hinweis gehen meine Vorräte kurz vor dem Staatstheater langsam zur Neige und ich kann nicht mehr so großzügig sein. Nach knapp zwei Stunden ist die Fahrt durch Cottbus zu Ende. Während mein Einsatz vorbei ist, geht für die Narrenweiber der Tag weiter. „Wir gehen jetzt noch nach Kausche zum Bürgerhaus und feiern dort im Saal mit einem befreundeten Karnevalsverein“, sagt Vereinschefin Marion Hirche. „Dann bin ich aber auch geschafft.“

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Zug der fröhlichen Leute FOTO: Michael Helbig