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| 04:45 Uhr

Lausitzer Justiz sucht neue Wege im Umgang mit Cannabis
Der Zug am Joint – Rausch mit Folgen

 Armin Krahl arbeitet seit 20 Jahren als Rechtsanwalt in Senftenberg. Er plädiert gegen die Legalisierung von Cannabis.
Armin Krahl arbeitet seit 20 Jahren als Rechtsanwalt in Senftenberg. Er plädiert gegen die Legalisierung von Cannabis. FOTO: Krahl Armin
Cottbus/Senftenberg. Die Debatte um eine Legalisierung von Cannabis hat auch die Lausitz erfasst. Ein Fachtag auf dem Campus der BTU in Cottbus-Sachsendorf soll wichtige Fragen klären. Von Andrea Hilscher

Die Rauschgiftkriminalität in Deutschland ist das siebte Jahr in Folge gestiegen. In Brandenburg wurden im Jahr 2017 exakt 7635 Fälle von Rauschgiftkriminalität erfasst, in Sachsen waren es 12 207 (24 Prozent mehr als im Vorjahr). Während die Fallzahlen bei Crystal nach Angaben des Landeskriminalamtes nahezu konstant blieben, stieg insbesondere die Feststellung von illegalen Cannabisprodukten, wie Marihuana oder Haschisch. Bundesweit ist ihre Zahl in den letzten Jahren auf 300 000 pro Jahr gewachsen, wobei die Zahl der Verurteilung konstant geblieben ist.

Juristisch also, so scheint es, ist diesem Problem also nicht so ohne weiteres Herr zu werden. Die Deutsche Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen DVJJ hat sich das Thema daher auf die Fahnen geschrieben: Am 23. Januar treffen sich Juristen und Mediziner aus der Lausitz zu einem Fachtag Cannabis. Die Frage: Wie umgehen mit jungen Konsumenten?

Die RUNDSCHAU hat dazu mit zwei Experten gesprochen, die in ihrer Analyse zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Armin Krahl arbeitet seit 20 Jahren als Rechtsanwalt. Von seiner Kanzlei in Senftenberg aus betreut er Verfahren an allen Gerichten der Region. „Ich muss zugeben, dass sich meine Einstellung zum Thema Cannabis in den vergangenen Jahren sehr stark geändert hat. Der Blick in andere Länder zeigt uns, dass mit einer Legalisierung viele Probleme besser in den Griff zu bekommen sind als mit unserer Form der Strafverfolgung.“

Was Krahl damit anspricht, spiegelt eine tiefe Verunsicherung wieder, die Richter, Staatsanwälte und Verteidiger befällt, wenn sie es mit Haschischkonsumenten zu tun haben. Je nach Bundesland wird der Besitz der Droge ganz unterschiedlich bewertet. In Hamburg etwa wird der Besitz ab zehn Gramm strafrechtlich verfolgt, in Nordrhein-Westfalen liegt der Grenzwert des Tolerierbaren bei sechs Gramm, Bayern bestraft schon den Besitz von einem einzigen Gramm. „In Brandenburg bewegen wir uns im Mittelfeld“, sagt Armin Krahl. „Fünf bis sechs Gramm gelten als Eigenbedarf, werden in der Regel nicht weiter verfolgt.“

Dabei gibt es juristisch keinen wirklichen Grund, bei kleineren Mengen ein Auge zuzudrücken. Vom Grundsatz her ist schon der Besitz des ersten Gramms strafbar. „Das aber würde die Justiz rein personell gar nicht leisten können“, rechnet der Anwalt vor. „Die festgestellten Cannabis-Delikte sind in den letzten Jahren von 200 000 auf 300 000 pro Jahr angestiegen.“ Die Zahl der Verurteilungen sei aber konstant geblieben. „Wenn man davon ausgeht, dass ein Richter im Jahr etwa 1000 Straftaten verhandeln kann, wird deutlich, welchen Aufwand wir treiben müssten, wenn wir alle Cannabis-Konsumenten vor Gericht bringen wollten.

Und warum auch? Ein Blick in die Länder, in denen Cannabis legalisiert wurde, zeigt: „Der Konsum erhöht sich dadurch nur unwesentlich. Aber die Verdienstmöglichkeiten der Dealer werden dadurch empfindlich beschnitten“, sagt Armin Krahl. Zudem böte der staatlich regulierte Verkauf eine Kontrolle über die Stärke der Drogen. „Derzeit gibt es so unterschiedliche Konzentrationen, dass auch die Konsumenten oft nicht wissen, wie stark ihr Stoff gerade wirklich ist.“

Karsten Wolff, Facharzt für Psychiatrie mit Suchtmedizinischer Zusatzqualifikation, ist Chefarzt am Zentrum für Psychosoziale Gesundheit (ZfPG) des Klinikums Niederlausitz. Aus seiner täglichen Arbeit weiß er, welche körperlichen und psychischen Schäden Drogenkonsum anrichten kann. Während das Klinikum im vergangenen Jahr etwa 184 Crystal-Fälle behandeln musste, kamen etwa 196 Patienten mit Störungen im Kontext von Cannabis-Konsum zur Behandlung.

In Erinnerung bleibt die18-Jährige, die nach jahrelangem Konsum an einer cannabisinduzierten Psychose litt. Ihre Symptome waren auch nach sechsmonatiger Behandlung noch qualvoll, weiteten sich schließlich zur Diagnose einer Schizophrenie mit schlechter Prognose aus. Auch der junge Mann war eindrücklich, der den festen Willen hatte, von Cannabis loszukommen. Auch nach einer Langzeitentwöhnung muss er weiterhin in einer geschützten therapeutischen Umgebung leben, da er „auch nach sechs Monaten absolut motivations- und antriebslos blieb und weiter an Denk- und Merkstörungen litt“, so Wolff.

„Die Entscheidung über eine Legalisierung muss politisch und gesellschaftlich gefällt werden“, sagt der Chefarzt. Die Stellungnahmen der medizinischen Fachgesellschaften sind allerdings eindeutig: Eine Legalisierung wäre ein Schritt in die falsche Richtung. „Die Verfügbarkeit von Cannabis würde erleichtert, vor allem Kinder und Jugendliche in Verführungssituation und Krisen oder suchtgefährdetem Milieu wären noch schutzloser“, so Wolff.

Entgegen mancher Meinung kann Cannabis tatsächlich zur Abhängigkeit führen. Etwa neun Prozent aller Konsumenten sind davon betroffen. Das Risiko steigt, wenn der Konsum schon in sehr jungen Jahren beginnt. Daneben gibt es deutliche Belege, dass Cannabis eine Einstiegsdroge für härtere Suchtmittel darstellt.

„Aus medizinischer Sicht ist der legale Verkauf von Cannabis mit hohen Risiken verbunden“, sagt der Arzt. Eine freie Verfügbarkeit würde Ungefährlichkeit suggerieren. Die krankhaften Auswirkungen von Cannabis sind durch umfangreiche Studien jedoch gut belegt. Regelmäßiger Konsum kann die Hirnleistung und das Gedächtnis verschlechtern, Aufmerksamkeit, Denkleistung und Problemlösungsfähigkeiten nehmen ab. Das Risiko, an Psychose zu erkranken, ist je nach Konsum um das 1,4- bis 3,4-fache erhöht. Auch Depressionen und Angststörungen genauso wie Lungenprobleme und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören zu den möglichen Folgeerscheinungen.

Bei der Debatte um eine Cannabislegalisierung sollte nach Ansicht des Arztes bedacht werden, dass bereits legale Suchtmittel wie Alkohol und Tabak erhebliche gesellschaftliche Probleme bereiten und mit viel Aufwand versucht wird, den Konsum wieder zu begrenzen. Statt ein neues Suchtmittel „auf den Markt zu bringen“ und dessen Folgen dann wieder zu bekämpfen, plädiert Karsten Wolff dafür, die bisherigen legalen Suchtmittel weiter zu beschränken, beispielsweise die Abgabe von Alkohol an unter 18-Jährige, sowie die Entstigmatisierung der Suchtkranken voranzubringen.