Die Cottbuser Streetworker winken ab. Crystal ist ein Problem, mit dem der Fachbereich der Hilfen zur Erziehung zu kämpfen hat. Andreas Raab, der diesen Fachbereich in der Jugendhilfe GmbH leitet, weiß vor allem von allein erziehenden Müttern und Vätern, die Crystal Meth nehmen. "Junge Drogenabhängige geraten noch mehr unter Druck, wenn sie Kinder zu versorgen haben. Crystal hilft, Tag und Nacht wach zu bleiben", schildert Raab.

Die jungen Eltern fallen oft zuerst in der Kindereinrichtung, in der Schule, bei Nachbarn auf. Weil es zuerst ums Kindeswohl geht, werden die Berater der Hilfen zur Erziehung eingeschaltet. "Dass die Probleme der kleinen Familie mit Crystal zu tun haben, fällt oft erst im Verlauf der Beratung auf", sagt Andreas Raab.

Mit fünf Familien, in denen Crystal Meth eine Rolle spielt, arbeiten er und seine Kollegen derzeit in Cottbus. Dass die Dunkelziffer viel höher sein muss, sehen die Sozialarbeiter an den Zahlen der Polizei zur Beschaffungskriminalität, nach Gesprächen mit Staatsanwälten und Richtern, mit Betroffenen.

Ein Risiko für die Kinder

Je nach Zusammensetzung kostet ein Gramm Crystal - die Ration für ein bis zwei Tage- derzeit 80 bis 100 Euro. Die Gefahr für Kinder im Haushalt besteht zum einen darin, dass sie in bestimmten Phasen ihrer drogenabhängigen Eltern hinten herunterfallen. "Dass sie das Methamphetamin in wenigen Monaten so zerstören kann, dass sie gar nicht mehr für ihre Kinder da sein können, vergessen Eltern in ihrer Abhängigkeit." Hinzukomme, dass Drogen und das Zubehör in der Wohnung herumliegen, Kinder herankommen.

Crystal Meth ist nicht neu. Als Stuka-Tablette und Panzerschokolade nahm es den Soldaten im Zweiten Weltkrieg die Angst, steigerte ihre Konzentrationsfähigkeit, ihre Leistung. Derzeit wird sie vor allem mit der Gruppe der 25 bis 30-Jährigen in Verbindung gebracht - junge Erwachsene, die in ihrem Beruf viel leisten müssen, in der Familie, im Freundeskreis unter Druck stehen. Viele von ihnen haben durchaus schon früh mit anderen Drogen angefangen. Und vor etwa vier, fünf Jahren, so erinnert sich Andreas Raab, wurde in der Drogenszene in Brandenburg mit Crystal Meth gelockt. Es wurde billig angeboten, zum Probieren verschenkt, verspricht als Zweitdroge neben Heroin einen zusätzlichen Kick. Aber die Nebenwirkung ist heftig, lässt den Körper schnell altern, greift die Organe an, macht im hohen Grade abhängig. "Auch der Zahnverfall ist auffällig", sagt Andreas Raab.

Es braucht Zeit, aus dem Teufelskreis auszubrechen. Da hilft in Cottbus ein Netz von Spezialisten, Therapeuten und von Pflegeeltern, die die oft noch kleinen Kinder aufnehmen, wenn die Eltern zur Entgiftung gehen.

Hoffnung? Bei Crystal Meth wartet er auf diese Erfahrung. Aber betreffs der Drogensucht allgemein hat Raab eine Gruppe von elf- bis 15-jährigen Jungen aus Schmellwitz vor Augen: Um 2005 herum waren sie dem Jugendamt aufgefallen. Sie galten als stressig, kamen aus schwierigen Elternhäusern, ein Junge hatte den Tod des Vaters nicht verkraftet. Sie zogen rum, klauten, probierten sehr schräge Drogen, experimentierten mit Kleber. "Einer hat es nicht geschafft", erinnert sich Raab, "aber alle anderen haben heute Arbeit, zum Teil Familie, stehen im Leben." Und das gelang, weil Menschen ihre Hand für sie ins Feuer legten. "Sie müssen aus dem Milieu heraus und Selbstbewusstsein entwickeln", sagt Raab.

Beratungsstelle gestrichen

Deshalb macht Sozialarbeiter wütend, wenn im Sicherungskonzept des Cottbuser Haushalts 2015 eine erhoffte weitere Suchtberatungsstelle wieder gestrichen werden soll. Als Begrün dung dieser Konsolidierungsmaßnahme heißt es "Durch Präsentation von Gefahren des Suchtmissbrauchs werden Menschen aufgerüttelt und auf gesundheitliche Schäden hingewiesen. Es erfolgt ein Stopp des Anstiegs der Patienten. Dadurch entfällt die Notwendigkeit einer weiteren Suchtberatungsstätte." Prävention genügt nicht und wird auch nicht ausgebaut.

Die Rauschgiftdelikte steigen: Nach 306 Fällen im ersten Halbjahr 2014 in Cottbus/Spree-Neiße waren es im gleichen Zeitraum 2015 mindestens 70 Fälle mehr.