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| 17:10 Uhr

Prozess am Landgericht
Attacken in Forst und Cottbus: Zeugen sagen aus

 Der Prozess findet am Cottbuser Landgericht statt.
Der Prozess findet am Cottbuser Landgericht statt. FOTO: Frank Hilbert
Cottbus. Ein Afghane, der in Forst am helllichten Tag seien Frau attackiert hat, zudem auch in Cottbus aufgefallen ist, steht derzeit vor dem Landgericht in Cottbus. Von Rene Wappler

Kurz vor Mittag bittet der Angeklagte um eine Pause. Habib W. habe Schmerzen, sagt sein Rechtsanwalt Christian Nordhausen.

Der Vorsitzende Richter Frank Schollbach erwidert: „Wir haben jetzt noch einen Zeugen.“ Danach sei eine Pause möglich.

Dabei sitzt der Mann aus Afghanistan vor Gericht, weil er selbst anderen Menschen Schmerzen zugefügt haben soll. Innerhalb weniger Tage habe er in Cottbus einen Dolmetscher angegriffen und seine frühere Frau in Forst mit dem abgebrochenen Hals einer Wodkaflasche attackiert. So lautet die Anklage gegen den Mann, der nach eigenen Worten am 1. Januar 1965 geboren wurde.

Dolmetscher sagt aus

Der 29-jährige Dolmetscher sagt als einer der Zeugen aus. Er erinnert sich, am 9. Oktober 2018 mit dem Rad von Sachsendorf nach Sandow gefahren zu sein. Am Brandenburger Platz habe er an einer Ampel gehalten. Dort sei ihm der Angeklagte begegnet, für den er früher schon als Dolmetscher im Einsatz war. Habib W. habe an seinem Rucksack gezogen und ihm gegen die Brust geschlagen.

Der Dolmetscher berichtet von einem Wortwechsel. So habe ihn der Angeklagte gefragt: „Warum fährst du nach Forst?“

Der Dolmetscher habe erwidert: „Lass mich in Ruhe, ich rufe die Polizei.“ Es sei überhaupt nicht sein Ansinnen gewesen, nach Forst zu fahren, beteuert er vor Gericht.

Angriff mit Flasche

In der Stadt an der polnischen Grenze lebte die Frau des Angeklagten mit den Kindern, nachdem sie sich von ihm getrennt hatte. Das geht aus einer Stellungnahme von Habib W. hervor. Darin schildert er, dass er am 20. Oktober, wenige Tage nach der Konfrontation mit dem Dolmetscher, in der Gymnasialstraße in Forst „zufällig“ auf seine Frau getroffen sei. „Ich sagte, sie solle stehenbleiben, meine Mutter sei verstorben. Sie sagte, alle sterben mal, und das empfand ich als respektlos.“ Er habe eine leere Flasche vom Boden aufgehoben, und er wisse noch, dass er zwei oder drei Mal mit der Flasche auf den Oberarm der Frau schlug. „Alles, was danach passiert ist, weiß ich nicht“, ließ der Angeklagte am ersten Tag des Prozesses durch seinen Anwalt erklären. „Als wäre es im Schlaf gewesen.“

Mehrere Zeugen erinnern sich genauer. Zu ihnen zählen zwei Männer, die den Angeklagten nach eigener Aussage festhielten. Eine Stationshelferin, die nebenan wohnte, kümmerte sich sofort um die verletzte Frau, bis Polizei und Notarzt eintrafen. So retteten diese Zeugen der Frau vermutlich das Leben.

Ein Kriminalbeamter schildert dem Gericht weitere Details zum Fall. Demnach trug die Frau Schnittverletzungen im Gesicht davon. Ihr Sohn habe von Gewalt im Alltag gesprochen, als die Eltern noch zusammenlebten, von einer Sprachnachricht des Angeklagten auf dem Telefon: „Sprecht mit eurer Mutter die letzten Worte.“ Zwar werteten die Ermittler nach Auskunft des Polizeibeamten das Mobiltelefon von Habib W. aus. Kurz vor der Tat habe er auch 60 Sprachnachrichten an seinen Sohn geschickt. Doch diese Botschaft oder ein weiterer Hinweis auf den Angriff sei nicht belegt. Der Polizeibeamte sagt: „Die Frau sprach davon, dass die Ehe von ihr nicht gewollt war, und dass Gewalt von Anfang an eine Rolle spielte.“ Einen Grund, warum das Paar überhaupt nach Deutschland kam, kann der Polizeibeamte nicht benennen.

Bericht des Gutachters

Das rechtsmedizinische Gutachten in diesem Fall stammt von Dr. Harald Voß. Die Frau klagte nach seinen Worten über Schmerzen in der rechten Hand und im Nacken. Zunächst hätten sie die Ärzte im Forster Krankenhaus versorgt, kurz darauf auch Fachleute aus dem Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum. „Die Behandlung verlief ohne Komplikationen“, berichtet Harald Voß. Allerdings gibt er zu bedenken: „Sie hätte sterben können, aufgrund einer Blutung aus einer Arterie an der Schläfe.“ So bestehe die Gefahr, „dass bei ihr für immer etwas zurückbleibt“.

Bis auf seine kurze Stellungnahme und die Klage über Schmerzen äußerte sich der Beschuldigte bisher nicht im Prozess. Sein Rechtsanwalt argumentierte im April gegenüber dem Richter, dass laut der Scharia das Verlassen des Ehemannes und das Wegziehen in eine neue Wohnung als Ehebruch gilt. „Der Angeklagte spricht kein Deutsch, und er kann nicht lesen, nicht schreiben und nicht rechnen“, erläuterte der Anwalt. So wisse Habib W. nicht, „dass hier ein anderes Rechtssystem herrscht“.

Der Vorsitzende Richter erwiderte jedoch, der Angeklagte habe sich „den Gesetzen der hiesigen Rechtsgemeinschaft zu unterwerfen“.

Das Verfahren wird in der nächsten Woche fortgesetzt.