| 02:50 Uhr

Zeitzeugen berichten über DDR-Haft

Matthias Katze (l.) und Heiner Sylvester lasen im Menschenrechtszentrum aus den Zeitzeugeninterviews.
Matthias Katze (l.) und Heiner Sylvester lasen im Menschenrechtszentrum aus den Zeitzeugeninterviews. FOTO: Ronald Ufer/rur
Cottbus. Die düsterste Zeit ihres Lebens schildern DDR-Häftlinge in dem Buch "Wir wollten nur anders leben. Erinnerungen politischer Gefangener im Zuchthaus Cottbus". Die Zeitzeugenberichte wurden am Donnerstag im Menschenrechtszentrum vorgestellt. Ronald Ufer / rur

Das Werk enthält 16 Interviews und Begleitmaterial unter anderem zur Geschichte des Gefängnisses. Die Gespräche wurden ursprünglich für die Zeitzeugenzelle im zweiten Stock des Menschenrechtszentrums geführt, wo auf zwei Monitoren ständig thematisch geordnete Erzählungen über den Haftalltag, Zwangsmaßnahmen und Formen des Widerstandes laufen.

Da diese Berichte großer Beachtung bei den Besuchern finden, fasste Regisseur und Herausgeber Heiner Sylvester sie in dem Buch zusammen.

"Für die Häftlinge waren die Interviews emotional sehr belastend. Sie gaben ihnen aber auch die Möglichkeit, sich nochmals mit den damaligen Erlebnissen und Geschehnissen auseinanderzusetzen", erläuterte Heiner Sylvester. Jedem der interviewten Häftlinge wurde ein Kapital gewidmet. Es enthält auch Biografisches und Angaben zur Arbeit in der Oppositionsbewegung und zu Verurteilungen.

Das Buch zeige die Behandlung politischer Häftlinge in Cottbus von den 50er Jahren bis 1984, erläuterte die Geschäftsführerin des Menschenrechtszentrums Sylvia Wähling. So würden auch Veränderungen deutlich, es gehe nicht um eine Dämonisierung. Der Band mit den Zeitzeugenberichten soll langfristig genutzt werden für die Auseinandersetzung der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus mit der SED-Diktatur, dem Umgang der DDR mit Menschen- und Freiheitsrechten sowie den unwürdigen Haftbedingungen für politische Gefangene in Cottbus.

Bei einer Lesung im Rahmen der Buchvorstellung stellte Matthias Katze, Jahrgang 1958, seine Erlebnisse vor. Das Buch stelle ein Stück Zeitgeschichte dar, betonte er. Alle, die durch das Nadelöhr des Cottbuser Gefängnisses gegangen seien, teilten viel Gemeinsames, hätten aber auch ganz eigene Lebensgeschichten zu erzählen. Fahnenappelle und FDJ-Nachmittage, bei denen ein unwahres Bild des Lebens in der DDR vermittelt wurde, hätten ihn schon als Jugendlichen auf Distanz gehen lassen, schilderte Matthias Katze Anfänge seines Widerstandes. "Dazu trug das Vorbild meines Großvaters bei, der mutig und ohne sich anzupassen seine Meinung vertrat. Die Begrenzung der Teilnahme an dessen Begräbnis durch die Behörden wegen der Lage des Ortes im Grenzgebiet haben mir dann letztlich die Augen über das Regime geöffnet."

Matthias Katze fand in Jena Anschluss an oppositionelle Kirchenkreise, wurde 1977 wegen versuchter Republikflucht zu acht Monaten Haft verurteilt. Nach der Entlassung war er weiter fest verwurzelt in den oppositionellen Jenaer Kirchenkreisen, die er als Ursprung der DDR-Widerstandsbewegung ansieht.

Das Engagement führte zu vier Jahren Haft wegen staatsfeindlicher Hetze, ungesetzlicher Verbindungsaufnahme und Beeinträchtigung des Wirkens staatlicher Behörden. So kam er in das Gefängnis Cottbus, wo er vom Aufseher Hubert Schulze (Spitzname Roter Terror) wegen Nichtigkeiten drangsaliert, verprügelt und zum Selbstmord gedrängt wurde. Das Buch lasse Schicksale lebendig werden. Es sei ein wichtiges Zeugnis des Widerstandes in der DDR und lege die Mechanismen der Diktatur offen, betonte Robert Grünbaum, stellvertretender Geschäftsführer der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.