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| 16:00 Uhr

Morgenmagazin besucht die Lausitz
ZDF-Chef begegnet Kritik aus Cottbus

 Andreas Wunn und Bettina Wanken vom ZDF diskutierten auf dem Altmarkt mit Lars Katzmarek (Mitte) vom Verein Pro Lausitzer Braunkohle.
Andreas Wunn und Bettina Wanken vom ZDF diskutierten auf dem Altmarkt mit Lars Katzmarek (Mitte) vom Verein Pro Lausitzer Braunkohle. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Mitarbeiter des Fernsehsenders sprachen im Stadthaus und auf dem Altmarkt mit Zuschauern. Von Rene Wappler

Moderatorin Aline Lepsch lässt noch einen Besucher zu Wort kommen. 20 Uhr am Donnerstag im Cottbuser Stadthaus, das Gespräch mit den Gästen vom Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) geht zu Ende, aber dieser eine Mann hat sich so ausdauernd gemeldet, dass er noch schnell das Mikrofon bekommt. Auf der Rückseite seines T-Shirts trägt er den Schriftzug „Freistaat Preußen in Friedensmission“, und er fragt den ZDF-Chefredakteur: „Warum täuschen Sie immer wieder die Bevölkerung?“ Es sei doch klar, dass es sich bei der Bundesrepublik um keinen souveränen Staat handele, sagt der Mann mit dem T-Shirt. Er argumentiert in der Logik der Reichsbürger, und die anderen Besucher werden langsam ungeduldig.

Peter Frey hört ihm zu, dann sagt er: „Die Unruhe im Raum zeigt uns vielleicht, dass nicht jedem Menschen im Raum das Thema so wichtig ist wie Ihnen.“ Er geht darauf ein, dass das ZDF viele Dokumentationen über den Nationalsozialismus zeigt, über das Alltagsleben in der DDR und über die Wiedervereinigung. Damit geht der Abend im Stadthaus zu Ende.

Geduld scheint ein Markenzeichen des Chefredakteurs in solchen Gesprächsrunden zu sein. Viele Besucher aus Cottbus kritisieren den Fernsehsender. Peter Frey bedankt sich für die offenen Worte, um dann gern freundlich, aber bestimmt zu widersprechen.

Markig eingestiegen

Frank Hennig aus Peitz sagt: „Sie berichten aus meiner Sicht nicht objektiv, nicht ausgewogen, sondern politisch einseitig.“ Das ZDF nehme es sich in Beiträgen über Proteste gegen den Tagebau in der Lausitz heraus, permanent Straftäter als Aktivisten zu bezeichnen.

Peter Frey erwidert: „Ehrlich gesagt, bin ich froh, dass Sie so markig eingestiegen sind.“ Die ZDF-Mitarbeiter stünden jeder Art von Politikverehrung kritisch gegenüber. Menschen, die Straftaten begehen, sollten tatsächlich als solche gekennzeichnet werden, sagt der Chefredakteur. „Aber die Unterstellung, dass jeder Aktivist ein Straftäter ist, möchte ich zurückweisen.“

Mehrere Besucher sprechen sich gegen Gebühren für das öffentlich-rechtliche Fernsehen aus. Dazu erklärt Peter Frey: „Seit mehr als zehn Jahren sind die Gebühren nicht mehr erhöht worden.“ Dabei wüssten doch auch alle Leute im Publikum, dass das Leben teurer wird. Das ZDF habe seit dem Jahr 2011 ungefähr zehn Prozent seines Personals abgebaut.

Antwort mit praktischem Beispiel

Ulrich Böhm aus Cottbus befindet, der Sender produziere durchaus ein paar hervorragende Sendungen. „Doch dass Sie ausgewogen berichten, kann ich nicht nachvollziehen.“ Vielmehr entdecke er im Programm vor allem Werbung für bestimmte Parteien.

Der Chefredakteur antwortet mit einem praktischen Beispiel: „Wir haben uns im Morgenmagazin angewöhnt, vor der Landtagswahl noch mal alle Spitzenkandidaten zu hören.“ Das reiche über das ganze politische Spektrum, von der AfD über die CDU bis zur Linken.

Zu den Besuchern im Stadthaus zählt die Fraktionschefin der Cottbuser AfD. Marianne Spring-Räumschüssel bezieht sich in ihren Fragen auf die Situation in Cottbus: „Warum erkennt man nicht an, dass wir die stärkste Kraft im Stadtparlament sind?“ Fünf Jahre lang habe die Partei Sachpolitik geleistet. „Bei Ihnen heißt es aber immer, wir hätten keine Lösungen“, sagt Marianne Spring-Räumschüssel zu Peter Frey. „Das nehme ich Ihnen übel.“

Zwischenruf aus dem Saal

Einerseits merkt der Chefredakteur an: „Ich glaube, dass Sie sich sehr gut in den Fernsehbeiträgen darstellen konnten.“ Andererseits sagt er: „Ich bin ganz bei Ihnen, dass es darum geht, die Frage zu beleuchten, warum die Leute die AfD wählen.“ Schließlich gibt er die Kritik zurück: „Aber nach dem Rentenkonzept Ihrer Partei fragen wir schon seit Jahren und kriegen keine Antwort.“

Ein Zuschauer aus dem Saal ruft dazwischen: „Das ist doch Ihr rot-grünes Argument!“

Peter Frey sagt: „Das ist kein Argument, das ist die Wahrheit.“ Ihm fehle tatsächlich eine klare Aussage der AfD zu den Renten.

Besucher erinnert an die DDR

Eine Gegenposition zu vielen Kritikern des ZDF bezieht der Leiter des Kindermusicals, Torsten Karow. Er erinnert an die Zeit der DDR. „Das ZDF war das Tor zur Freiheit.“ Er wendet sich an die anderen Besucher im Saal. „Wir kennen alle noch das DDR-Staatsfernsehen, und ich will es nicht begreifen, wenn Menschen die öffentlich-rechtlichen Sender in dessen Nähe rücken.“ Das betrachte er als diffamierend. Zu den Gästen vom ZDF sagt er: „Mein Kompliment an das, was Sie zur Zeit aushalten müssen.“ Ohne diese Sender bestehe die Gefahr, „dass ein Teil unserer Kultur kaputt geht“. Für seine Worte erntet Torsten Karow gleichermaßen Beifall und Buhrufe.

Zehn Stunden später erleben die Cottbuser, wie das ZDF arbeitet. Das Morgenmagazin schaltet sich am Freitag live in eine Übertragung vom Altmarkt. Redaktionsleiter Andreas Wunn sagt: „Um sechs Uhr morgens hatten wir noch nie so viele Menschen auf den Marktplätzen.“

Der Fernsehsender widmet sich der Frage, wie es in der Lausitz nach dem Ende der Braunkohle weiter gehen soll. Professorin Heike Jacobsen lehrt an der Brandenburgischen Technischen Universität Wirtschafts- und Industriesoziologie. Sie sagt im Gespräch mit Andreas Wunn: „Im Ruhrgebiet hatte man viel mehr Zeit, sich auf den Ausstieg vorzubereiten.“ Den Begriff des Strukturwandels bezeichnet sie als „verharmlosend“. Vielmehr erlebe die Lausitz einen Strukturbruch.

Arbeitsplätze verschwunden

Dabei hat die Region nach den Worten von Redaktionsleiter Andreas Wunn vor 30 Jahren schon einmal einen solchen Strukturbruch mitgemacht. 110 000 Leute arbeiteten zu DDR-Zeiten in der Braunkohle. Heute sind es nur noch 8000.

Ratlos äußert sich Lars Katzmarek vom Verein Pro Lausitzer Braunkohle, der ein T-Shirt mit dem Schriftzug „Grubenhelden“ trägt. Er wisse nicht, wie die Zukunft aussieht. „Wir wollen einfach was Festes in der Hand haben, mit dem wir planen können.“

Unterdessen vermisst die Kaffeehausbetreiberin Doreen Zeumke einen gewisse Zuversicht. „Ich habe mich in den USA in die positive Art der Menschen verliebt“, sagt sie. „Das fehlt mir hier mitunter, und da kann die Politik noch so viel tun.“

 ZDF-Chefredakteur Peter Frey (Mitte) unterhält sich vor der Veranstaltung im Stadthaus mit Oberbürgermeister Holger Kelch (rechts) und Stadtsprecher Jan Gloßmann.
ZDF-Chefredakteur Peter Frey (Mitte) unterhält sich vor der Veranstaltung im Stadthaus mit Oberbürgermeister Holger Kelch (rechts) und Stadtsprecher Jan Gloßmann. FOTO: LR / René Wappler