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Wummer-Bass gegen Fremdenhass

Rund 300 Menschen zogen mit der Nacht-Tanz-Demo durch Cottbus.
Rund 300 Menschen zogen mit der Nacht-Tanz-Demo durch Cottbus. FOTO: Lydia Schauff/lsc1
Cottbus. Kinder, Senioren, Deutsche, Ausländer: Rund 300 Menschen aller Altersklassen und unterschiedlicher Herkunft sind Samstagabend und bis in die Nacht hinein bei der Nacht-Tanz-Demo für Weltoffenheit durch Cottbuser gezogen. Wie nötig das ist, zeigt die Statistik. 2015 war Cottbus in Brandenburg Spitzenreiter bei rassistisch motivierten Übergriffen. Lydia Schauff / lsc1

Einige wippen mit dem Kopf im Takt der lauten Beats, die vom Truck vor ihnen tönen, andere werfen ihre Arme in die Höhe, gehen mit ihrem ganzen Körper mit. Sie tanzen an gegen Rassismus. Der Bass wummert gegen Fremdenhass. "Refugees Welcome" (Flüchtlinge willkommen) oder "Defend Diversity" (Vielfalt verteidigen) steht auf Fahnen. Drei Männer schwenken die Flagge Kurdistans.

Zum sechsten Mal haben das Bündnis Cottbus Nazifrei und die Initiative Flucht und Migration Cottbus - kurz FluMiCo - unter dem Motto "Nachtaktiv gegen Rassismus" zur Nacht-Tanz-Demo aufgerufen. Offen für Toleranz einzutreten sei laut Luisa Meyer von Cottbus Nazifrei gerade jetzt wichtig. Die Zahl der rassistischen und rechtsmotivierten Übergriffe sei seit 2015 in Cottbus auf einem Höchststand. Mit 28 Übergriffen gehörte Cottbus laut dem Verein Opferperspektive zu den Spitzenreitern in Brandenburg. Der Verein zählte 2015 im Land 203 Angriffe, das höchste Angriffsniveau seit 15 Jahren.

Auch 2016 kommt Cottbus nicht zur Ruhe. Jeden Monat taucht die Stadt, meist mehrfach, in der Online-Chronologie der Opferperspektive auf. Die Geschichten ähneln sich: Flüchtlinge werden beschimpft, getreten, mit Flaschen beworfen, es werden Hunde auf sie gehetzt. Ende September machte der Anschlag auf den alternativen Cottbuser Club Chekov Schlagzeilen (die RUNDSCHAU berichtete). 20, teils vermummte Männer, stürmten eine Studentenparty, schlugen Menschen.

Weil sie mit dieser Intoleranz nicht einverstanden ist, mischt sich am Samstagabend Nele unter die Teilnehmer der Nacht-Tanz-Demo der Tanz-Demos. "Fremdenfeindlichkeit gehört einfach nicht mehr in unser Zeitalter", sagt sie. Susann ist ein Dauergast. "Ich bin jedes Jahr dabei", sagt sie und erzählt: "Im Puschkinpark erlebe ich regelmäßig, wie junge ausländische Männer, die dort gemeinsam sitzen und Fußball spielen, von deutschen Jugendlichen angepöbelt werden."

Hassan Ghadar von FluMiCo, selbst Afghane und seit sechs Jahren in Deutschland, kennt die Geschichten: "Die Flüchtlinge erzählen mir fast täglich, dass sie beleidigt wurden. Und überall sehen sie an den Ampeln die No-Asyl-Aufkleber und -Kritzeleien." Ein Problem sei, dass viele Flüchtlinge aus Angst um ihr Asylverfahren, sich nicht getrauen, Angriffe anzuzeigen. Schlimm sei die Angst auf die Straße zu gehen, sagt er, wegen der Angst vor neuen Angriffen. Auch ihn, mit seiner dunklen Hautfarbe, begleite sie.

Am Samstagabend ist sie nicht zu spüren. Unter den Teilnehmern der Nacht-Tanz-Demo sind viele Ausländer. Einer hält stolz eine kleine deutsche Fahne in der Hand. Am Spremberger Turm stoppt die Demo kurz. Ein Redner ruft ins Mikro, dass er einen Traum habe: Von einer Stadt, in der Flüchtlinge, Homosexuelle, Punks und wer auch immer ohne Angst auf die Straße gehen kann. Dann setzt sich der Truck, auf dem DJs auflegen, wieder in Bewegung. Und in den Cottbuser Straßen wummert der Bass gegen Fremdenhass weiter.