| 16:51 Uhr

KOLUMNE Wort zum Weihnachtsfest
Vom Sinn unseres Lebens

Cottbus. „Schau mal, Adam und Eva“, sagt die junge Frau zu ihrem Partner. Sie gehen gerade über den Weihnachtsmarkt und kommen an den großen Krippenfiguren zwischen den einzelnen Verkaufsständen vorbei. Von Martin Herche, Generalsuperintendent im Sprengel Görlitz

Ich vermute, sie hatten in der Schule keinen Religionsunterricht und der Besuch des Gottesdienstes zu Heiligabend gehört nicht in ihr Weihnachtsprogramm. Von Maria und Josef haben sie scheinbar noch nichts gehört.

Die beiden könnten die Eltern von Britta, der Hauptfigur in Juli Zehs „Leere Herzen“ sein. Da erzählt die Schriftstellerin von einem Gespräch bei Tisch. Das Mädchen Britta fragt seine Eltern, warum Menschen an Gott glauben. Den Eltern ist die Frage sichtlich peinlich. Dann antwortet der Vater, manche würden das brauchen, wenn es ihnen schlecht geht.

Die Mutter sagt, es hätte etwas mit dem Sinn des Lebens zu tun. Darauf fragt Britta, was denn für ihre Eltern der Sinn des Lebens sei.

Nach einigem Zögern antwortet der Vater, wenn sie als Familie schön zusammen wären.

„Aber das sind wir doch schon“, sagt Britta und fragt‚ was der Sinn des Lebens sein würde, wenn es der Familie mal nicht so gut geht.

Ob uns dieses Weihnachten die Gelegenheit bietet, über den Sinn unseres Lebens nachzudenken und vielleicht auch mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen?

Britta erhält von ihren Eltern im Roman keine befriedigende Antwort.

Später wird es von ihr heißen: Das Einzige, was sie liebte, war der polierte Betonfußboden in ihrer Wohnung.

Hätte Britta doch bei ihren Eltern spüren können, dass es mehr gibt, als sie haben und wissen, mehr noch als sie sich vorstellen können.

Hätte sie doch bei ihren Eltern eine Sehnsucht nach dem „Mehr“ gespürt, selbst wenn die Eltern dafür noch keinen Namen hätten.

In der biblischen Geschichte von der Geburt Jesu finden Hirten dieses „Mehr“, als sie zu dem Kind im Stall kommen.

Der Stall – eigentlich ein Skandal. Und dann die Eltern! Josef weiß: „Dieses Kind ist nicht von mir.“ Aber er steht zu seiner Verlobten. Und Maria hat ihr uneheliches Kind nicht abgetrieben. Was für ein Mut!

Die beiden nehmen den kleinen Jesus als Gottesgeschenk, und die Hirten sind so beeindruckt, dass sie anderen davon weitererzählen.

Viele werden es später bestätigen – Huren und andere Außenseiter, Kranke, Trauernde, Zweifelnde: Dieser Jesus ist für uns ein Gottesgeschenk! Es tut uns gut, wenn er uns begegnet. Er gibt uns unsere Würde zurück.

Warum erzählen wir heute noch die alten Geschichten?

Damit Maria und Josef nicht mit Adam und Eva verwechselt werden und im realen Leben am Ende nicht doch noch jemand als Einziges seinen polierten Betonfußboden liebt. Aber vor allem anderen deshalb, weil die Jesus-Geschichten vom Sinn unseres Lebens an guten und auch an scheinbar schlechten Tagen künden: Wir werden geliebt und können selber lieben.

Wo aber die Liebe ist, da ist Gott. – Wie im Stall von Bethlehem. Die Krippenfiguren erinnern uns daran. Und die Gottesdienste zu Heiligabend und an den Feiertagen. Herzliche Einladung und ein gesegnetes Weihnachtsfest!

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