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| 18:30 Uhr

Interview mit Wolfgang Engler
Trotzig ostdeutsch? „Geschichte ist nicht auserzählt“

 Jana Hensel und Wolfgang Engler debattieren über ostdeutsche Erfahrungen. Wolfgang Engler (Jahrgang 1952) ist Soziologe, Dozent an der Schauspielhochschule „Ernst Busch“ in Berlin, von 2005 bis 2017 war er dort Rektor. Jana Hensel (Jahrgang 1976) arbeitet als Autorin für „Zeit Online“ und „Die Zeit“ im Osten. Mit ihrem Buch „Zonenkinder“ wurde sie 2002 einer breiten Öffentlichkeit bekannt. 
Jana Hensel und Wolfgang Engler debattieren über ostdeutsche Erfahrungen. Wolfgang Engler (Jahrgang 1952) ist Soziologe, Dozent an der Schauspielhochschule „Ernst Busch“ in Berlin, von 2005 bis 2017 war er dort Rektor. Jana Hensel (Jahrgang 1976) arbeitet als Autorin für „Zeit Online“ und „Die Zeit“ im Osten. Mit ihrem Buch „Zonenkinder“ wurde sie 2002 einer breiten Öffentlichkeit bekannt.  FOTO: Milena Schlösser / milena schloesser
Cottbus. Der Soziologe und Dozent an der Schauspielhochschule „Ernst Busch“ spricht in Cottbus über Herkunft und Heimatlosigkeit. Von Ida Kretzschmar

Wie tickt der Osten? Prof. Dr. Wolfgang Engler und Jana Hensel haben darüber ein Streitgespräch geführt. „Wer wir sind. Die Erfahrung ostdeutsch zu sein“, so der Titel ihres Buches, das sie auch in Cottbus zur Debatte stellen werden. Die RUNDSCHAU sprach zur Serie im 30. Jahr nach dem Mauerfall mit dem 67-jährigen Soziologen über Herkunft, Heimatlosigkeit, Hassparolen und Dresens preisgekrönten Hoffnungsfilm „Gundermann“.

Wolfgang Engler, wo haben Sie den Herbst 1989 erlebt?

Engler In Berlin, mit dem Blick auf Leipzig, wo die Ersten zu Tausenden auf die Straße gingen. Das waren schon dramatische Momente, eine aufregende Zeit. Alle Welt diskutierte, schmiedete Pläne, analysierte die allgemeine Sklerose des Systems, auch Möglichkeiten eines dritten Weges. Als dann Helmut Kohl im Dezember auftrat und überall die bundesdeutschen Fahnen wehten und „Wir sind ein Volk“ skandiert wurde, da war mir klar, dass die erste radikal-demokratische Phase in die zweite übergeht, die direkt auf den Beitritt zusteuert. Die Wirtschaft der DDR lag am Boden. Keine Zeit und kein Platz mehr für Experimente aus Sicht der Mehrheit.

Was hat sich für Sie selbst verändert?

Engler Schaut man auf meine Biografie, dann hat die Wende rein gar nichts verändert. Die Wege sind die- selben, die Orte, die ich täglich besuche, oft sind es auch die gleichen Menschen, die ich treffe. Seit den 80er-Jahren unterrichte ich Kultursoziologie und Ästhetik an der Schauspielhochschule „Ernst Busch“, von 2005 bis 2017 war ich dort Rektor. Brüche, wie sie viele Ostdeutsche erfahren mussten, gibt es in meiner Biografie nicht, wobei ich natürlich den historischen Bruch als politischen Bruch erlebt habe.

Wie hat sich das auf Ihr Lebensgefühl ausgewirkt?

Engler Das erste verrückte Jahr nach dem Aufbruch habe ich als Dozent an Universitäten in Westdeutschland zugebracht. Damals herrschte noch ein Klima der Unbefangenheit, des wechselseitigen Interesses. Das legte sich dann bekanntlich in den Neunzigern sehr schnell. Im Rückblick weiß ich zu schätzen: Unter anderem Vorzeichen hätte ich die Bücher nicht schreiben, viele Orte niemals sehen können.

Dennoch beschäftigen Sie sich immer wieder damit, „Wer wir sind“. Mit dem gleichnamigen Buch, das ein Streitgespräch mit der 1976 geborenen Jana Hensel wiedergibt, kommen Sie nach Cottbus. Viele hier teilen mit Ihnen die Erfahrung, ostdeutsch zu sein. Was glauben Sie, hat uns besonders geprägt?

Engler Ich unterscheide zwischen DDR-Erfahrung und ostdeutscher Erfahrung. Ohne die Wende wäre diese nie zustande gekommen. In der DDR betonten die Menschen das Ostdeutsche nicht. Und wenn doch, dann eher mit einem kritischen Akzent. Das hing mit dem Ost-West-Vergleich zusammen, den Beschwernissen im eigenen Lande. Es bedurfte schon tiefer sozialer Einschnitte, des ökonomischen Kahlschlags durch die Treuhand und eines gewissen zeitlichen Abstands zur DDR, um genauer herauszufinden, wer man ist. Dieses Bewusstsein, dass da doch etwas sehr Besonderes passiert und über die Menschen im Osten Deutschlands hereingebrochen ist, hat sich allmählich entwickelt. Und ist längst nicht ins gesamtdeutsche Bewusstsein gelangt, wird teilweise noch immer abgetan als unvermeidlicher Umbruch, der DDR geschuldet. Aber die Geschichte ist nicht auserzählt. Und weil sie nicht auserzählt ist, behauptet sich trotzig das ostdeutsche Gefühl.

Wie steht es mit der oft beschriebenen Anpassungsfähigkeit?

Engler Im Grunde blieb den Ostdeutschen nichts anderes übrig. Von den mehr als 150 Großbetrieben mit rund 5000 Beschäftigten in der DDR sind sehr schnell 145 verschwunden. Das ist schon ein dramatischer Umbruch. Entweder man hatte Glück, behielt seine Arbeit oder fand neue, freilich immer weniger bezahlt als die Kollegen im Westen. Oder man verließ das Land oder landete oft in prekären Beschäftigungen oder Zeitarbeit. Da hatte man keine andere Wahl, als sich anzupassen. Die damit verbundenen Kränkungen wirken nach.

Woher kommt die offenbar besonders große Angst vor Ausländern und allem Fremden?

Engler Es wurde ja immer wieder versucht, die Ursache in der Abriegelung der DDR zu suchen. Dort gab es in den späten Jahren auch gewaltbereite Hooligans und Faschos. Aber für mich sind die wesentlichen Erklärungen die Jahre danach. Die Demütigung vieler Ostdeutscher, erst durch die Treuhand, dann durch die Hartz-Gesetze. Als sie dann diese Willkommenskultur für die Flüchtlinge 2015 erlebten, haben sie sich daran erinnert und ihre Rechnung präsentiert.

Was, denken Sie, haben die Erfahrungen der vergangenen 30 Jahre mit den Ostdeutschen gemacht?

Engler Was im Moment am meisten ins Auge sticht, ist natürlich, dass sie überproportional rechtspopulistisch wählen, und nicht wenige tummeln sich im rechtsradikalen Sumpf. Das wird zu Recht heiß diskutiert. Nach meinem Eindruck ist es wenig zielführend, dieses Phänomen, diese Wutausbrüche auf Ausländer und Medien, nach 30 Jahren noch primär auf die DDR zurückzuführen. Meiner Meinung nach haben auch die Wahlerfolge der AfD vor allem mit den Erfahrungen in den 90er-Jahren zu tun. Das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein. Es sind nicht nur die Abgehängten, die Vertrauen in die Medien und die Parteien verloren haben. Die Mittelschicht, dieses Grundpfand der Demokratie, fühlt sich bedroht, die massive Abwanderung schwächt sie zusätzlich.

Jana Hensel sagt im Buch: All die Formen der Abwertung, denen Ostdeutsche ausgesetzt waren, rechtfertigen das nicht.

Engler Da hat sie natürlich recht. Jede Art, menschliche Schicksale dafür zu missbrauchen, um rechtsgerichtete Parolen zu untermauern, ist abzulehnen.

Das Buch ist im Streitgespräch gemeinsam mit der Autorin von „Zonenkinder“ entstanden. Warum halten Sie unterschiedliche Sichten verschiedener Generationen für wichtig?

Engler Es ist ein Streitgespräch, das wir aufgezeichnet haben. Dabei gab es auch heftige Auseinandersetzungen. Wir haben uns dafür entschieden, diese im Buch zu belassen. Das ist ihm gut bekommen. Auch, dass der Abstand einer Generation zwischen uns liegt. Es ist doch eine Debatte, die in Deutschland geführt wird und Menschen auch entzweit. Da ist es gut, aufzuschreiben, warum es eigentlich geht, weshalb wir uns in die Haare geraten.

Wo liegen denn Ihre Streitpunkte?

Engler Da gibt es einiges. Die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung im Herbst 2015, die Rolle der Massenmedien, identitätspolitische Fragen, da ging es teilweise hoch her. Jana Hensel wird ihre Position, da bin ich sicher, in Cottbus selbst deutlich werden lassen.

Die Erfahrungen sind unterschiedlich. Kann man überhaupt die Ostdeutschen über einen Kamm scheren?

Engler Natürlich ist das ein Problem. Schon der Titel macht uns angreifbar. Andererseits steckt doch mehr als ein Körnchen Wahrheit in der Verallgemeinerung. Wenn man als Deutscher in die Welt kommt, sieht man doch auch, wie unterschiedlich die Menschen in ihren Ländern miteinander auskommen und merkt, dass es so etwas wie einen kollektiven Habitus tatsächlich gibt.

Jana Hensel beschreibt das Lebensgefühl der Ostdeutschen mit Heimatlosigkeit.

Engler Der Heimatbegriff ist ja umstritten, und es wird immer gern Schindluder damit getrieben. Aber wenn man Leute trifft, wir waren ja schon bei mehr als 20 Lesungen, so ist vielen Heimat ein Bezugspunkt der eigenen Erfahrung.

Warum geben Sie immer wieder „Kunde von einem verlorenen Land?“ Ihr gleichnamiges Buch ist gerade in erster erweiterter Auflage erschienen.

Engler Das Interesse an diesem verlorenen Land und der Geschichte klang in den Nullerjahren spürbar ab. Überraschend ist: Es war offenbar lange verkapselt. Zunächst musste ja vornehmlich alles dafür getan werden, das Dasein zu fristen. Jetzt aber ist das Thema wieder für viele hochinteressant, füllen sich Säle zu diesem Thema. Wenn man eine Landschaft so umgräbt, wie es nach der Wiedervereinigung unter Federführung der Treuhand passiert ist, hat das Spätfolgen, die schwer beherrschbar sind. Da können ganze Landstriche politisch kippen. Insofern ist die Beschäftigung mit diesem historischen Prozess wichtig. Im Rückblick kann man nichts anders machen oder Wunden heilen. Dennoch kann man aufzeigen, was anders hätte laufen können, müssen. Die Entwicklung in Ostdeutschland, die Angleichung der Lebensverhältnisse stehen doch immer noch auf der Tagesordnung. Dazu braucht es lebendige Debatten, gerade weil ein Teil des Ostens aus dem Ruder läuft.

Für manche ist Osten inzwischen nur noch eine Himmelsrichtung.

Engler Es gibt Studien über die Einstellungen Ostdeutscher, die die DDR gar nicht erlebt haben. Und da gibt es markante Unterschiede zu gleichaltrigen jungen Leuten im Westen. Es sind grundlegend andere Erfahrungen. Das fängt mit den Eltern an, die in der Regel keine Aktien, kein großes Kapital, kaum Grundbesitz haben, sodass sich das Leben insgesamt bescheidener gestaltet. Die Berufsaussichten sind bescheidener, die Erwartungen heruntergeschraubt. Da darf man sich keine Illusionen machen. Das wächst sich nicht so schnell aus. Das zu leugnen, ist kindisch. Man muss doch nur mal schauen, wie lange sich die Animositäten von Schotten und Engländern halten. Die gibt es noch nach 200 Jahren!

Als Dozent der renommierten Schauspielhochschule „Ernst Busch“ haben Sie es bestimmt gern zur Kenntnis genommen: Gerade hat „Gundermann“ die goldene Lola für den herausragendsten Film des vergangenen Jahres bekommen. Der vielschichtige Film, der alles andere als Ostdeutsche schwarz-weiß zeichnet, gewann in Berlin sechs Auszeichnungen. Sehen Sie das auch als Zeichen, dass man nun andere Geschichten miteinander erzählen kann, „Geschichten, die differenzierter sind, nicht nur von Gut und Böse oder Tätern oder Opfern handeln, sondern auch von den vielen menschlichen Tönen dazwischen“, wie Dresen nach der Preisverleihung sagte?

Engler Das wäre schön. Aber ehrlich gesagt: Allzu große Hoffnung habe ich nicht. Schon in den späten 90ern schien es ja mit „Sonnenallee“ und „Good Bye, Lenin!“ möglich, und dann ging das Ossi-Bashing wieder von vorne los. Dennoch freue ich mich über den Erfolg des Films, gerade im Westen, das ist ermutigend. Letztlich führt uns nur die Stärkung des Rückgrats des Ostens näher zusammen. Unverzichtbar ist, dass Strukturen einziehen in die vom Fortschritt verlassenen Regionen. Da sollten Sie auch in der Lausitz der Kohlekommission genau auf die Finger sehen.

 „Good Bye, Lenin?“ Erst fiel die Mauer. Dann das Lenin-Denkmal. Nach fast einem Vierteljahrhundert wurde der riesige Berliner Lenin-Kopf fürs Museum geborgen. Das ostdeutsche Lebensgefühl aber hat die Wende geprägt, ist der Berliner Soziologe Prof. Wolfgang Engler überzeugt.
„Good Bye, Lenin?“ Erst fiel die Mauer. Dann das Lenin-Denkmal. Nach fast einem Vierteljahrhundert wurde der riesige Berliner Lenin-Kopf fürs Museum geborgen. Das ostdeutsche Lebensgefühl aber hat die Wende geprägt, ist der Berliner Soziologe Prof. Wolfgang Engler überzeugt. FOTO: Andreas Altwein
 „Good Bye, Lenin?“ Erst fiel die Mauer. Dann das Lenin-Denkmal. Nach fast einem Vierteljahrhundert wurde der riesige Berliner Lenin-Kopf fürs Museum geborgen. Das ostdeutsche Lebensgefühl aber hat die Wende geprägt, ist der Berliner Soziologe Prof. Wolfgang Engler überzeugt.
„Good Bye, Lenin?“ Erst fiel die Mauer. Dann das Lenin-Denkmal. Nach fast einem Vierteljahrhundert wurde der riesige Berliner Lenin-Kopf fürs Museum geborgen. Das ostdeutsche Lebensgefühl aber hat die Wende geprägt, ist der Berliner Soziologe Prof. Wolfgang Engler überzeugt. FOTO: Andreas Altwein