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| 19:13 Uhr

Wohnen in Cottbus
Pfiffig gegen Mietwucher

 Ludwig Domrös (l.) bespricht mit einem Handwerke Einzelheiten der Dachsanierung. Der Geselle ist im Schacht „Axt und Kelle“ auf der Walz und findet das Projekt in der Parzellenstraße spannend.
Ludwig Domrös (l.) bespricht mit einem Handwerke Einzelheiten der Dachsanierung. Der Geselle ist im Schacht „Axt und Kelle“ auf der Walz und findet das Projekt in der Parzellenstraße spannend. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. Ein ungewöhnliches Wohnprojekt in der Parzellenstraße zeigt, wie man auch ohne viel Geld zum Hausbesitzer werden kann: Mit dem bundesweit aktiven Mietshäuser-Syndikat. Von Andrea Hilscher

Das Haus ist in die Jahre gekommen. Außen zumeist grauer Putz, innen ausgetretene Treppenstufen, große Räume mit zusammengesuchten Möbeln. Nur die lila gestrichenen Fassadenteile weisen darauf hin: Hier ist etwas anders: Die „Zelle 79“ wird das Haus in der Szene liebevoll genannt, seit 2000 beherbergt sie ein alternatives Wohnprojekt.

Jetzt haben die Bewohner das Haus gekauft. Mit Hilfe des bundesweit aktiven Mietshäuser-Syndikats wollen die neuen Eigentümer zeigen, wie das geht: Immobilien ohne Hai im Hintergrund, ohne Mietwucher, ohne Ungerechtigkeit.

Die Berliner Tageszeitung Taz war vor einem Jahr in dem Haus zu Besuch, wollte nachschauen, ob es in Cottbus neben der rechten Szene noch etwas anderes gibt. Einen „der Freiräume für Andersdenkende“ nannte die Taz das Haus,  es sei zugleich Bi­blio­thek und Basislager, hier würden Demos und Veranstaltungen geplant, abends trifft man sich zum Musikmachen und Feiern.

Ludwig Domrös (27) lebt seit 2012 in der Parzellenstraße. Er selbst jobbt, veranstaltet Konzerte, engagiert sich im Strombad und jetzt eben für das Mietshäuser-Syndikat. Die Grundidee: „Wir wollen den steigenden Mietpreisen etwas entgegensetzen und solidarisch wohnen und selbstverwaltet leben.“ Der Mietvertrag wäre 2020 ausgelaufen, es brauchte also eine Idee.

In der linksalternativen Szene hat sich herumgesprochen, dass das 1992 in Freiburg gegründete Mietshäuser Syndikat in derartigen Fällen helfen kann. Die Grundidee: Anleger investieren direkt ohne Umweg über die Banken in Immobilienprojekte. Eine Investition, die Idealismus verlangt: Laut Stiftung Warentest seien die Renditeerwartungen gering.

Doch um Renditen geht es den Mitgliedern des Syndikats nicht. „Wir wollen zeigen, dass es andere Lebensmodelle gibt, die funktionieren können“, sagt Ludwig Domrös. „Solche Wohnformen werden künftig immer wichtiger werden, weil die Mieten gerade in größeren Städten kaum noch zu bezahlen sind.“

2018 haben die Cottbuser Bewohner zusammen mit dem Syndikat eine Haus-GmbH gegründet und die Zelle 79 gekauft. Dafür und für die Sanierung sind rund 390 000 Euro veranschlagt. Das Eigenkapital dafür kam durch Spenden und harte Arbeit zusammen. Hausverein und Mietshäuser Syndikat haben in der GmbH Stimmenparität, so dass Verkauf oder Umwandlung nur einvernehmlich möglich sind. Entscheidungen wie Wohnungsvergabe, Gestaltung, Finanzierung und Miethöhe treffen die Menschen des Wohnprojektes gemeinsam.

Derzeit leben in der Parzellenstraße neun Menschen, ihr Alter liegt zwischen 19 und 35, es gibt Männer, Frauen, eine Katze und einen Putzplan. „Wir haben unsere Regeln und wer sich dauerhaft nicht daran hält, für den ist das Leben in unserer WG nichts“, sagt Ludwig Domrös. Denn wenn schon die Alltagskonflikte nicht gelöst werden können, dann klappt es bei großen Entscheidungen erst recht nicht.

Und große Entscheidungen stehen an. Käufer mit kommerziellen Interessen hätten die Immobilie abreißen müssen. Die jetzigen Bewohner aber wollen es erhalten. Derzeit werden Dach und Fassade saniert. Alle Entscheidungen über das Wie und Wer treffe  die Bewohner zusammen.

Sie teilen die Küche und den Garten, ihre Lebensmittel und die Gemeinschaftskasse. Durch die Modernisierung sollen zwei zusätzliche Zimmer entstehen und dann elf Menschen Wohnraum bieten – zu Mieten, die am unteren Rand des Cottbuser Spektrums liegen. Das Hausprojekt bietet außerdem eine Werkstatt, einen Infoladen, eine Küche, eine Bar und einen Projektraum.

Dass der Zelle vor Jahren einmal Linksextremismus vorgeworfen wurde? Heute kein Thema mehr. Ludwig Domrös hat andere Sorgen. Er muss aufs Dach, gucken, was die Handwerker machen.