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Wohneigentum hat Luft nach oben

Cottbus. In Cottbus haben nur 21 Prozent der Einwohner eigene vier Wände. Verband fordert mehr Anreize durch die Stadt für Kaufwillige. Christian Taubert

Es ist anderthalb Monate her, da wurde in der Cottbuser Innenstadt gleich an zwei künftigen Wohnquartieren der Richtkranz aufgezogen. Im Wohnpark Theaterviertel errichtet die Firma Bautec Immobilien Cottbus drei moderne Häuser. 39 barrierefreie Wohnungen mit Wohnflächen von 75 bis 160 Quadratmetern entstehen hier.

Und gleich um die Ecke, in der Berliner Straße 137, haben sich die Investoren Mandy Sprejz und René Derdulla an den Bau von zehn Wohnungen (80 bis 100 Quadratmeter) gemacht. Was das Wohnen am Brunschwigpark mit dem Theaterviertel eint - die Bauherren bieten Wohneigentum an. Und sie haben nach eigenen Angaben keine Mühe, Käufer zu finden. Die Wohnlage und der angebotene Komfort sind offenbar derart reizvoll, dass nach Angaben der Investoren nur noch wenige Wohnungen an den Mann zu bringen sind.

Für Cottbus wird damit der Anteil von Wohneigentum am Gesamtbestand steigen. Wenig zwar, aber immerhin. Denn das Wohnen in den eigenen vier Wänden - vom Einfamilienhaus bis zur Eigentumswohnung - ist in der Stadt wenig ausgeprägt. Es gibt rund 11 600 Wohnungen, für die keine Miete bezahlt werden muss. Denn ihre Eigentümer nutzen sie selbst. Die Wohneigentumsquote in Cottbus liegt damit bei rund 21 Prozent.

Das geht aus einer Regional-Studie zum Wohneigentum hervor, die das Pestel-Institut Hannover angestellt hat. Zum Vergleich: Im Bundes-Durchschnitt liegt die Eigentumsquote bei knapp 45 Prozent (in Berlin nur bei 16 Prozent). Damit sei Deutschland weit weg von einem "Wohneigentümer-Land" und belege im Europa-Vergleich lediglich den drittletzten Platz.

Auch vor diesem Hintergrund sieht das Pestel-Institut beim Wohneigentum in Cottbus "noch Luft nach oben". Denn es gebe eine neue "Verlierer-Generation": "Insbesondere die 25- bis 40-Jährigen können sich immer seltener ein eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung leisten", erläutert der Leiter des Pestel-Instituts, Matthias Günther. Dabei würden die eigenen vier Wände bei vielen ganz oben auf der Wunschliste rangieren. Nach den Zahlen des neuesten Mikrozensus ist die Eigentumsquote in dieser mit 20 500 Menschen starken Altersgruppe innerhalb von zwölf Jahren um 15,9 Prozent zurückgegangen.

"Es hapert oft an guten Bedingungen für eine solide Finanzierung", betont Günther. Für einen Immobilienkredit seien unbefristete Jobs notwendig. "Vor allem aber fehlt eine staatliche Unterstützung für Wohneigentum, das die Menschen anschließend für sich selbst nutzen", so der Institutsleiter. Mit der Abschaffung der Eigenheimzulage sei die letzte Förderung von Wohneigentum in Deutschland faktisch eingestellt worden. Und das schon vor elf Jahren.

Deshalb sieht Richard Schenker die Stadt Cottbus viel mehr in der Pflicht. "Sie ist der größte Immobilienbesitzer und sollte auch sogenannten Schwellenhaushalten Grundstücke zu günstigen Konditionen anbieten", erklärt der Vorsitzende des Cottbuser Vereins Haus & Grund. Dies trage auch zur sozialen Stabilität bei, sagt Schenker und verweist auf die Vorteile von Wohneigentum im Alter (siehe Infobox). Zugleich fügt er hinzu: "Eigentum verpflichtet - auch dazu, in Krisenzeiten in der Heimat zu bleiben."

Wie groß der Bedarf an Wohneigentum in Cottbus ist, hat Bautec-Investor Helmut Rauer im Theaterviertel erneut erlebt. Drei Viertel der Wohnungen seien vergeben. "Natürlich will bei Eigentum jeder die für ihn perfekte Wohnung", sagt Rauer und schätzt das Käufer-Klientel zwischen 35 bis 59 Jahre. Es gebe nach wie vor großes Interesse an Wohneigentum und deshalb werde er auch weitermachen.

"Wir haben uns in ein Abenteuer gestürzt", räumt Bauherrin Mandy Sprejz ein, die das baufällige Haus in der Berliner Straße aus einer Versteigerung erworben hat. Ehe Behördenbescheinigungen und Kredite unter Dach und Fach gewesen seien, "sind schon ein paar graue Haare dazugekommen". Doch das ist für die Friseurmeisterin das geringste Problem. Was zählt: Wie im Theaterviertel sind auch hier nur noch wenige Wohnungen zu haben.

Zum Thema:
Nach der Studie des Pestel-Instituts ist die eigene Wohnung die einzige Alterssicherung, die - unabhängig von jeder Schwankung bei der Rentenhöhe - im Alter verlässlich genutzt werden kann. Deutsche Immobilien ließen bei ihrer Qualität und Langlebigkeit keine großen Reparaturen erwarten. Jedenfalls dann nicht, wenn vor der Rente noch einmal alles in Schuss gebracht werde. Rentner hätten somit für die gesamte Phase ihres Ruhestands die Sicherheit eines dauerhaften Daches über dem Kopf - ohne Angst vor einer Mieterhöhung oder Kündigung, stellt Institutsleiter Matthias Günther fest. Der Stellenwert, den die eigenen vier Wände im Alter hätten, ließe sich auch daran erkennen, dass es derzeit bei den Senioren, die auf staatliche Grundsicherung im Alter ("Alters-Hartz-IV") angewiesen seien, kaum Wohnungseigentümer gebe.