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Eckhaus als Zeuge geschäftiger Zeiten
Wohn- und Geschäftshaus Sandower Hauptstraße 4

FOTO: Heute: Dora Liersch - Damals: Sammlung Krause
Cottbus. Diese alte Ansichtskarte versetzt uns in die Zeit um 1900 zurück. Wir befinden uns in Sandow und schauen von der Hauptstraße auf den Markt, den späteren Sandower Platz. Die meisten der vielen kleinen Häuser, die diesen Platz umrahmten, sind in den 1970er-Jahren abgerissen worden, um einer neuen modernen Bebauung Platz zu machen. Erhalten blieb das markante Eckhaus mit seinem barockartigen Zwiebelturm.

Das Haus ist um 1898/99 als Wohn- und Geschäftshaus erbaut worden. Eine Kartusche mit dem genauen Baujahr ist leider an der Fassade des Hauses nicht vorhanden. Im Adressbuch von 1897 wird erstmals ein Restaurateur als Pächter auf diesem Grundstück genannt. Es war Carl Grabein, sonst wohnten nur die Grundstückseigentümer in dem vermuteten kleinen Vorgängerbau. Zum Jahreswechsel 1898/99 gab es eine interessante Anzeige in der Zeitung: "Restaurant zum grünen Baum, Sandow. Sonnabend, den 31. Dez.: Große Sylvesterfeier. Musikalische Unterhaltung. Am Neujahrstag: zum Frühstück Hasenbraten. Nachmittag Frei-Conzert. Kaffee, Pflaumkuchen und anderes Gebäck. Na: Empfehle Zell-Würzburg, echt Culmbacher, ff. Lager, vorzügliche Weiße." Zu dieser Zeit war Ernst Steglich der Restaurantpächter, der Hauseigentümer war der Rentier Wilhelm Kosel.

Zum Ende des Jahres 1900 war aus dem Grundstück Sandow 188 die Hauptstraße 1 geworden. Das neue Haus war fertig gebaut. Wilhelm Kosel war nicht nur der Eigentümer, sondern er betrieb auch das Restaurant "Zum grünen Baum" selber. So war aus dem Rentier ein Schankwirt geworden.

Im Erdgeschoss hatte Rudolf Koppe seine "Germania-Drogerie" eröffnet. Da gab es "sämtliche dem freien Verkehr übergebene Apothekerwaren, Medicinal-Drogen, Farben, Lacke, Bernstein-Fußboden-Glanzlack mit Farbe. Firnisse, Pinsel, Parfümerien, Chemikalien, Verbandsstoffe und Gummi-Artikel, Artikel zur Krankenpflege, aber auch Cacao, Thee, Vanille, Mineralwasser und Bade-Ingredienzen, sämtliche Artikel zur Wäsche und auch Cement, Gyps, Carbolineum usw." Außerdem betrieb Oswin Leipelt seine Zigarrenhandlung. Außerdem fanden in dem großen Hause acht Mietparteien eine neue Wohnung. Das Zigarrengeschäft hielt sich nicht lange, die Drogerie nur mit häufig wechselnden Betreibern.

Sandow wurde 1904 zu Cottbus eingemeindet. Das bedeutete auch die Änderung von Straßennamen und neuer Nummerierung der Grundstücke. Aus der Hauptstraße 1 wurde die Sandower Hauptstraße 4. Etwa in den Jahren 1912/13 sind neben dem Restaurant "Zum grünen Baum", auch Max Schomber mit seiner Butterhandlung und der selbstständige Zigarrenfabrikant Hermann Fischer als Gewerbetreibende, sowie zahlreiche Wohnungsmieter im Haus.

Nach dem Krieg warb Wilhelm Kosel noch mit seinem "Grünen Baum", doch bereits im Adressbuch von 1921 gab es diesen Namen nicht mehr. Robert Mickei wurde als Gastwirt und Hauseigentümer genannt. Das war allerdings nur eine Übergangszeit. Bereits 1925 wurde als Hauseigentümer Adolf Lux aus Groß-Raden in Tschechien genannt, wo er auch wohnte.

Ein Restaurant gab es zu der Zeit nicht mehr im Haus. Dafür gab es die "Erste Niederlausitzer Herren- und Burschen-Kleiderfabrik" von Georg Paulitz. Etliche Jahre betrieb der Kaufmann Ludewig ein Leinen-, Baumwollwaren-Wäschegeschäft, wie auch Hermann Fischer seinen Zigarrenhandel in dem Eckhaus.

Die 1920er-Jahre brachten schnelle Veränderungen. Wohl blieb Adolf Lux der Hausbesitzer, die Mieter rückten näher zusammen für weitere Mieter, weil es arge Wohnungsknappheit gab. Neu gegründete Firmen hatten oft eine kurze Lebensdauer. Nur ein Jahr bestand die Kleiderfabrik. Dann nutzte Louis Aßler die Räume für "Aßlers Schuhklinik" - Schuhlager und Besohlanstalt. Doch 1928 hat Otto Zema seine NSU-Fahrzeuge, Fahrräder und Nähmaschinen in den Räumen der Schuhklinik. Ferner wurde die Zweigstelle des Postamtes, die viele Jahre nur wenige Häuser weiter in der Hauptstraße war, nun in der Sandower Hauptstraße 4 neu eingerichtet.

1932 gab es kein Wäschegeschäft mehr und auch keinen Zigarrenfabrikanten, dafür den Radiohändler Richard Kuklinski. Namen, die heute meist vergessen sind. Dagegen ist die "Sandower Apotheke", die 1938 in dieses Haus zog, noch vielen Cottbusern in guter Erinnerung. Mitte der 1990er-Jahre musste sich die Apotheke allerdings einen neuen Standort suchen. Ein großer Drogeriemarkt beanspruchte die Räumlichkeiten, aber auch das ist bereits Geschichte, denn diese Drogeriekette ging 2012 in Insolvenz.

Das Eckhaus hat in all den Jahrzehnten, trotz Renovierungen, nichts von seiner architektonischen Wirkung verloren.