Für Steffen Heiber ist die Sache klar. „Wenn das so kommt, dann schwant mir Böses“, sagt der ehrenamtliche Wolfsbeauftragte aus Forst. „Dann werden Wölfe abgeschossen, obwohl sie mit Rissen gar nichts zu tun haben.“ Dass sich Bundesumwelt- und -agrarministerium in Berlin darauf geeinigt haben, Wölfe schneller  zum Abschuss freizugeben,  stößt  bei Heiber auf wenig Verständnis.  Ganz anders sieht das Lothar Fillmer.  „Der Wolf muss ins Jagdrecht und muss bewirtschaftet werden“, sagt  der frühere  Vorsitzende des Kreisjagdverbands Spree-Neiße energisch und fordert noch weit  strengere Regelungen. Geht es nach ihm, muss der Staat festlegen, wie viele Wölfe für ein Gebiet zu tolerieren sind. Werden es mehr, dürften sie geschossen werden.  Auch in den Europa-Wahlkampf hat es der Wolf in Brandenburg geschafft.  „Menschen brauchen Grenzen. Wölfe auch“, plakatiert der CDU-Europaabgeordnete Christian Ehler.

Wolf geht auf Schafe, Ziegen, Damwild und Rinder

Der Wolf entzweit: Naturschützer und Jäger, Tierhalter und Ökologen, Großstädter und Landbewohner.  Vor allem dann, wenn Deutschlands größtes Raubtier mal wieder zugeschlagen hat. So wie jüngst in Bärenbrück: Dort lagen vor gut einer Woche zehn Stück Damwild tot im Gehege. Vermutlicher Täter: ein Wolf. Was für den Tierbesitzer eine Katastrophe darstellt, geht beim Landesumweltamt als ein weiterer Fall in die Statistik ein. Waren es 2007 noch vier Schafe, die in ganz Brandenburg von Wölfen getötet wurden, so liest sich die Statistik von 2018 dramatischer: 235 Schafe, 27 Ziegen, 73 Stück Damwild, 65 Rinder und ein Pferd waren es 2018. Bis Ende März des laufenden Jahres fielen weitere 74 Schafe, 19 Stück Damwild und fünf Rinder dem Raubtier zum Opfer.

Doch auch diese Zahlen werden je nach Interessenlage ganz unterschiedlich  interpretiert. Steffen Heiber beobachtet das Teichland-Rudel und das Zschornoer Rudel, zwei von 38 Rudeln im ganzen Land. In den letzten zwei Jahren zogen die Tiere vier beziehungsweise sechs Junge auf. Aktuell sind also in seinem Gebiet etwa 12 Tiere auf 150 Quadratkilometern unterwegs. Im ganzen Spree-Neiße-Kreis  leben derzeit  neun Rudel. Im vergangenen Jahr holten  die  Tiere in gesamten Spree-Neiße-Kreis ein Stück Damwild, ein Kalb und elf Schafe aus einer Hobbyzucht.  „Das ist sehr wenig“, sagt Heiber. „Das sind eigentlich ganz liebe Wölfe.“

Noch kein Problemwolf in Brandenburg

Menschen hätten von den Wölfen ohnehin nichts zu befürchten. Unter den geschätzt  380 Wölfen in ganz Brandenburg gab es noch nicht einen „Problemwolf“, sagt Heiber. Der Wolf ist und bleibt scheu. Heiber greift zu seinem Laptop und zeigt Videos von Wolfsbeobachtungen. Sobald Isegrimm Witterung vom Filmer aufnimmt, macht er sich aus dem Staub.

Lothar Fillmer wird fuchsteufelswild, wenn er so etwas hört.  Der Jagdpächter von Heinersbrück, Peitz und Kerkwitz  fürchtet um den Rehbestand.  „Wir schaffen die Rehe ab“, sagt Fillmer. „Die frisst  uns alle der Wolf weg.“ Erst Montag habe er wieder die Überreste eines Rehs gefunden. „Die Hinterkeule war noch da, der Rest war rausgefressen.“ Früher  hätten die Jäger  in seinem Bezirk  jedes Jahr 50 Rehe geschossen. Vergangenes Jahr hätten fünf Pächter auf 100 Hektar noch vier Rehe erlegt,  das Jahr zuvor waren es sechs. „Man traut sich ja gar nicht mehr, was zu schießen“, sagt Fillmer, der seit 57 Jahren auf die Jagd geht.

Heiber widerspricht energisch. Laut Statistik hätten die Jäger  in Brandenburg im vergangenen Jahr so viele Wildtiere geschossen wie nie seit der  Wiedervereinigung.  Zudem, findet Heiber, geht der  Wolf den Jägern auch zur Hand: Auf seinem Speiseplan stehen schließlich auch Wildschweine. Heiber räumt aber ein, dass Tierhalter vielerorts auf die Rückkehr des Wolfs nicht vorbereitet waren. In Schleswig-Holstein gebe es kein ortsansässiges Rudel und deshalb kein Geld für Herdenschutz: In der Folge rissen die Wölfe dort ebenso viele Tiere wie in ganz Brandenburg. Heiber selbst, der auf seinen Kontrollgängen immer wieder  einen Wolf zu Gesicht bekommt, fürchtet das Raubtier jedenfalls nicht. „Ich hab  im Wald mehr Angst vor Zecken.“

*Brigitte Gisel vom Reutlinger Generalanzeiger arbeitet in dieser Woche als Tauschreporterin in der Lokalredaktion Cottbus.

Entscheidung zum Umgang mit den Wildtieren „Der Wolf gehört ins Jagdgesetz“

Berlin