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Wo die Sehnsucht spazieren geht

Die Schöpfer der Bilder, die derzeit in der kleinen Galerie der Bücherei Sandow gezeigt werden, können nicht selbst mit den Ausstellungsbesuchern sprechen. Stellvertretend für sie gibt Anette Lehmann-Westphal Auskunft. Die Cottbuser Malerin leitet seit sechs Jahren den Mal- und Zeichenzirkel in der Cottbuser Justizvollzugsanstalt (JVA). Von Ulrike Elsner

Einmal pro Woche treffen sich acht Häftlinge der JVA Dissenchen für drei Stunden zum Malen. „Der Mensch besteht aus Körper, Geist und Seele“ , sagt die Malerin. Im Gefängnis werde der Körper verwahrt. „Aber der Geist und die Seele bleiben häufig auf der Strecke.“ Angebote wie der Malzirkel könnten da gegensteuern. Die Teilnehmer, so Anette Lehmann-Westphal, seien „dankbar für menschliche Zuwendung“ und die Möglichkeit, ihren Hoffnungen und Träumen Ausdruck zu verleihen. Viele der Inhaftierten litten darunter, dass private Kontakte zu Bruch gegangen sind. Doch in den Zirkel-Jahren hat die Malerin erfahren: „Nicht alle, die draußen sind, sind gut, und nicht alle, die drin sind, sind schlecht.“ Vielmehr gebe es „Gute und Schlechte drin wie draußen“ . Mancher sei hochintelligent und bekomme „sein Leben doch nicht gebacken“ .
Für die Männer - der jüngste ist 17 Jahre alt und der älteste bereits Rentner - ist der Kontakt zur Zirkelleiterin genauso wichtig wie die Möglichkeit, die eigenen Bilder auszustellen. Auf das Signal von der Außenwelt komme es an, das da laute: „Wir interessieren uns für euch, ihr seid uns nicht egal.“
Namen stehen nicht neben den Bildern. Auf kleinen handgeschriebenen Zetteln teilt die Malerin dennoch einiges über ihre Schöpfer mit. Er sei mit Gewalt groß geworden, heißt es da. Zur Ausstellung hat der Mittdreißiger zwei Bilder beigesteuert, auf denen typische Motive von Tätowierungen mit Blumen konkurrieren.
Von Talent und handwerklicher Erfahrung kündet das Bild einer Kogge, deren Segel sich über aufgewühltem Meer im Wind blähen. Die Männer malen gerne das Meer, den Strand, „eine Idylle, wo ihre Sehnsucht spazieren gehen kann“ , sagt die Zirkelleiterin. Auch das Universum taucht als Thema immer wieder auf. Und damit die Frage, woher der Mensch komme und wohin er gehe. Berührend die Festungsmauern, die bei einem ehemaligen Untersuchungshäftling immer wieder als Motiv auftauchen. Mit der akribischen Zeichnung von Tausenden Dachziegeln und Blättern habe er seine Unruhe vor der Gerichtsverhandlung in den Griff bekommen, erzählt die Zirkelleiterin. Von dem Schöpfer zweier Porträts spricht sie als „unserem Picasso“ . Über das Kopieren von Picasso-Bildern habe der Mann zu einem eigenen Stil gefunden. Wie die Farben gesetzt und die Formen angeordnet sind, das sei „richtig toll“ .
Die Malerin vermittelt vor allem technische Fertigkeiten, gibt Anregungen, die auf den Einzelnen zugeschnitten sind. Vorgeschriebene Themen gibt es genauso wenig wie Eingriffe in die Arbeit. Schließlich wolle sie keine Kopien ihrer eigenen Bilder, sagt Anette Lehmann-Westphal. Vielmehr müsse jeder Einzelne seine eigenen Ausdrucksmöglichkeiten finden.
Für die malenden Häftlinge sei die künstlerische Betätigung deshalb so wichtig, weil sie auf diese Weise selbst etwas herstellen könnten. Viele hätten dabei das erste Mal im Leben ein Erfolgserlebnis.
Weshalb jeder Einzelne hinter Gitter gekommen ist, weiß die Zirkelleiterin nicht. Sie weiß nur: „Die meisten sind schwere Jungs.“

Service Termine
  Die Ausstellung der Bilder aus dem Mal- und Zeichenkurs der JVA ist bis zum 30. März in der kleinen Galerie der Bücherei Sandow in der Elisabeth-Wolf-Straße 31 a zu sehen.
Geöffnet hat die Bibliothek montags und freitags von 13 bis 17 Uhr und mittwochs von 9 bis 13 Uhr.
Am Mittwoch, 16. Februar, ab 17 Uhr, liest der Cottbuser Dichter Udo Tiffert in der Bibliothek. Thema des Abends: „Agenda-zwei Hände - zehn Zehen“ .