| 02:33 Uhr

Wo das Thiem-Klinikum seinen Anfang hatte

Die Postkarte stammt aus dem Jahr 1905. Sie zeigt die nördliche Taubenstraße als eine betriebsame Geschäftsstraße mit vielen Läden.
Die Postkarte stammt aus dem Jahr 1905. Sie zeigt die nördliche Taubenstraße als eine betriebsame Geschäftsstraße mit vielen Läden. FOTO: Sammlung Krause
Cottbus. Heimatforscherin Dora Liersch erzählt die Geschichte der nördlichen Taubenstraße. Als Vorlage dient ihr eine Postkarte aus dem Jahr 1905, die aus der Sammlung von Hans Krause stammt. Dora Liersch / dli9

Von der ersten Bebauung der Taubenstraße hat sich bis in die Neuzeit nichts erhalten. Dennoch ist gerade dieser nördliche Straßenabschnitt recht interessant. Hier stand einst der Vorgängerbau des Carl-Thiem-Klinikums. Die Stadt Cottbus hatte im Jahr 1815 das Nadelholzsche Vorwerk in der Spremberger Vorstadt erworben, um das beim Stadthof in der Nähe des Münzturms befindliche Lazarett zu verlagern. Der alte vorhandene zweigeschossige Fachwerkbau, wurde zunächst umgenutzt und in den Jahren 1845/46 durch einen massiven Neubau ersetzt. Den Entwurf für das Gebäude fertigte der Cottbuser Maurermeister Friedrich Wilhelm Kahle. Das Haus diente sowohl zur Behandlung armer Zivilpersonen, als auch von Militärangehörigen.

Im Jahr 1892 erfolgte eine Verlängerung des Hauses an der Südseite um drei Achsen. Es wurde nun direkt auch als städtisches Krankenhaus genutzt bis zur Fertigstellung der Vereinigten Städtischen und Thiemschen Heilanstalt in der damaligen Feldstraße.

Das Gebäude in der Taubenstraße wurde weiter als Siechenhaus genutzt. Der Cottbuser Tuchfabrikant Clemens Ruff hatte zu diesem Zweck eine größere Geldsumme gestiftet, um das Gebäude entsprechend herzurichten. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden die Räumlichkeiten zum Reservelazarett I Cottbus umgenutzt.

In dieser Zeit arbeitete auch die junge Cottbuser Malerin Elisabeth Wolf als Krankenschwester in diesem Haus. Nach dem Krieg wurde ein Altersheim daraus. Im Jahr 1931 wurde es zu Wohnzwecken umgebaut - inklusive der Dachkammern. Heute wird das inzwischen restaurierte Haus, einschließlich eines Neubaus im Sozialbereich genutzt.

Das Haus Taubenstraße 33 ist vielen Cottbuser Tierfreunden eine vertraute Adresse. Hier praktizierten nacheinander viele Jahrzehnte die Tierärzte Dr. Kurt Gantzer und Dr. Josef Olbrich. Inzwischen ist das Haus saniert, die Fassade etwas vereinfacht in Stuck wiederhergestellt worden. Im Jahr 1874 trug das Haus noch die Nummer 32 und gehörte Wilhelm Frohne. 1891 gehörte es dem Kaufmann Emst Müller.

Etwas bescheidener sieht das Nachbarhaus Nr. 34 aus, auch wenn es Zurzeit mit dem farblich betonten Erdgeschoss auffällt. Es gehörte 1893 dem Töpfermeister Hermann Prinz. Dieses Gebäude, fünf Achsen breit mit zwei hübschen Balkons mit schmiedeeisernen Gittern, hat im Erdgeschoss und in den Räumen der Hofbebauung schon viele Mieter erlebt. Dort - und in der Lieberoser Straße - befinden sich die Gründungsorte des Regia-Verlages, der sich seit 1991 besonders um Heimatliteratur verdient gemacht hat.

Vorhergehende Nutzer der Parterreräume waren der Bezirksvorstand der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands, Kreisverband Cottbus Stadt und Land. Erinnert sei dabei besonders an die Tageszeitung "Der Morgen". Im Haus selbst roch es immer kräftig nach Ammoniak. Urheber war die Lichtpausanstalt von H. Golling. 1940 war dieses Haus auch in Gollings Besitz.

Die Taubenstraße 35 und 36 gehörten mehreren Eigentümern: 1893 war es Emilie Stoll, 1897 der Kaufmann Gustav Henoch, 1940 Max E. Weickert aus der Lieberoser Straße. In der Nummer 35 befand sich die Lebensmittelhandlung von Alfons Prause. Die Nummer 36 gehörte Franz Nitschmann. Dieses Gebäude war ein reines Wohnhaus.

Die Taubenstraße 37 hat eine eigene Geschichte. Einst ein Privatgrundstück, erwarb es die Stadt und ließ die alte Bebauung abreißen und errichtete darauf ein schlichtes einstöckiges Schulhaus. Im Jahr 1838 stockte der Maurermeister Friedrich Wilhelm Kahle das Haus auf. Im Jahre 1876 erfolgte der Ausbau der Giebelzimmer.

Außer einer kurzen Zeit ab 1851, in der das Haus als Lazarett diente, wurde das Gebäude bis 1989 als Bildungseinrichtung genutzt: als Elementarschule für die Vorstadtkinder, als katholische Gemeindeschule, Pestalozzi-Hilfsschule, Sprachheilschule und Sitz der Schulverwaltung. Nach Leerstand erfolgte ab 1999 die Sanierung des Hauses, das heute privat genutzt wird.

Die nächsten beiden Häuser der Taubenstraße fielen der Straßendurchlegung der heutigen Rudolf-Breitscheid-Straße im Jahre 1928 zum Opfer. Die Ansichtskarte stammt aus dem Jahr 1905. Da war an den Bau des Weltspiegels noch nicht zu denken und die heutige Rudolf-Breitscheid-Straße 79 war damals die Taubenstraße 39. Das Haus mit seiner säulenbestückten Attika ist heute noch vorhanden. Geschäfte gibt es nicht mehr in diesem Haus. Erinnert sei aber an den Damen- und Herrenfriseur mit Pafümerie Kurt Oheim, der gleichzeitig Puppendoktor war, sowie an die Friseurmeisterin Emma Oheim. Lore Ibe betrieb ein Geschäft mit Damen- und Herrenwäsche und Fotografenmeister Georg Just hatte in dem Gebäude sein Atelier.

Auf der rechten Seite der Taubenstraße erhebt sich bereits der Neubau der heutigen Rudolf-Breitscheid-Straße 2, dem ehemaligen Hotel "Zur weißen Taube", das 1897/98 errichtet wurde.

Von den folgenden Häusern der Taubenstraße 1a bis 3 sind nur die Nr. 2 mit dem inzwischen aufgestockten Dachgeschoss und das schlichte Haus Nr. 3 gut sichtbar. In der Nr. 2, die 1893 dem Kaufmann Otto Schulze und 1940 dem Malermeister Karl Fothe gehörte, war nach 1945 viele Jahre der Friseur Erwin Wende selbstständig. Später befand sich in den Räumlichkeiten ein Waschsalon. Das Haus Nr. 3 war 1893 im Besitz von Drechslermeister Wilhelm Protto, 1940 gehörte es Jakob Hemmer, der eine Leihbücherei betrieb. Nach 1945 handelte er auch bescheiden mit Briefmarken und Papierwaren. In dem kleinen Laden versuchten manche ihr Glück in die Selbstständigkeit, wie die leider viel zu früh verstorbene Textilgestalterin Viktoria Schuchard.

Langjährige gute Adressen in der Taubenstraße waren die Textilreinigungsannahme in der Nummer 1a. Bis heute ist die Schuhmachermeisterfamilie Withulz in der Taubenstraße 1 eine feste Adresse.