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| 02:34 Uhr

Wo das Sterben seinen Schrecken verliert

Das Stadthospiz in der Bahnhofstraße. Fotos: Hilscher
Das Stadthospiz in der Bahnhofstraße. Fotos: Hilscher
Es ist keine leichte Entscheidung, sein Leben dem Umgang mit dem Tod zu widmen. Annette Wallenburg ist diesen Schritt vor 15 Jahren gegangen. Gemeinsam mit ihrem Mann gründete sie das bis heute einzige private Hospiz der Bundesrepublik. Andrea Hilscher

Cottbus. Die Sonne scheint hell auf die Flure des Stadthospizes in der Bahnhofstraße. Zwei Schwestern stehen in der kleinen Küche und bereiten liebevoll garnierte Schnittchenteller fürs Abendbrot vor. "Welchen Tee möchten Sie heute", fragen sie höflich bei Ingeborg Posmantier nach.

Die 82-Jährige ist seit 2010 Stammgast im Hospiz. Selbst schwer an Krebs erkrankt, wohnte sie zunächst gemeinsam mit ihrem Mann in einem Doppelzimmer. Nach seinem Tod bekam sie ihr eigenes kleines Appartement. Hier wartet sie. Auf alles, was jetzt noch kommen kann. Schmerzen wird sie kaum erleiden müssen, dafür gibt es Morphine. Gegen die Einsamkeit helfen die Besuche der Tochter und einer ehrenamtlichen Sterbebegleiterin. "Auch die Schwestern sind einfach wunderbar", sagt Ingeborg Posmantier.

Sie weiß, was Sterben bedeutet. Zwei Kinder hat sie bereits verloren, war selbst schon kurz vor dem Aufgeben. "Doch die gute Pflege hier hat mich wieder aufleben lassen."

Für Menschen wie sie ist das Hospiz ein Segen.

"Wir lassen uns Zeit für Menschen, die eigentlich keine Zeit mehr haben", sagt Hospizchefin Annette Wallenburg. Als Leiterin eines Pflegedienstes hatte sie hilflos mit ansehen müssen, wie hilflos die Gesellschaft noch vor zwei Jahrzehnten mit austherapierten Tumorpatienten umgegangen ist. Krankenhäuser haben sie nicht mehr aufgenommen, zu Hause gab es niemanden, der sich kümmern konnte. Sterbebegleitung der Pflegedienste wurde von den Kassen nicht bezahlt.

In der Schweiz und in England hatte sich Annette Wallenburg bereits einige Hospize angeschaut. "Sie waren entweder zu groß oder zu luxuriös für meine Vorstellungen, aber so etwas Ähnliches wollte ich auch." Sie fand in dem Apotheker Thomas Tennstedt einen Unterstützer, der ihr die Räumlichkeiten in der Bahnhofstraße zur Verfügung stellte.

"Sehr naiv haben wir damals angefangen mit dem Umbau und der Einrichtung", erzählt die Hospizchefin. Dennoch habe sich fast alles bis heute bewährt. Die helle, freundliche Einrichtung, der Verzicht auf Plüsch und Tand, vor allem aber der gute Geist. "Wenn der nicht einzieht, kann man so ein Haus nicht führen", sagt Annette Wallenburg überzeugt. Aber auch das: Wie schwer es manchmal sei, den Alltag emotional zu schultern. Die Erinnerungen, in jedem Winkel des Hospizes.

Da war das 17-jährige Mädchen, eine Tochter von Freunden. Am Tag der Jugendweihe hatte sie die ersten Symptome, dann die Krebsdiagnose und zwei Jahre später das Ende. "Seid nicht traurig, ich bin es auch nicht mehr", hat sie den Schwestern immer wieder gesagt. Mit einem Lächeln.

Da war auch der Familienvater, erst 39. Als er ins Hospiz kam, war er so weit gelähmt, dass er nur noch die Augenlider bewegen konnte. So fremd war er seinen Kindern geworden, dass sie ihn nicht mehr berühren mochten. "Doch nach einiger Zeit bei uns fassten sie wieder Vertrauen. Die Jüngste schlief sogar wieder bei Papa im Bett", erinnert sich die Hospizchefin.

Jeder Tod, so sagt sie, ist etwas Besonderes. Gerade bei Patienten, die länger bei ihr gewesen seien, wäre es wie der Verlust eines Freundes. "Auch unsere Schwestern verabschieden sich jedes mal von unseren Toten", sagt sie. 3000 sind es bisher gewesen. 3000 Seelen, die ihre Spuren hinterlassen haben.

Wie man diese Belastung aushält? Vielleicht, weil es auch andere Fälle gibt, ab und an. Wie den des jungen Mannes, der mit Hirntumor eingeliefert wurde. Seine Mutter hatte sich schon auf die Sterbebegleitung eingestellt, er selbst zeigte keine Regung mehr. Plötzlich aber kam das Tumorwachstum zum Stillstand. Der junge Mann fing an zu sprechen, lernte wieder laufen und sogar Radfahren. "Zum Abschied kochte er für uns alle, jetzt macht er an der BTU seinen Bachelor", sagt Annette Wallenburg. Dankbar für ein kleines Wunder zwischendurch.

Zum Thema:
Das Stadthospiz wurde am 31. Mai 1997 gegründet. Neben 15 Betten für die stationäre Hospizpflege verfügt das Haus über fünf Betten für Kurzzeit- und Akutpflege. 15 Schwestern kümmern sich rund um die Uhr um die Patienten. Ein Netz von 15 Palliativärzten versorgt die Patienten des Hospizes und des ambulanten Palliativdienstes. 90 Prozent der Patienten können schmerzfrei gehalten werden, sind aber trotzdem bei klarem Bewusstsein. Zum Essen oder Trinken wird niemand gezwungen, Wünsche erfüllt das Personal nach Möglichkeit. Kosten entstehen für Patienten und Angehörige nicht.