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Wo das Malen ein Spiel ist

Die Sozialpädagogin Helga Franken und die Wissenschaftlerin Katharina Roesler-Istvánffy sind jeden Donnerstag Malhelfer am ersten Cottbuser Malort nach Arno Stern.
Die Sozialpädagogin Helga Franken und die Wissenschaftlerin Katharina Roesler-Istvánffy sind jeden Donnerstag Malhelfer am ersten Cottbuser Malort nach Arno Stern. FOTO: Annett Igel
Cottbus. In Cottbus gibt es den ersten Malort nach Arno Stern. Der Raum hat keine Fenster, dafür an den vier Wänden viel Platz für Blätter und für den Riesentuschkasten in der Mitte. Der Malort ist ein Projekt der BTU und der Jugendhilfe. Annett Igel-Allzeit

Unendlich viele Striche haben das Packpapier bunt gemacht. Dichter, so dicht wie am Malort, in dem Arno Stern (90) dient, wird das Bunt mit der Zeit vielleicht noch werden.

Die Diplom-Kulturpädagogin Katharina Roesler-Istvánffy von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg und die Sozialpädagogin Helga Franken von der Jugendhilfe gGmbH Cottbus stehen am Anfang. Flink schieben sie Reißnägel in die Blätter. Über ein Jahr haben die Frauen gehofft, bei Arno Stern in Paris in die Lehre gehen zu können. "Kaum war im Internet ein neuer Kurs eröffnet, waren die Plätze belegt", sagt Katharina Roesler-Instvánffy. Also haben sie ihm persönlich geschrieben - und es klappte mit zwei Nachrückeplätzen.

Arno Stern wurde 1924 in Kassel geboren. Drei Jahre hat er die Schule besucht. Als Hitler an die Macht kam, emigrierten seine Eltern mit ihm nach Frankreich, nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ging es weiter in die Schweiz. Mit mehreren Hundert Flüchtlingen überlebte er in einem notdürftig für sie hergerichteten Fabrikgebäude, arbeitete sich durch Kunstbücher und zeichnete. Nach dem Kriegsende ging er mit der Familie zurück nach Frankreich. Als er in einem Pariser Vorort in einem Heim für Kriegswaisen die Kinder beschäftigen sollte - da war er 22 Jahre, ließ er sie malen. Mit einem Atelier erweiterte er seine Arbeit und stellte über Jahre Erstaunliches fest: Es ist nicht Kunst, was Kinder malen. Es ist auch keine Kunsttherapie, die sie genießen, sondern das Malen ist eine Betätigung. "Kinder spielen, wenn sie malen. So wie sie mit Bauklötzen etwas aufbauen, schaffen sie sich in ihren Bildern eine Welt, mit der sie spielen", erklärt Katharina Roesler-Istvánffy.

Stern kann mit Bildern aus der ganzen Welt beweisen, dass es Zeichen gibt, die alle Kinder malen und die sich entwickeln, egal ob sie aus dem Urwald kommen und aus Berlin. Er begründete damit die Ausdruckssemiologie als Wissenschaft.

"Die Bilder sind nicht für ein betrachtendes Publikum bestimmt und auch nicht der Beurteilung anderer ausgesetzt. Das unterscheidet uns von üblichen Kreativangeboten. Bei uns entsteht für den Malenden einfach ein Raum der Selbstbestimmung und Selbstentfaltung. Die Umgebung ist geschützt und bald auch vertraut", so Helga Franken.

Der Donnerstag soll der Tag werden, an dem sich die Malgruppen treffen. Ab 14 Uhr zwei, wenn der Wunsch groß ist, drei Gruppen. Mehr als zwölf Malende passen nicht in den Raum. Es soll gemütlich bleiben und der Malhelfer allen gut dienen können. Er legt den Malenden die Pinsel bereit, entfernt Reißnägel, wo sie beim Malen stören, baut Blätter an, holt den Hocker oder gar eine Leiter - um es den Malenden so bequem wie möglich zu machen.

18 Farben warten in einem langen Holzgestell. Zu jeder Farbe gehören drei Pinsel. Sie sind aus den Haaren des Sibirischen Eichhörnchens, die besonders gut Wasser aufnehmen und es beim Malen abgeben. "Die Pinsel sind auch gut haltbar. Nachhaltigkeit ist Arno Stern auch wichtig", so Helga Franken.

Der erste Malort in Cottbus läuft als gemeinsames Projekt des Studiengangs Soziale Arbeit der BTU und der Jugendhilfe Cottbus. Katharina Roesler-Istvánffy, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Uni, sieht das pädagogische Potenzial des Malortes und hat für ihre Studenten ein Lehr-Forschungs-Projekt daraus entwickelt. Die Sozialpädagogin Helga Franken wiederum hofft auf eine Bedeutung für die praktische Sozialarbeit. "Eltern, die ich betreue, könnte hier am Malort in 90 Minuten Wertschätzung erfahren, sehen, dass sie etwas schaffen."

Zwischen drei und 99 Jahre alt dürfen die Malenden sein, aber nie ein Bild mit nach Hause nehmen. "Das werden sie auch gar nicht wollen", sagt Helga Franken. "Aus unserer eigenen Erfahrung mit dem Malort können wir sagen, dass wir aus jeder Malstunde ausgeglichen und voller Energie herausgekommen sind und davon in unserem Alltag enorm profitieren", sagt Katharina Roesler-Istvánffy.

Vorsichtig beginnen sie, laden sich Teilnehmer ein. Auch in der "Nacht der kreativen Köpfe" am 11. Oktober im Familienhaus stellen sie ihr Projekt vor.

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