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Cottbus Früher & Heute
Wo Cottbuser Speditionsgeschichte begann

In der einstigen Dresdener Straße 160 florierte viele Jahre lang das Speditionsgeschäft. Heute lautet die Adresse Straße der Jugend 105.
In der einstigen Dresdener Straße 160 florierte viele Jahre lang das Speditionsgeschäft. Heute lautet die Adresse Straße der Jugend 105. FOTO: Sammlung Hans Krause / Hans Krause
Cottbus. Heimatforscherin Dora Liersch erzählt die Geschichte der Dresdener Straße 160. Dabei nutzt sie eine historische Postkarte aus der Sammlung von Hans Krause und stellt ihr ein aktuelles Foto gegenüber. Von Dora Liersch

Die alte Dresdener Straße 160 trägt heute die Adresse Straße der Jugend 105. Das große Grundstück, das bis zur Taubenstraße reicht, hat eine besondere Geschichte. Sie hängt mit dem Anschluss von Cottbus an das Eisenbahnnetz seit dem Jahr 1867 eng zusammen.

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in einer Stadt wie Cottbus, außer den Postkutschen mit festgelegten Fahrstrecken und Fahrzeiten auch private Fuhrunternehmen mit Pferden und Wagen. Wenn die Unternehmer auch Personen beförderten, nannten sie sich Droschkenbesitzer, ansonsten ganz schlicht Fuhrunternehmer. Mit der Ankunft der Eisenbahn mussten größere Warenmengen transportiert werden. So entwickelte sich ein neuer Berufszweig — der Spediteur. Er holte die Ware am Bahnhof ab und brachte sie zu den Kunden, den Fabriken zur Weiterverarbeitung. Aber der Spediteur sah zu, auch Waren auf dem eigenen Grundstück gegen einen Geldbetrag sicher zu lagern.

Die ersten Spediteure waren in Cottbus im Jahr 1866 Emil Böttcher, Casper et. Comp., Franz Dehnicke und Hugo Schobrick. Am längsten bestand die Spedition von Emil Böttcher bis in die 1960er-Jahre. Sie verfügte über einen eigenen großen Gewerbehof und Lagergebäude — seinerzeit auf dem Grundstück der Dresdener Straße 165. Sicher können sich noch einige Cottbuser an die fröhlichen Kutscher dieser Spedition erinnern. Das waren echte Cottbuser Originale. Einer von ihnen saß gern rücklings auf einem der beiden Zugpferde anstatt auf dem Kutschbock.

Hinter der Firmenbezeichnung Casper et. Comp. verbargen sich der Kaufmann August Casper und der Spediteur Oswald Michovius. Im Jahr 1868, zwei Jahre nach der Firmengründung, stellten die Speditionsinhaber für Gebäude auf ihrem Grundstück in der Dresdener Straße die Bauanträge, dazu gehörten Wohn- und Remisengebäude, Pferdestall und offene Schuppen. Wie die Gebäude seinerzeit ausgesehen haben, wissen wir nicht. Sie standen auf der Nordseite des Grundstücks.

Dresdener Straße 160, Casper&Co.
Dresdener Straße 160, Casper&Co. FOTO: Dora Liersch / Liersch Dora und Heinrich

In den Jahren 1888 und 1889 wurden das villenartige Wohnhaus direkt an der Dresdener Straße sowie das Lagerhaus im westlichen Teil des Gewerbehofs an der ­Taubenstraße erbaut. Bauausführende Firma war der Baubetrieb von Paul Brößke. Der Kaufmann und Namensgeber für die Spedition, August Casper, verstarb Mitte der 1890er-Jahre. Die Spedition wurde weiter geführt, vermutlich von der Witwe und den Erben. Offiziell wurde der Name der Firma beibehalten: Casper & Co.

Im Jahr 1903 übernahm Paul Thiele die Geschicke der Spedition. Die Telegramm-Adresse lautete deshalb Spediteur Thiele Cottbus. In den folgenden Adressbüchern wirbt Paul Thiele mit der Übernahme „kompletter Umzüge von Wohnung zu Wohnung zwischen beliebigen Plätzen des In- und Auslandes vermittels gepolsterter Patent-Verschlusswagen per Bahn ohne Umladung. Sachkundige und exakte Besorgung von Stadt-Umzügen, Verpackung, Aufbewahrung. Kostenanschläge prompt und gratis. Bahn-Spedition. Mitglied des Deutsch-Österreichischen Möbel-Transportverbandes.“ Paul Thiele blieb auch nach dem Ersten Weltkrieg und der Inflation Eigentümer der Dresdener Straße 160. Die Firma nannte sich nun aber Internationale Transporte Karl Boden und Casper & Co.

Im Jahr 1928 zerstörte ein Brand etliche Gebäude der Spedition. Sie wurden aber relativ schnell wiederaufgebaut. Dazu gehörten das Wohn-, Kontor- und Lagergebäude der alten 1868er Bebauung auf der Nordseite des Grundstückes. Diese Gebäude sind anderthalb-geschossig und wurden am ehemaligen Lagergebäude noch mit einer eindrucksvollen überdachten Laderampe ergänzt. Das Wohnhaus wurde bereits zu DDR-Zeiten von der Bezirksredaktion der CDU-Zeitung „Märkische Union“ genutzt. Heute befindet sich dort der Regia Verlag.

Auf der Südseite des Grundstücks befindet sich der eingeschossige Stall- und Remisenbau mit Futterboden und das zweieinhalbgeschossige Lagerhaus. Dies ist ein Sichtziegelbau, der mit seiner Giebelseite zur Taubenstraße ausgerichtet ist. Heute dient dieses Gebäude als Bürohaus. Im Jahr 1945 und viele Jahre danach hatte der Taxator (als Schätzer tätiger Sachverständiger) Otto Kruscha in diesem Gebäude seine Firma und viele alte Möbel zum Verkauf untergebracht. So manche Flüchtlingsfamilie konnte bei Kruscha die wichtigsten Möbelstücke zur Einrichtung ihrer leeren Räume erwerben.

Das dem Barock entlehnte aufwändig mit Schmuck verzierte Wohnhaus an der Dresdener Straße diente nicht nur als Wohnhaus, sondern beherbergte stets auch Ärzte mit ihren Praxen, Versicherungsvertreter und Sachverständige. Bis 1934 blieb Paul Thiele der Inhaber der Spedition. Diese bestand auch weiterhin, doch nicht mehr nur auf dem Grundstück in der Dresdener Straße, sondern auch in der Bismarckstraße 75 (heute August-Bebel-Straße ).

Das Grundstück Dresdener Straße war inzwischen im Besitz von Dr. Herbert Eberhardt. Die Gebäude und Räumlichkeiten wurden unterschiedlich vermietet: Ein Seitengebäude nutzte der Eigentümer einer Autoreparaturwerkstatt, das Lagergebäude wurde von Schladitz & Co, einer Niederlassung der gleichnamigen Seifenfabrik in Prettin, gemietet.

Erhalten geblieben ist der sehr schöne gusseiserne Zaun und das Tor aus der Bauzeit der Gebäude und auch das alte Kopfsteinpflaster im Gewerbehof. Vielleicht erinnern sich einige Cottbuser noch an den Modellstadtrundgang im Juni, als der Abschluss des Rundganges mit Feuershow an diesem Gebäudekomplex endete.