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| 18:14 Uhr

Interview
Das Kreuz mit dem Paradies

Wladimir Kaminer stellt sein neues Buch am 17. Oktober in der Alten Chemiefabrik in Cottbus vor. Die Lesung beginnt um 19.30 Uhr.
Wladimir Kaminer stellt sein neues Buch am 17. Oktober in der Alten Chemiefabrik in Cottbus vor. Die Lesung beginnt um 19.30 Uhr. FOTO: Michael Ihle
Der Bestsellerautor erzählt in seinem Werk von kuriosen Begegnungen auf schwimmenden Fünf-Sterne-Hotels.

Sie gehen regelmäßig als Unterhaltungsvorleser auf große Fahrt. Welches ist Ihr liebster Ort auf einem Kreuzfahrtschiff?

Kaminer Die Bar. In meinem Buch hebe ich die Bar im Schatten auf Deck 11 hervor. Sie ist für mich wie eine Kapitänsbrücke auf der Arche Noah. Die Welt ist eigentlich nur von der Bar aus zu genießen.

Die Seekrankheit hat schon so manchen Passagier auf hoher See ereilt. Hilft Alkohol dagegen?

Kaminer Die Bar ist genau der richtige Ort, wenn das Meer unruhig ist. Alkohol macht die Seekrankheit wett. Die Alkoholisierung in Maßen gehört auf jeden Fall zu einer Kreuzfahrt dazu.

Wann haben Sie das erste Mal Alkohol getrunken?

Kaminer Mit 14 oder 15, wie alle anderen Menschen auch. Als Kind war ich ein begeisterter Leser, der viele Bücher eigentlich viel zu früh gelesen hat. Unter anderem die Autobiografie von Konstantin Georgijewitsch Paustowski. Ich habe schon früh festgestellt, dass die Biografien von Schriftstellern oft spannender und abenteuerlicher sind als ihre Werke. Deswegen sind auch meine Geschichten alle autobiografisch. Ich konstruiere keine Romane, wo die Helden sich am Anfang verlieren und am Ende zusammenkommen und zwischendurch lange aus dem Fenster schauen. Sondern ich versuche, in meinem Leben und im Leben meiner Mitmenschen etwas zu erkennen, was einen gehobenen Wert hat. Letztendlich bleiben von uns ja nur die Geschichten, wenn sie interessant genug sind.

Sie schreiben, die meisten Menschen, die gerade auf dem Weg sind, gehören den zwei größten Gruppen an: Touristen und Flüchtlinge.

Kaminer Das zeichnet die heutige Welt aus: Das Leben wird in allen möglichen Ecken immer schwieriger, aber das Reisen immer leichter.

Mit Metaphern wie „Asyltourismus“ beeinflussen Politiker gerade, was Wähler denken. Warum gehen Menschen Populisten auf den Leim?

Kaminer Weil die Menschen, selbst wenn sie gar nicht auf Reisen gehen, sich manchmal wie Touristen fühlen. Sie schauen in ihrer Kleinstadt aus dem Fenster und erkennen ihre gewohnte Umgebung nicht wieder. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, dass viele Menschen zu Reisenden geworden sind, ohne ihre Häuser zu verlassen. Unser Gehirn spielt uns ständig tragische Szenarien einer Fortsetzung vor. Die Menschen drehen durch und denken, morgen müssen sie in eine Moschee gehen. Deswegen wählen sie die AfD.

Müssen wir uns an die AfD gewöhnen?

Kaminer Sie wird sich mäßigen. Wenn sie überleben will, wird sie sich auf die Mitte zu bewegen müssen. Weil sie festgestellt hat, dass in Deutschland mit rechtsextremen Parolen kein Erfolg zu erzielen ist. Die Menschen sind einfach nicht extrem genug. Der Unmut ist zwar da, aber die Aggression hält sich in Grenzen. Die Deutschen haben ihre historischen Hausaufgaben gemacht und sind nicht bereit, gegen irgendeinen Feind aufzumarschieren. Deswegen wird die AfD sich ein anderes Thema suchen müssen.

In Miami, wo eine Kreuzfahrt Sie hinführte, sahen Sie unzählige Obdachlose. Gab es Wohnungslosigkeit auch in der Sowjetunion?

Kaminer Bei uns wurden Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit per Gesetz bestraft. Das waren kriminelle Taten. Man durfte sich nicht bereichern, aber man hatte auch nicht die Freiheit, auf der Straße zu verrecken. Im Sozialismus haben die Menschen alle Lebensaufgaben dem Staat überlassen.

Und wo gibt es die schönsten Sonnenuntergänge, wo ist das Paradies?

Kaminer In Warnemünde! Die Menschen dort sind ruhig. Die Natur ist nicht zerstört. Die Häuser sind nicht zu hoch und die Temperatur ist angenehm. Ich komme aus einer solchen Gegend: Moskau.

Haben die Kreuzfahrten Sie für die Probleme des Klimawandels sensibilisiert?

Kaminer Man muss keine langen Wege machen, um festzustellen, dass der Klimawandel existiert. Bei uns in Brandenburg findet mein Nachbar, der Biologe, jede Woche irgendwelche neuen Insektenarten aus Südamerika.

Haben Sie trotzdem vor, weiter auf Kreuzfahrt zu gehen?

Kaminer Ehrlich gesagt, ja. Bei den Kreuzfahrten werden die Reisen selbst immer unwichtiger, dafür werden die Schiffe immer bombastischer. AIDAnova zum Beispiel ist mit einen Nanostoff umwickelt. Man fühlt sich darauf wie auf dem offenen Meer. Die Sonne und das Licht dringen durch diesen Stoff hindurch, aber der Regen und der Wind nicht. Genau das machen wir jetzt.

Kann Literatur die Welt postitiv verändern?

Kaminer Nein. Aber das Lesen und Schreiben macht große Freude. Die Literatur ist ein Zeichen der Gesundheit einer Gesellschaft. Gute Literatur ist wie eine Freikarte für eine Weiterfahrt.

Mit Wladimir Kaminer
sprach Olaf Neumann