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| 16:52 Uhr

Zukunft von Plattenbauvierteln
Forscher tasten Sandow ab

 Für Kontakt unter den Bewohnern sorgt regelmäßig der Bürgerverein in Sandow bei seinem Sommerfest  am Sandowkahn .
Für Kontakt unter den Bewohnern sorgt regelmäßig der Bürgerverein in Sandow bei seinem Sommerfest am Sandowkahn . FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Mit einer dreijährigen Studie widmen sich Wissenschaftler dem Potenzial des Cottbuser Wohngebiets.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern wird sich drei Jahre lang den Bewohnern des Cottbuser Stadtteils Sandow widmen. Dr. Matthias Bernt hofft wie seine Kollegen, genauer zu erfahren, welche Chancen und Konflikte sich aus dem Alltag mit Zuwanderern ergeben. Er arbeitet am Leibniz-Institut für raumbezogene Sozialforschung.

Eines der ältesten Plattenbauquartiere mit einem hohen Anteil von Senioren: Diese Merkmale von Sandow reizen die Wissenschaftler. Zugleich wächst in diesen Stadtvierteln der Anteil ausländischer Staatsbürger. Dr. Matthias Bernt erläutert: „Oft handelt es sich um syrische Flüchtlinge, die relativ schnell eine Anerkennung erhalten haben, auf dem freien Markt eine Wohnung suchen und sich dort niederlassen, wo Leerstand herrscht.“

Gerade auf dem Gebiet der östlichen Bundesländer hat sich die Einwohnerstruktur in diesen Stadtvierteln nach dem Ende der DDR stark verändert, wie der Wissenschaftler feststellt. So leben heutzutage besonders viele ältere Menschen, mitunter sogar noch die ersten Mieter, neben jüngeren Leuten, zu denen wiederum Ausländer zählen. „Sie alle haben unterschiedliche Ansprüche“, sagt Matthias Bernt. „Das ist eine neue Entwicklungsstufe für ein Plattenbauviertel, über die bislang eher wenig nachgedacht wurde.“

Plattenbau wird bleiben

Ohnehin zeichnet sich ein Sinneswandel im Umgang der Stadtplaner mit den Siedlungen ab, aus denen sich nach dem Ende der DDR die Mieter verabschiedeten. Damals hieß es, der Plattenbau sei dem Untergang geweiht. Das sieht heute anders aus. „Die Plattenbauviertel werden bleiben, wenn auch mit unterschiedlichen Chancen der Entwicklung“, sagt Matthias Bernt. „Es handelt sich immerhin um ungefähr 15 Prozent der Wohnungen, die im Osten Deutschlands errichtet wurde.“  Angesichts dieser Größenordnung sei mittlerweile klar, dass sie für die Stadtplanung unverzichtbar sind. Als Beispiel dient den Wissenschaftlern der Süden von Halle-Neustadt, einst fast aufgegeben, inzwischen wieder von Wachstum geprägt.

Bis zum April 2022 wollen sie deshalb die Lage in drei großen ostdeutschen Siedlungen untersuchen. Sie reisen nach Sandow, in die südliche Neustadt von Halle und nach Neu-Zippendorf in Schwerin. Die Gebiete haben nach den Worten von Matthias Bernt den massiven Einwohnerverlust in den Jahren ab 1990 gemeinsam. Die südliche Neustadt in Halle schrumpfte demnach um die Hälfte, Sandow um ein Viertel. Ab dem Jahr 2015 seien Geflüchtete aus anderen Ländern vielerorts auf einen angespannten Immobilienmarkt getroffen. Deshalb seien sie vor allem in Siedlungen mit hohem Leerstand untergekommen.

Daraus ergeben sich für die Forscher neue Fragen. Sie wollen erfahren, ob Migranten in den Wohnquartieren wirklich ein Zuhause finden, welche Konflikte im Alltag mit alteingesessenen Mietern entstehen und wie sich soziale Kontakte vertiefen lassen. Die Ergebnisse ihrer Arbeit werden sie im Jahr 2022 in Einwohnerversammlungen in Sandow, Halle-Neustadt und Schwerin vorstellen.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Menschen, die in Sandow leben, leicht gesunken. Laut der Statistik des Rathauses gab es im Dezember 2017 noch 15 837 Einwohner im Stadtteil. Im Juni 2019 waren es hingegen 15 505 Einwohner. Trotzdem bleibt Sandow der bevölkerungsreichste Stadteil neben Ströbitz, das 15 519 Einwohner zählt.

Vom Abrissviertel zum Zuzugsgebiet

Die Mitarbeiter des Rathauses freuen sich auf die Studie der Forscher, wie Pressesprecher Jan Gloßmann erklärt. „Wir werden dafür im Rahmen des Datenschutzes auch Material zur Verfügung stellen“, sagt er. „Die interessante Frage lautet, wie man mit einem Stadtteil umgeht, der mal Abrissgebiet war und jetzt wieder signifikanten Zuzug erfährt.“ Daneben gebe es einen weiteren spannenden Aspekt: Mit dem Ostsee in der Nähe, mit neuen Aufgaben für die Wissenschaft in Cottbus und damit auch neuen Arbeitsplätzen könne sich ein Stadtteil wie Sandow ebenfalls verändern, merkt der Pressesprecher an.

Vor mehr als zehn Jahren untersuchte Matthias Bernt gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern schon die Folgen des Stadtumbaus für Orte wie Weißwasser. Sie erfuhren, „dass die Einwohner sehr realistisch und nüchtern mit den wahrgenommenen Veränderungen umgingen“. So lautet eines der Ergebnisse im Bericht namens „Stadtumbau Ost aus der Sicht der Bewohner“. In Weißwasser sei fast die Hälfte der Befragten der Ansicht gewesen, dass der Abriss in Ordnung sei und nun „endlich etwas geschehen“ müsse.

Inzwischen sagt Matthias Bernt über die Studie: „Die Leute haben wirklich pragmatisch auf die einschneidenden Veränderungen reagiert.“ Wichtig sei es allerdings, sie stets darüber zu informieren, was für ihr Stadtviertel geplant ist.