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INTERVIEW MIT Dr. ANDREAS BRZEZINSKI
„Wir machen das Schaufenster Ost nicht mehr zu“

Dresden/Cottbus. Schneller, präziser, leichter, kostengünstiger produzieren – das Lausitzer Handwerk lotet die Chancen der Digitalisierung aus. Damit das im laufenden Geschäft nicht zu viel Zeit kostet oder Handwerker gar den Zug verpassen, hat das Bundeswirtschaftsministerium das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk „erfunden“. Für den Osten hat die Handwerkskammer Dresden als Schaufensterpartner des Kompetenzzentrums Digitales Handwerk den Hut auf. Die RUNDSCHAU sprach mit Dr. Andreas Brzezinski, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden, über die Ziele und erste Ergebnisse.

Herr Dr. Brzezinski, Schaufenster sollen normalerweise zum Einkauf ins Geschäft locken. Was wollen Sie denn zum Thema Digitalisierung in die Auslage bringen, Lösungen von der Stange oder Designerware?

Brzezinski: Den Anzug von der Stange gibt es beim Thema Digitalisierung nicht. Jeder Handwerksbetrieb wird in seine ganz individuelle Maßanfertigung schlüpfen müssen, orientiert am eigenen Geschäftsmodell. Das erfordert gute Kenntnisse über die Chancen und Risiken der modernen Technik und klare Vorstellungen, wie sich der einzelne Handwerksbetrieb entwickeln soll. Aufgabe des Kompetenzzentrums Digitales Handwerk ist es, dazu gezielte Beratungs- und Informationsangebote für Handwerksbetriebe zu entwickeln. Wir als Handwerkskammer Dresden und Schaufenster Ost des Kompetenzzentrums haben den Schwerpunkt Digitalisierung von Geschäftsmodellen.

Was bedeutet das?

Brzezinski: Es geht darum, wie klassische Handwerksbetriebe die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen können, um ihre Geschäfte besser und auch in einer stärker digitalen Welt zu realisieren. Unsere Aufgabe ist es, einerseits die Betriebe zu informieren, Veranstaltungen durchzuführen, aber andererseits auch die Handwerksorganisation und ihre Partner in die Lage zu versetzen, diese Digitalisierung anzugehen und zu unterstützen.

Wie geht das vor sich?

Brzezinski: Wir bieten gemeinsam mit den acht weiteren Handwerkskammern in unserer Schaufensterregion Schulungen und Seminare an, die von allen Betrieben, Mitarbeitern und Partnern genutzt werden können, um Wissen zu erwerben, Impulse zu bekommen, Erfahrungen auszutauschen oder auch die Unternehmensberater der Kammern mit dem nötigen Wissen auszustatten, damit sie den Betriebsinhabern vor Ort helfen können, orientiert am jeweiligen Geschäftsmodell zu entscheiden, in welchem Bereich sie auf die neuen IT-Technologien setzen wollen, und wie weit sie bei der Digitalisierung von Arbeits- und Produktionsprozessen gehen wollen. Wir begleiten die Betriebe in diesem Prozess und zeigen anhand modellhafter Beispiele, was alles möglich ist.

Wo nutzt den das Handwerk schon die Möglichkeiten der neuen Technologien?

Brzezinski: Da gibt es die unterschiedlichsten Ansatzpunkte. Zum Beispiel 3D-Scan und –Druckverfahren oder Roboter, die bei einem passenden Geschäftsmodell auch für kleinere und mittlere Handwerksbetriebe wirtschaftlich einsatzbar sind, obwohl man Produkte in Losgröße eins herstellt. Im Baustellenbereich kommt das Building-Information-Modeling zum Einsatz, an anderen Stellen ist die digitale Arbeitszeiterfassung oder auch der Vertrieb über digitale Medien ein Thema. Es geht immer darum, mit den Betriebsinhabern und Geschäftsführern eine Strategie zu entwickeln, wie sie ihr konkretes Geschäftsmodell in der digitalen Welt weiterführen können.

Verschwindet damit das traditionelle Handwerk?

Brzezinski: Nein, das ist nicht das Ziel, es verändert sich, geht mit der Zeit, um wettbewerbsfähig und mit seiner besonderen exklusiven Leistung am Markt zu bleiben. Grundsatz ist deshalb immer, mit den Unternehmen den handwerklichen Kern herauszuarbeiten. Ich sage es einfach mal verkürzt: Was fehlt der Welt, wenn es morgen diesen Handwerksbetrieb nicht mehr gibt. Wenn das geklärt ist, können wir alle anderen Funktionen drum herum sortieren und darüber diskutieren, ob man sie in die Digitalisierung mit einbinden kann.

Welche Gewerke sind denn schon gut unterwegs?

Brzezinski: Im Gesundheitshandwerk ist die Digitalisierung schon recht stark ausgeprägt. Hörgeräteakustiker beispielsweise stellen den Einsatz für die Hörgeräte schon im 3D-Druck her. Auch im Lebensmittelhandwerk nimmt die Digitalisierung zu, vor allem bei den größeren Betrieben, im gesamten Bereich der Bestellprozesse, Kundenverwaltung, Rechnungswesen. Betriebe im Bereich Sanitär, Heizung, Klima lassen ihre Kunden mithilfe einer 3D-Brille in der virtuellen Realität durch ihr künftiges Bad gehen, bevor sie alles installieren. Solche Themen sind im Kommen, und da sind auch Betriebe recht weit. Es hängt eben davon ab, welches Geschäftsmodell es gibt. Beispiel Tischlerei. Der eine Betrieb baut Türen ein, der andere baut Möbel. Da muss man schauen, wie man dort die Möglichkeiten der IT-Technik nutzen kann und welche Möglichkeiten man braucht, um schneller, präziser und kostengünstiger zu produzieren oder um potenzielle Kunden über das Internet auf sich aufmerksam zu machen.

Solche Ideen umzusetzen, ist mit zum Teil nicht unerheblichen Investitionen verbunden. Gibt es dafür auch eine spezielle Förderung, die das Kompetenzzentrum Handwerk 4.0 zugänglich macht?

Brzezinski: Wir sind kein Fördermittelgeber. Wir zeigen Möglichkeiten auf von Technologien und denkbare Ansätze im Bereich der Geschäftsmodelle. Die Umsetzung, den Weg zum Einzug der Digitalisierung ins Handwerk, den muss der einzelne Unternehmer für seinen Betrieb selbst abstecken und entscheiden, wie weit er geht. In dieser Phase begleiten und unterstützen ihn auch die Berater der Handwerksorganisation. Und dann ist die Digitalisierung eine Investition wie jede andere, wo am Ende der Unternehmer auch entscheiden muss, rechnet es sich, die Digitalisierung in der Stufe eins, zwei oder drei jetzt anzugehen. Die Finanzierung oben drüber läuft auf dem klassischen Weg.

Wann ist denn das Schaufenster Ost eröffnet worden und wie lange hat es noch offen?

Brzezinski: Wir machen das Schaufenster nicht wieder zu, egal ob es eine Verlängerung durch das Bundeswirtschaftsministerium gibt oder nicht. Der Erfahrungs- und Wissenstransfer wird weiter laufen auf der vorhandenen Infrastruktur und bis in die Bereiche Meisterausbildung und Erstausbildung hinein ausstrahlen. Wir sind seit 21 Monaten mit dem Kompetenzzentrum digitales Handwerk unterwegs. Ausgelegt ist das Projekt für drei Jahre. Unabhängig davon gilt: Das, was wir erreicht haben, ist einfach da und wird genutzt. Das hängt nicht an der Existenz dieses Schaufensters.

Mit Dr. Andreas Brzezinski

sprach Beate Möschl