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| 14:05 Uhr

Stadtgeschichte
Cottbuser Tatra-Bahnen fahren seit 40 Jahren

 Sie waren lange Zeit in Cottbus ein gewohntes Bild: die rot-beigen Tatra-Straßenbahnen. Hier eine Doppeltraktion am Berliner Platz im August 1981.
Sie waren lange Zeit in Cottbus ein gewohntes Bild: die rot-beigen Tatra-Straßenbahnen. Hier eine Doppeltraktion am Berliner Platz im August 1981. FOTO: Cottbusverkehr
Cottbus/Dresden. Sie sind alt, aber robust – und sie gehören ins Cottbuser Stadtbild: die Tatra-Straßenbahnen. Vor 40 Jahren wurden die ersten Wagen auf die Schienen gestellt. Von Christoph Pohl

Es ist fast genau 40 Jahre her, dass die ersten beiden Triebwagen vom Typ Tatra KT4D in Cottbus angeliefert wurden. Ab Februar 1979 wurden sie auch als Solowagen im Liniendienst eingesetzt. Seit dem 4. Oktober 1979 verkehrten dann die ersten zwölf Triebwagen auf der Linie 3 in Doppeltraktion. Bis heute ist es weitgehend unbekannt, dass die aus der damaligen ČSSR gelieferten Tatra- Straßenbahnen auf eine amerikanische Lizenz zurückgehen. Zu DDR-Zeiten wurde das verschwiegen.

Dass neue Straßenbahnen für die DDR nur aus der ČSSR bezogen wurden, geht auf eine Initiative der Stadt Dresden gemeinsam mit ihren Verkehrsbetrieben zurück. Sie fanden auf konspirative Weise Kontakt zur Stadt Prag, wo moderne Tatra-Straßenbahnen im Einsatz waren. Von Ende 1964 bis Mitte 1965 wurden in Dresden drei moderne T3-Triebwagen eingehend erprobt. Der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) billigte den Deal.

Für die DDR wurde der tschechische Typ T3 modifiziert und als T3D und T4D mit 30 Zentimeter schmalerem Wagenkasten geliefert. Das D steht für die Ausführung für die DDR, die dazugehörigen Beiwagen B3D und B4D waren Neuentwicklungen. Durch die Vereinbarung innerhalb des RGW lieferte der tschechische Hersteller CKD Tatra Prag Straßenbahnen in fast den gesamten Ostblock und wurde dadurch zum größten Straßenbahnproduzenten der Welt. Bis heute ist die Serie T3/T4 mit 16 630 Trieb- und 992 Beiwagen die weltweit meistgebaute Straßenbahn.

 Langläufer-Parade auf dem Betriebshof von Cottbusverkehr am 15. Juli 2014. Das sind modernisierte Fahrzeuge.
Langläufer-Parade auf dem Betriebshof von Cottbusverkehr am 15. Juli 2014. Das sind modernisierte Fahrzeuge. FOTO: Ulrich Thomsch

Der tschechische Straßenbahnbauer nutzte mehrere Lizenzen auf den Nachbau des PCC-Wagens aus den USA, die teilweise bereits vor dem Zweiten Weltkrieg und im Jahr 1948 erworben worden waren. PCC steht für President Conference Committee; Ende der 1930er-Jahre hatten sich amerikanische Straßenbahnverwaltungen zusammengetan, um einen Einheitswagen zu entwickeln. Die Baumerkmale wurden in der Präsidentenkonferenz der US-Verkehrsbetriebe festgelegt und beinhalteten unter anderem: vierachsige Straßenbahn-Einrichtungstriebwagen mit Möglichkeit zur Doppel- und Dreifachtraktion, elektrische Ausrüstung mit Fußsteuerung und Beschleuniger, hohe Beschleunigungs- und Bremswerte, Geschwindigkeit von mindestens 60 km/h, aerodynamisch geformter Wagenkörper, keine Stufen und Unterteilungen im Innenraum. An der Produktion waren namhafte Firmen in den USA und Kanada beteiligt. In Westeuropa bauten Fiat und belgische Firmen PCC-Lizenzbahnen.

Nach dem Probebetrieb wurden auch die ersten Serienfahrzeuge vom Typ T4D ab dem Jahr 1967 nach Dresden geliefert. Allerdings waren die jeweils 15 Meter langen Wagen für viele Straßenbahnnetze mit engen Straßen und scharfen Kurven nicht geeignet. So wurden extra für die DDR Kurzgelenk-Triebwagen mit der Bezeichnung KT4D entwickelt. Genau dieser Typ ist in Cottbus im Einsatz.

Sie sind durch den knickbaren Wagenkasten sehr kurvengängig und basiert sonst technisch auf dem Typ T3/T4. Sie können auch in Doppel- oder Dreifachtraktion verkehren. Die ersten Wagen wurden seit 1973 in Prag und ab 1974 in Potsdam erprobt. Die Kurzgelenk-Triebwagen KT4D, die nun ab 1978 an die Spree gelangten, waren in den Tatra-typischen Farben rot-beige lackiert. Zusätzlich zu den von 1978 bis 1990 aus Prag gelieferten 65 Triebwagen erhielt Cottbus im Jahr 1991 aus Erfurt noch sieben werkneue Bahnen in den Erfurter Stadtfarben kirschrot-weiß. Ein weiterer KT4D konnte 1989 aus Berlin erworben werden und damit ein durch eine Entgleisung schwer beschädigter eigener Wagen wieder aufgebaut werden.

Zwischen Oktober 1989 und Anfang 1990 wurde auf der Line 4 in Dreifachtraktion gefahren. Ab März 1991 konnte der gesamte Linienverkehr mit KT4D abgewickelt werden. 26 Cottbuser Tatra-Wagen modernisierte der Waggonbau Bautzen zwischen 1992 und 1995. Diese Fahrzeuge KT4Dm wurden in den Jahren 1995 bis 1998 bei der Mittenwalder Gerätebau GmbH (MGB) mit einem Niederflurmittelteil zum KTNF6 umgewandelt. Dessen Wagenkasten besteht aus Gewichtsgründen aus Faserverbundstoff in Wickelbauweise. Der Niederfluranteil beträgt etwa 30 Prozent des Gesamtfahrzeugs und ist damit barrierefrei. Parallel dazu wurde eine elektronische Fahrzeugsteuerung zur Senkung des Energieverbrauchs eingebaut. Damit wird beim Bremsen Strom ins Netz zurückgespeist. Der Einbau leistungsstärkerer Motoren diente dazu, das 7,5 Tonnen schwerere Fahrzeug besser zu beschleunigen. Seit dem 1. April 2004 verzichtet Cottbusverkehr auf den Einsatz der noch vorhandenen KT4D. Es sind nur noch die teilniederflurigen KTNF6 im Dienst.

Heute sind nicht mehr alle Fahrzeuge im Bestand, denn bereits seit 1992 wurden immer wieder KT4D-Wagen nach Schöneiche, Brandenburg, Görlitz sowie nach Liepaja (Lettland), Tallinn (Estland), Szeged (Ungarn), Kaliningrad und Pjatigorsk (Russland) abgegeben oder verschrottet.

Seit 2012 werden KTNF6-Triebwagen einer erneuten Verjüngungskur in der eigenen Werkstatt unterzogen. Der zehnte entsprechende Langläufer befindet sich seit Kurzem im Einsatz. In Cottbus gibt es heute noch 21 KTNF6-Triebwagen, vier Wagen gelangten nach Schöneiche und ein weiterer wurde unfallbedingt verschrottet. Der letzte für die damalige DDR gebaute Original-KT4D ist als Winterdienstfahrzeug im Einsatz.