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| 13:36 Uhr

Fachkräfte für die Zukunft
Ohne Zuwanderung kein Strukturwandel

 Asad Shirzad aus dem Iran, Mario Ruckdäschel, Büroleiter der WVG und Mohamad Hamdo aus Syrien (v.l.).Multinationalität ist in der Cottbuser Firma längst Alltag.
Asad Shirzad aus dem Iran, Mario Ruckdäschel, Büroleiter der WVG und Mohamad Hamdo aus Syrien (v.l.).Multinationalität ist in der Cottbuser Firma längst Alltag. FOTO: ZB / Patrick Pleul
Cottbus. Es geht meist nur um viel Geld, wenn es in der Lausitz die Rede vom Strukturwandel ist. Dabei schlummert ein großes Zukunftsproblem bereits jetzt in vielen Brandenburger Firmen. Von Jan Siegel

Es sind noch immer meist die problematischen Schlagzeilen, die die Debatte dominieren, wenn von Flüchtlingen die Rede ist. Andere Seiten kommen eindeutig zu kurz. Dabei haben Deutschland, Sachsen, Brandenburg und ganz besonders die Lausitz ein viel größeres Problem, das zu einer echten Bedrohung werden kann für die wirtschaftliche Zukunft der Region, und das ist längst nicht mehr nur theoretisch.

Der Region fehlen schon jetzt  massiv Arbeitskräfte. Das ist besonders fatal mit Blick auf die nächsten zwei Jahrzehnte, in denen zusätzlich auch der wirtschaftliche Strukturwandel gelingen soll. Daraus macht Bernd Becking kein Geheimnis. Becking ist Chef der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Agentur für Arbeit. „Ohne Rückkehrer und Zuzug hat Brandenburg in 15 Jahren 270 000 Arbeitskräfte weniger als heute“, sagt Becking. „Schon heute ist ein Viertel aller Erwerbstätigen älter als 55 Jahre.“

Solche Zahlen lassen die Dimension der Herausforderung erahnen, die allein auf das Land Brandenburg zukommt, wenn das öffentliche Leben und die Wirtschaft am Laufen gehalten werden sollen. Schon im Herbst 2018 konnten nach Aussagen der Arbeitsvermittler mehr als 1800 Lehrstellen im Land nicht mehr besetzt werden – Tendenz steigend.

Das ist die Ausgangslage, in der die erfolgreiche Integration von Zuwanderern und auch Geflüchteten gerade in der Lausitz immer mehr an Bedeutung gewinnt. Oft kaum beachtet, haben Politik und Wirtschaft  in Brandenburg inzwischen ein effektives System installiert, gerade Geflüchtete in Ausbildung und Arbeit zu bringen.

 Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD, 2.v.r.) und Bernd Becking, Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagentur für Berlin-Brandenburg im Gespräch mit Asad Shirzad aus dem Iran (2.l.) und Mohamad Hamdo (r.) aus Syrien.
Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD, 2.v.r.) und Bernd Becking, Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagentur für Berlin-Brandenburg im Gespräch mit Asad Shirzad aus dem Iran (2.l.) und Mohamad Hamdo (r.) aus Syrien. FOTO: ZB / Patrick Pleul

Einer der Praktiker, die die Größe der Aufgabe erkannt haben und sie längst offensiv annehmen, ist Reiner Petzold von der Wärmeversorgung (WVG) in Cottbus. „Unter unseren 215 Mitarbeitern, darunter 27 Auszubildende für ein halbes Dutzend Berufe, sind Menschen aus sieben Nationen inner- und außerhalb Europas“, sagt Rainer Petzold.

Schon jetzt arbeiten junge Männer aus Syrien und dem Iran nach erfolgreicher Ausbildung bei der WVG, die zur Gebäude-Management AG (Gemag) gehört. Derzeit absolvieren eine junge deutsche Frau und ein junger Syrer eine Einstiegsqualifizierung bei der Cottbuser Firma, um im Sommer eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement und zum Anlagenmechaniker zu beginnen. Ein weiterer syrischer Praktikant wird ebenfalls im Sommer 2019 in ein Ausbildungsverhältnis zum Kaufmann für Büromanagement übernommen.

Die wichtigste Voraussetzung liegt klar auf der Hand: es ist die Sprache. Ohne solide Deutschkenntnisse kann keine Ausbildung und eine damit verbundene Integration erfolgreich gelingen. Das Land Brandenburg hat dafür inzwischen ein funktionierendes System aufgebaut. Dreh- und Angelpunkt sind die zentrale Aufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt, die Arbeitsagenturen und die Brandenburger Kommunen. In der engen Zusammenarbeit der beteiligten Sozialpartner liegt auch für Marion Scheier vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in der Region Südbrandenburg/Lausitz das Erfolgsgeheimnis für eine gelingende Integration. „Wir müssen an einem Strang ziehen“, sagt Scheier und verweist auch auf die Chancen, aber auch die Risiken des Strukturwandels in der Lausitz, der am Ende nur gelingen könne, wenn genug Menschen da sind, die dafür arbeiten. Die Gewerkschafterin aber forderte die Brandenburger Unternehmer und ihre Verbände am Montag in Cottbus auch auf, ihre Mitarbeiter angemessen zu bezahlen. Die Quote der Unternehmen mit Tarifbindung ist in Ostdeutschland verschwindend gering. „Ordentlich Bezahlen ist eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass die Menschen – egal welcher Herkunft – auch in Zukunft hierbleiben“, sagte Marion Scheier.