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Haben Juweliere und Goldschmieden noch eine Zukunft?
Neuer Glanz in altem Handwerk

Goldschmiede benötigen eine filigrane Fingerfertigkeit.
Goldschmiede benötigen eine filigrane Fingerfertigkeit. FOTO: yunava1/Fotolia
Cottbus. An Schaufenstern von Juwelieren und Goldschmieden drücken sich Passanten oft die Nase platt. Doch wie steht es um die Zukunft dieser oft stadtbildprägenden Handwerksbetriebe? Die RUNDSCHAU sprach darüber mit Horst Teuscher, seit 20 Jahren Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Cottbus/Spree-Neiße und Geschäftsstellenleiter des Zentralverbandes der Deutschen Goldschmiede, Silberschmiede und Juweliere mit Sitz in Cottbus.

Herr Teuscher, die Kreishandwer kerschaft hat ihr Büro mitten in der Cottbuser Innenstadt, wo das Lausitzer Handwerk das Stadtbild mitprägt. Mit guten Namen wie Polsterei Hummel, Foto-Goethe, Fiedermann, Pelz-Feind, Stempel-Schuft und Juwelier F.F. Sack. Hat es hier noch goldenen Boden?
Teuscher Die jüngste Konjunkturumfrage im Südbrandenburger Handwerk hat gezeigt, dass die positive Stimmungslage in vielen Teilen des Handwerks anhält. Gold- und Silberschmieden beispielsweise weht eher ein harscher Wind ins Gesicht. Zu Weihnachten 2016 war Goldschmuck erstmals seit Jahrzehnten nicht mehr unter den Top zehn der Weihnachtsgeschenke.

Was bedeutet das für Geschäfte, die vorm Generationswechsel stehen?
Teuscher Das kann man so pauschal nicht sagen. Es gibt Unternehmen, die sind gut aufgestellt, und trotzdem geht der Nachwuchs eigene Wege. Bei anderen steht die junge Generation zur Familientradition. Die alteingesessene Familie Sack mit über 175-jähriger Tradition am Standort Cottbus ist so ein Beispiel. Heute liegt das Wohl der F.F. Sack Juwelier GmbH in den Händen von Claudia und Christiane Sack, der sechsten Generation. Beide engagieren sich für die Zukunft ihres Handwerks, die Innenstadt und die Ausbildung. Goldschmiedemeisterin Christiane Sack war 2015 und in diesem Jahr Mitglied der Jury des Wettbewerbs "Der junge Cellini".

Was ist "Der junge Cellini"?
Teuscher Das ist der Internationale Nachwuchswettbewerb im Goldschmiedehandwerk. Er richtet sich an alle Auszubildenden und junge Goldschmiede im ersten Gesellenjahr. 2006 wurde er zum ersten Mal international ausgelobt. 58 angehende Gold- und Silberschmiede aus ganz Deutschland nahmen damals daran teil. In diesem Jahr hatten 115 Azubis vom ersten bis dritten Lehrjahr sowie Gesellen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre Teilnahme angemeldet, 96 kamen in die Wertung. Thema des Wettbewerbes war "Meeresfrüchte". Zehn Preisträger wurden ermittelt. Ihre Arbeiten waren bis zum 23. Juni im Technikmuseum in Berlin zu sehen.

Gibt es auch in der Lausitz Gelegenheit, die Preisträgerarbeiten zu sehen, zumal der Zentralverband seinen Sitz in Cottbus hat?
Teuscher Natürlich haben wir daran gedacht. Eine Ausstellung im Haus des Handwerks in Cottbus ist bereits geplant, allerdings müssen wir wegen der Sprengung des Geldautomaten und der Schäden im Eingangsbereich vom Haus des Handwerks prüfen, unter welchen Bedingungen wir das realisieren können. Auf jeden Fall wollen wir die preisgekrönten Exponate zur Handwerkerausstellung in Cottbus Ende Januar 2018 zeigen.

Lohnt es sich noch, eine Ausbildung als Gold- und Silberschmied zu absolvieren?
Teuscher Wenn das Umfeld stimmt, ja. Der Beruf gibt sehr viel her. Er ist sehr kreativ, sehr vielfältig, verlangt hohes Wissen in Bereichen wie Chemie, Physik und Mathematik und filigrane Fingerfertigkeit. Er gibt eine gute Grundlage, auch um später als Designer oder Künstler arbeiten zu können. Deswegen gehen manche diesen Weg. Sie absolvieren eine Handwerkslehre und satteln dann ein Studium drauf, so wie wir es zum Beispiel im Schneiderhandwerk öfter erleben.

Wie viele Lehrlinge im Gold- und Silberschmiedehandwerk gibt es derzeit in Südbrandburg?
Teuscher In ganz Brandenburg wird derzeit nur ein Lehrling ausgebildet, früher waren es mal mehr. Gold- und Silberschmied ist kein meisterpflichtiger Beruf mehr. Der Meisterzwang wurde 2004 mit der Novellierung der Handwerksordnung abgeschafft. Seitdem beobachten wir einen Rückgang bei den Ausbildungszahlen.

Das klingt nicht nach güldener Zukunft …
Teuscher Zum Schwarzsehen gibt es keinen Grund. Wir beobachten in Ost und West gegenläufige Tendenzen. Im Westen gibt es sehr viele Bewerber auf einen Ausbildungsplatz. Das ist in der Historie begründet. In der ehemaligen DDR hat das Handwerk ein bescheidenes Dasein gefristet. Eheringe beispielsweise wurden in der Zwickauer Edelschmiede gefertigt. Die ist später teilweise in die Dienstleistungskombinate eingegliedert worden. Gold war Mangelware. Im Westen hat das Gold- und Silberschmiedehandwerk einen hohen Stellenwert, vor allem durch die kirchliche Tradition und den hohen Stellenwert des Goldes. Der schwankt derzeit etwas. Gold ist eher zum Spekulationsobjekt geworden, das gehandelt wird und seltener als künstlerisch gestaltetes Schmuckstück gefragt ist.

Wie sind denn die Chancen, als Gold- und Silberschmied einen Arbeitsplatz zu finden?
Teuscher Fachleute werden hier durchaus wieder gesucht. Das Handwerk ist gut aufgestellt und bildet grundsätzlich für den eigenen Bedarf aus. Es geht recht familiär zu. Wir kümmern uns als Zentralverband um die Berufsausbildung und fördern den Nachwuchs mit dem renommierten Wettbewerb "Der junge Cellini". Ich würde jedem raten, sich auf das Traditionelle zu besinnen und es mit modernem Pep und Zeitgeist zu verbinden. Der Beruf gibt viel Wissen mit, das sonst verloren geht.

Mit Horst Teuscher sprach Beate Möschl

Zum Thema:
Im Zentralverband der Deutschen Goldschmiede, Silberschmiede und Juweliere sind circa 700 Mitglieder organisiert. Dazu zählen Innungen, Landesverbände, Landes-Innungen, Einzelmitglieder und Fördermitglieder. Bundesweit gibt es circa 5000 Gold- und Silberschmiede. Im Land Brandenburg sind es nach Angaben des Verbandes circa 30, davon sind 18 in der Gold- und Silberschmiedeinnung des Landes organisiert. Goldschmiedemeister Hans-Ulrich Jagemann (62) aus Brandenburg an der Havel ist langjähriger Vorsitzender der Landesinnung der Gold- und Silberschmiede Brandenburgs. Er wurde 2012 zum Präsidenten des Zentralverbandes der Deutschen Goldschmiede, Silberschmiede und Juweliere gewählt. Horst Teuscher führt in ehrenamtlicher Bürogemeinschaft mit der Kreishandwerkerschaft Cottbus/Spree-Neiße die Geschäfte. www.kh-cb-spn.dezentralverband-goldschmiede