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| 06:15 Uhr

Interview mit Martin Wehrle
„Mitarbeiter sollten Firmen Zeugnisse ausstellen“

Martin Wehrle hat an der Akademie für Publizistik in Hamburg studiert und war stellvertretender Chefredakteur der Angler-Zeitschrift Blinker. Später leitete er zwei Abteilungen in einem MDAX-Konzern und begann, sich mit der Führungskultur deutscher Unternehmen zu beschäftigen. Seit 2000 ist Wehrle selbstständiger Karriereberater. 2003 erschien sein erstes Buch.
Martin Wehrle hat an der Akademie für Publizistik in Hamburg studiert und war stellvertretender Chefredakteur der Angler-Zeitschrift Blinker. Später leitete er zwei Abteilungen in einem MDAX-Konzern und begann, sich mit der Führungskultur deutscher Unternehmen zu beschäftigen. Seit 2000 ist Wehrle selbstständiger Karriereberater. 2003 erschien sein erstes Buch. FOTO: A. Heeger
Hamburg . Autor und Karriereberater Martin Wehrle kritisiert die Verhältnisse der Arbeitswelt in Deutschland.

Er wird als der bekannteste Karriereberater Deutschlands bezeichnet. 2011 erschien sein Buch „Ich arbeite in einem Irrenhaus“, das gleich zum Bestseller wurde. Nun folgt 2018 mit „Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch“ ein weiteres Buch, das sich mit den unangenehmen Seiten der deutschen Arbeitswelt befasst.

Die Beispiele, die die Arbeitnehmer schildern, sind Paradebeispiele für falsche Personalpolitik, falsche Mitarbeiterführung, überbordende Bürokratie, Überstundenirrsinn und Kontrollwahn.

Geschildert wird beispielsweise ein Fall aus Bautzen. Hier zahlte der Chef den neuen Mindestlohn zwar offiziell per Lohnschein aus. Doch im Gegenzug forderte er die Differenz zu dem viel geringeren Lohn, den er eigentlich zahlte, in bar von seinen Angestellten zurück. Sind solche Ausfälle nur Ausnahmen oder sind es Auswüchse massiver Fehlentwicklungen in der Arbeitswelt?

Herr Wehrle, hat sich, seit Ihr erstes Buch erschienen ist, etwas getan?

Wehrle Es ist schlimmer geworden. So haben wir jetzt zwar den Mindestlohn, aber real arbeiten 2,7 Millionen Menschen für weniger, weil er mit tausend Tricks umgangen wird. Ich hatte damals realistische Projektplanungen gefordert, aber der BER ist immer noch nicht in Betrieb. Genauso ist es mit der Führungs- und Diskussionskultur. Ein Krankenpfleger in Delmenhorst konnte über 100 Menschen umbringen, weil keiner den Mut hatte, dazwischenzugehen.

Sind diese Probleme in den Unternehmern nicht schon immer dagewesen?

Wehrle Der Kapitalismus in dem Sinn, dass Unternehmen mehr und mehr Gewinn machen müssen, schreitet voran. Vor dem Jahr 2000 haben die Firmen, vor allem auch die Familienunternehmen, noch langfristige Ziele verfolgt und die Mitarbeiter entsprechend aufgebaut. Heute zählen nur noch die kurzfristigen Quartalszahlen.

Aber die meisten Unternehmen, auch hier in der Lausitz, sind gar nicht börsennotiert?

Wehrle Der Druck wird von großen Unternehmen an die Zulieferer und Dienstleister weitergereicht. Dort zuerst auf die Führungskräfte, dann folgen die Mitarbeiter. Der kleine Buchhändler in der Lausitz, der hier seine Steuern und Löhne zahlt, konkurriert mit Amazon, das in Luxemburg gemeldet ist und dort kaum besteuert wird.

Die Unternehmensgewinne haben sich von 1991 bis 2018 verdreifacht, gleichzeitig sind die Reallöhne gesunken. Der Grundsatz „Eigentum verpflichtet“ wird nicht mehr gelebt. Es gibt zu wenig sinnorientierte Unternehmen, die ernsthaft das Anliegen des Kunden in den Mittelpunkt stellen. Und zu viele gewinnorientierte Unternehmen, wo es nur darum geht, mehr Geld zu erwirtschaften und Kosten zu senken, das heißt Mitarbeiter wegzurationalisieren.

Viele Abteilungen werden heute als Profit-Center geleitet. Da gilt, je weniger Kosten durch Mitarbeiter entstehen, desto höher ist die Prämie für die Führungskraft.

Dieses Verhalten gefährdet aber doch langfristig das Überleben der Unternehmen. Warum gibt es das, auch angesichts des viel beschworenen Fachkräftemangels, trotzdem?

Wehrle Weil die Topmanager großer Unternehmen nur noch zwei, drei Jahre in einer Position sind. Bis der Misthaufen, den sie hinterlassen, zu dampfen anfängt, sind die mitsamt ihren Prämien schon weg. Deshalb fordere ich, Prämien an Manager erst zehn Jahre später auszuzahlen.

Die Kurzatmigkeit im Management spiegelt sich in den Entscheidungen wider. Und die Börse unterstützt das. In der Wirtschaftswunderzeit stiegen die Kurse, wenn ein Unternehmen tausend Mitarbeiter einstellte. Heute steigen sie, wenn ein Unternehmen tausend Leute entlässt.

Was können die Mitarbeiter denn dagegen tun?

Wehrle Was wären die Unternehmen ohne ihre Mitarbeiter? Leere Immobilien! Ich wünsche mir, dass die Mitarbeiter mehr zusammenstehen. Dass die Älteren aufstehen, wenn Junge nur befristete Verträge erhalten und dass die Jungen aufstehen, wenn Ältere in Frühverrentung geschickt werden. Ich wünsche mir, dass im Großraumbüro nicht derjenige, der 17 Uhr gehen will, wegen der Kollegen bis 19 Uhr Überstunden schiebt, sondern dass alle 17 Uhr gehen. Arbeit nach Vorschrift hat zu Unrecht einen schlechten Ruf.

Ich habe die Hoffnung, dass die fähigsten Mitarbeiter in Zukunft viel mehr darauf achten, wie menschlich die Umgangsformen in Unternehmen sind und gezielt solche Unternehmen auswählen.

Und welche Maßnahmen sind noch denkbar?

Wehrle Ich bin für einen „Führerschein für Führungskräfte“. Jeder Mopedfahrer braucht einen Führerschein, aber wer tausend Mitarbeiter führen will, braucht nur tausend Mitarbeiter. Und ich fordere ein zentrales Verzeichnis, wo Ärzte die Behandlung von Mobbing- und Burnout-Opfern melden. Mit anonymen Patientendaten, aber unter Angabe des Unternehmens. Wenn auffällige Daten öffentlich ausgewertet werden, ist das für die guten Firmen positive und für die schlechten natürlich negative Werbung.

Und bei Jobwechseln sollte nicht nur die Firma ihrem Mitarbeiter, sondern die Mitarbeiter auch ihrer Firma ein Zeugnis ausstellen. Transparenz schafft den nötigen Druck, um Missstände abzustellen. Wenn sich Mitarbeiter wohlfühlen, fair behandelt werden und deshalb einbringen, kommt das dem Unternehmen zugute. Es gibt keinen Widerspruch zwischen Effektivität und guter Menschenführung.

Hätte man beispielsweise am BER mehr auf die Mitarbeiter gehört, wäre weniger passiert. Ein gutes Beispiel ist die Drogeriekette DM. Dort können die Mitarbeiter ihren Chef selbst wählen. Das funktioniert gut.

Sie schildern in ihren Büchern sehr drastische Beispiele. Woher bekommen Sie diese Informationen?

Wehrle Als selbstständiger Karriereberater treffe ich jeden Tag Menschen, die erzählen, was hinter den Fassaden vorgeht. Menschen aus Weltkonzernen mit Namen wie Gütesiegeln. Menschen aus Familienbetrieben, die eigentlich zur Familienberatung müssten. Mittelständler, die nur noch Mittelmaß hervorbringen. Auf meine Bücher habe ich Tausende von Zuschriften bekommen. Und als ich meinem Taxifahrer erzählte, an welchem Buch ich gerade arbeite, sagte der nur: Das kann ich unterschreiben.

⇥mit Martin Wehrle
⇥sprach Nils Ohl

Aus der aktuellen RUNDSCHAU-Umfrage geht hervor, dass rund 70 Prozent der Lausitzer mit ihrer Arbeit zufrieden sind, aber bei 30 Prozent heißt es Daumen runter für Chef und Arbeitsumstände
Aus der aktuellen RUNDSCHAU-Umfrage geht hervor, dass rund 70 Prozent der Lausitzer mit ihrer Arbeit zufrieden sind, aber bei 30 Prozent heißt es Daumen runter für Chef und Arbeitsumstände FOTO: Kravtsov Sergey/Shutterstock.com