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| 16:18 Uhr

Handwerkslehre statt Studium
„Meister, ich will bei Ihnen lernen“

„Eine handwerkliche Ausbildung schadet keinem“, sagt Marie Schmaler, Tischlerlehrling im dritten  Lehrjahr. Sie hat sich gezielt einen Ausbildungsplatz in einem kleinen Betrieb gesucht, damit sie möglichst viel lernen und komplette Möbelstücke bauen kann.
„Eine handwerkliche Ausbildung schadet keinem“, sagt Marie Schmaler, Tischlerlehrling im dritten Lehrjahr. Sie hat sich gezielt einen Ausbildungsplatz in einem kleinen Betrieb gesucht, damit sie möglichst viel lernen und komplette Möbelstücke bauen kann. FOTO: Beate Möschl / LR Beate Möschl
Neuhausen . 19 Lehrlinge hat Tischlermeister Udo Kemnitz seit 1987 ausgebildet. Marie Schmaler hat ihn überzeugt, dass damit noch nicht Schluss ist. Von Beate Möschl

Für Tischlermeister Udo Kemnitz ist die Lehrausbildung wie eine Berufung. 19 Lehrlinge hat der Neuhausener seit 1987 ausgebildet. Nach dem 18. sollte eigentlich Schluss sein. Doch dann klopfte Marie Schmaler bei ihm an. „Meister, ich will hier lernen. Sie können sagen was, Sie wollen. Geld und Urlaub sind mir nicht so wichtig wie das Handwerk zu erlernen, hier, bei Ihnen.“

Mit dieser Ansprache und ihren schulischen Leistungen hat Marie Schmaler, damals 18 und kurz vorm Abitur, Udo Kemnitz imponiert. Und dem hätte es beinahe die Sprache verschlagen. „So hartnäckig hat noch keiner um einen Ausbildungsplatz bei mir gerungen“, sagt der langjährige Innungsobermeister mit einem Schmunzeln im Gesicht, und dass er eigentlich keinen Lehrling mehr nehmen wollte. Deshalb habe er auch alle Register gezogen, aber nicht ein Wimpernzucken erlebt. „Dann will ich aber nichts hören und keinen Ärger haben“, habe er schließlich auf seine Weise ja gesagt zum Lehrvertrag und das nicht einen Tag bereut.

„Das Mädel ist ein Naturtalent und hat klare Vorstellungen, was zählt im Leben“, sagt Udo Kemnitz. „Das gibt es heute nicht mehr so oft“, fügt er seine Erfahrung an. Kemnitz war 21 Jahre Innungsobermeister der 1990 neu gegründeten Tischler-Innung Cottbus und Jahrzehnte im Prüfungsausschuss der Handwerkskammer Cottbus. Seit 30 Jahren bildet er Lehrlinge aus. „Mit der Handwerksausbildung haben sie einen vernünftigen Beruf und eine 100prozentige Perspektive fürs gesamte Leben“, weiß er. Keiner seiner ehemaligen Lehrlinge sei heute ohne Job.

Marie Schmaler steht kurz vor der Gesellenprüfung. Den Entwurf für das Gesellenstück hat sie längst im Kopf, er muss noch aufs Papier, akribisch genau, mit Detail-Planung und Bauteile-Beschreibung, sodass erkennbar wird, sie weiß genau wie es geht. Am 29. Mai muss sie das bei der Vorstellung des Entwurfs vor dem Prüfungsausschuss der Handwerkskammer Cottbus beweisen. Bei der Gestaltung sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Marie Schmaler lebt das gern aus, aber nicht zum Selbstzweck. Ihr Gesellenstück soll ein Geschenk für die Eltern werden, ein Plattenspieler-Schrank, wie man ihn nirgendwo kaufen kann — sofern es überhaupt Phonomöbel für derlei Zweck gibt, auch wenn die Vinylscheibe eine Konjunktur erlebt.

Beim Möbelbau ist die 21-Jährige in ihrem Element. „Ich wollte schon immer etwas Handwerkliches machen“, sagt sie. Das Tischlerhandwerk biete eine Bandbreite, die ihr absolut gefällt, und eröffne viele Perspektiven. Ob Baugewerbe, Türen- und Fensterbau, Möbeltischlerei und -aufarbeitung, Innenausbau, Treppenbau — die Lehrausbildung umfasst alle Bereiche. „Die Möbeltischlerei habe ich mir ausgesucht, weil mich das mehr anspricht und viel mitgibt fürs Leben. Wenn ich zum Beispiel Architektur mit Schwerpunkt Innenarchitektur studiere, habe ich eine gute Raum-Vorstellung und Wissen, wie sich Probleme lösen lassen. Problemlösungen sind ja die Hauptaufgabe eines Tischlers“, schildert Marie Schmaler. Auch als Bauherrin, wenn sie später mal ihre eigenen vier Wände baut - „am liebsten hier in der Region“ - sei für sie dann „alles besser vorstellbar und planbar“.

Dass die Tischlerei Udo Kemnitz nur ein Ein-Mann-Betrieb ist, sei überhaupt nicht nachteilig. Im Gegenteil. Ausgesucht habe sie sich den Betrieb ganz gezielt. „Wegen dem guten Ruf, den er hat, und weil man in einem kleinen Betrieb mehr lernen kann“. Ihr sei wichtig, ein Möbelstück komplett fertigen zu können und nicht immer nur einen Arbeitsgang zu wiederholen wie am Fließband, weil Großaufträge abzuarbeiten sind. „Den Umgang mit CNC-Technik kann man immer noch lernen, je nachdem wo man arbeitet und seine berufliche Zukunft sieht.“

Zu ihrem eigenen Werdegang hat sich die 21-Jährige noch nicht festgelegt. Eine handwerkliche Laufbahn mit Weiterbildung kann sie sich vorstellen, Hauptsache dual. Denn nur Theorie, das liegt ihr nicht. „Etwas Praktisches muss immer dabei sein, damit man das Gelernte auch umsetzen und ausprobieren kann.“ Auch ein Studium will die gebürtige Drehnowerin, die inzwischen mit ihrem Freund in Cottbus wohnt, nicht ausschließen. „Das kommt darauf an, welche Beschäftigungschancen es gibt. Mir stehen nach der Lehre alle Möglichkeiten offen.“

Marie Schmaler möchte gern in der Region bleiben. „Weit weg zu gehen, ist für mich keine Option“, sagt sie. „Dafür hänge ich zu sehr an der Region, an der Familie, Freunden und dem Zusammenhalt, mit dem ich groß geworden bin. Darauf kann ich immer zählen, wenn ich nach Hause komm’.“