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| 11:22 Uhr

Forscher untersuchen Effekte der Frührente / Neu mit mehr Hintergrund
Milliardengeschenk für Kohle-Konzerne

 Das Braunkohle-Aus könnte für Tausende den vorzeitigen Ruhestand bedeuten.
Das Braunkohle-Aus könnte für Tausende den vorzeitigen Ruhestand bedeuten. FOTO: dpa / Federico Gambarini
Berlin. Der Staat will die frühzeitige Rente für Kumpel fördern. Das käme vor allem den Konzernen zugute.Das haben Berliner Wissenschaftler bei ihrerUntersuchung herausgefunden. Von Ina Matthes

Der geplante staatliche Vorruhestand für Beschäftigte in der Braunkohle ist ein verkapptes Milliardengeschenk des Staates an die Kohle-Konzerne. Das belegt eine Untersuchung von Wissenschaftlern des Mercator-Institutes MCC in Berlin und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit.

Die Forscher haben die Effekte einer staatlich geförderten Frühverrentung für Beschäftigte im Braunkohlebergbau untersucht. Die von der Kohle-Kommission vorgeschlagene Vorruhestandsregelung sieht ein Anpassungsgeld ab einem Alter von 58 Jahren vor.

Gesamtkosten von 2,8 Milliarden Euro bis zum Kohle-Aus

Die Forscher sind in ihren Berechnungen davon ausgegangen, dass die Vorruheständler einen Lohnersatz in Höhe von 85 Prozent des Durchschnittslohns des jeweiligen Braunkohlereviers erhalten. Überdies zahlt der Staat Sozialversicherungsbeiträge und gleicht Rentenabschläge aus.

Sie kommen auf Gesamtkosten von 2,8 Milliarden Euro bis zum Braunkohle-Aus 2038. Davon entfallen 913 Millionen Euro auf die Lausitz, 296 Millionen Euro auf das Mitteldeutsche Revier und 1,6 Milliarden Euro auf das rheinische Revier. Nur würde das Staatsgeld einen sozialverträglichen Beschäftigungsabbau nicht beschleunigen, sondern vor allem den Konzernen Geld sparen. Denn bereits jetzt scheiden Mitarbeiter im Bergbau außergewöhnlich früh aus dem Arbeitsleben aus.

Mit 58 und 60 in den Ruhestand

Nach Recherchen der Forscher gehen im Rheinland und in der Lausitz mehr als die Hälfte vor einem Alter von 58 Jahren in Ruhestand. Mit 60 sind bereits mehr als 80 Prozent Rentner. Diese Frühverrentung zahlen derzeit die Konzerne. „Schon heute bieten die Braunkohle-Unternehmen auf eigene Kosten Frühverrentungsprogramme an, die die Unternehmen unter realistischen Annahmen 1,7 Milliarden Euro bis zum Enddatum des Kohleausstiegs im Jahr 2038 kosten würden“, schreibt Luke Haywood, Wissenschaftler am Mercator-Institut.

Das heißt, das vorgeschlagene Anpassungsgeld würde Vorruhestandsprogramme der Konzerne ersetzen. Sie könnten 1,7 Milliarden Euro sparen – der Steuerzahler hätte 2,8 Milliarden Euro aufzubringen. Für die betroffenen Beschäftigten würde das nach Einschätzung der Forscher keine großen finanziellen Vorteile bringen.

Forscher fordern Prüfung von Alternativen

Sie schlagen vor, Alternativen zu prüfen. So könnten alle Beschäftigten – unabhängig vom Alter – einen finanziellen Ausgleich erhalten, wenn sie in einen geringer bezahlten neuen Job wechseln. Das könnte nach Ansicht der Wissenschaftler Beschäftigten neue Perspektiven eröffnen und auch dem Fachkräftemangel in anderen Branchen in den Kohlerevieren entgegenwirken.

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