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| 11:37 Uhr

INTERVIEW MIT JÜRGEN NAUJOKAT
„Das hat Auswirkungen aufs Stadtbild“

Jürgen Naujokat, Geschäftsführer der Dachdecker-Innung Cottbus
Jürgen Naujokat, Geschäftsführer der Dachdecker-Innung Cottbus FOTO: Handwerkskammer Cottbus / Richard Kliche
Cottbus . Der Geschäftsführer der Dachdecker-Innung Cottbus über die Folgen des Fachkräfte- und Lehrlingsmangels.

Herr Naujokat, wer dieser Tage einen Dachdecker braucht, wird kaum noch fündig. Die Betriebe sind ausgebucht bis unters Dach. Das klingt nach Platz für mehr Anbieter am Markt. Gibt es Handwerksmeister, die jetzt ihre eigene Firma gründen und mit zusätzlichen, freien Kapazitäten den Markt entlasten?

Naujokat Das würden wir sehr begrüßen, aber es fehlt einfach an Personal. Unsere Mitgliedsbetriebe arbeiten hart an der Belastungsgrenze. Sie suchen händeringend Fachkräfte und Lehrlinge. 1998 hatten wir in Süd-Brandenburg 210 Lehrlinge in der Berufsausbildung, heute sind es nur noch 30. Wo dauerhaft Fachkräftenachwuchs fehlt, kann es auch kurzfristig keine zusätzlichen Kapazitäten und Betriebsgründungen geben.

Was bedeutet das für die Zukunft, wenn die jetzt noch Aktiven in Rente sind; wer deckt und repariert dann noch unsere Dächer?

Naujokat Das werden immer Dachdecker machen. Es gibt Fachregeln, die eingehalten werden müssen, und gleichzeitig immer komplexer werden. Das heißt, Fachleute brauchen wir auch weiterhin. Das Dachdecker-Handwerk wird nicht aussterben. Dachdecker ist ein krisensicherer Job, und er wird gut bezahlt. Der Mindestlohn liegt derzeit bei 12,90 Euro brutto je Stunde. Ab Januar 2019 steigt er um weitere 30 Cent pro Stunde. Wirklich gute Fachkräfte verdienen bedeutend mehr. Was es geben wird, ist ein weiterer Wandel auf dem Dach. Mit Konsequenzen fürs Stadtbild.

Was meinen Sie damit?

Naujokat Es wird weitere Vereinfachungen bei Dachstuhlkonstruktionen geben. Immer mit Blick auf schnellere Bauweise und wirtschaftliches Bauen. Der Trend zum Flachdach prägt sich weiter aus. Das haben schon unsere Altvorderen getan, um beim Bauen zu sparen. ein Walmdach leisten sich nur noch einige wenige Bauherren. Bei Dachfenstern geht der Trend zur Dachkuppel. Das ist eine Entwicklung zum Einerlei statt zum Besonderen, die sich im Stadtbild niederschlagen wird.

Heißt das im Umkehrschluss nicht auch: Wer sein Handwerk bis in seltene Spezialitäten hinein beherrscht, wird teurer sein und mehr verlangen können für seine Leistung?

Naujokat Das ist schwer vorauszusagen. Natürlich sind Spezialisten teurer. Das ist heute schon so. Überall. Letztlich ist das immer eine Sache von Angebot und Nachfrage. Nicht zuletzt lassen immer neue Verordnungen und Vorschriften die Anforderungen ans Dachdeckerhandwerk steigen.

Das hört sich nach dicken Brettern an, die die vom Handwerk dringend gesuchten Lehrlinge bohren müssen, um aufs Dach zu kommen?

Naujokat Da ist was dran. Auf dem Dach wird es nie langweilig. Es fordert den ganzen Lehrling, egal ob weiblich oder männlich, samt Köpfchen. Das muss sich dringend auch in der schulischen Ausbildung niederschlagen, das fordern wir schon lange. Das kann ganz einfach anfangen, mit der Wiederaufnahme des Werkunterrichts in der Grundschule. So könnten unsere Kinder frühzeitig mit dem Umgang mit Werkzeugen und Material vertraut gemacht werden. Es ist doch nicht einzusehen, dass Kinder in Bayern diesen Vorzug genießen können und Brandenburger Kinder in ihrer handwerklichen Findung das Nachsehen haben.

Also zurück in die Zukunft fürs Handwerk?

Naujokat Wenn Sie es so sehen wollen. Wir beobachten, dass trotz der guten Verdienstmöglichkeiten, Perspektiven und Aufstiegsmöglichkeiten in unserem Handwerk das Interesse der jungen Menschen an unserem Beruf vorbei zu gehen scheint. Das heißt, wir müssen mehr tun für unser Image, um mehr Aufmerksamkeit bei Eltern und Kindern zu gewinnen. Das kann aus unserer Sicht auch durch frühestmöglichen, zielgerichteten Kontakt der Kinder und Jugendlichen mit dem Handwerk erreicht werden. Denn unsere Lebensweise hat sich entscheidend geändert. Das Dorf ist nicht mehr das klassische Dorf, und in der Stadt sind handwerkliche Erfahrungen schlecht zu erlangen. Dafür müssen wir natürlich zeitgemäß trommeln und auch die sozialen Netzwerke für unsere Imagearbeit nutzen. Gemeinsam mit der Handwerkskammer und der Bundesagentur für Arbeit tun wir dies und mehr bereits verstärkt.

⇥Mit Jürgen Naujokat
⇥sprach Beate Möschl