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| 19:00 Uhr

Schulstart
Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit

Cottbus. Im Mai waren 190 Unter-25-Jährige ohne Arbeit. Vor zehn Jahren waren es noch 906. Von Daniel Schauff

915 Schüler sind am Samstag in Cottbus eingeschult worden. Sie begeben sich auf den Weg, der ihr Leben entscheidend mitbestimmen wird. Etwa 70 von ihnen werden die Schule ohne Abschluss verlassen – zumindest dann, wenn die Quote der vergangenen Jahre konstant bleibt. Denn dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg zufolge waren es in den vergangenen drei Jahren jedes Mal zwischen sieben und acht Prozent der Schulpflichtigen, die ohne Abschluss ins Berufsleben starteten.

Ein großer Teil diser 70 Cottbuser Schüler wird von Förderschulen kommen. Von regulären Schulen blieben im Schuljahr 2014/15 der Statistik zufolge 39 Schüler, im Schuljahr darauf 35 Schüler ohne Zeugniss. Diese Zahlen nennen der Cottbuser CDU-Fraktionschef Wolfgang Bialas und Sozialdezernentin Maren Dieckmann (parteilos) im Rahmen einer Aktuellen Stunde, die die CDU-Fraktion während der letzten Stadtverordnetenversammlung vor der Sommerpause durchführte. Für Bialas ist klar: „Wir haben ein Problem.“ Denn ein fehlender Schulabschluss sei oft der Startschuss für ein Leben in die Arbeitslosigkeit. Rund 500 14- bis 24-jährige Arbeitssuchende sind aktuell beim Cottbuser Jobcenter registriert, 277 davon sind geflüchtete Jugendliche. Etwa jeder Dritte hat keinen Schulabschluss. Die Dunkelziffer – „Null-Bock-Jugendliche“ nennt Bialas einige von ihnen – liegt zweifelsohne weit höher. Aber: Nicht alle Jugendliche ohne Abschluss bleiben ohne Arbeit.

Für alle registrierten Unter-25-Jährigen gebe es Anschlussprojekte, sagt Maren Dieckmann. Ziel sei es, die Jugendarbeitslosigkeit in eben dieser Altersgruppe unter 3,4 Prozent zu senken – im Mai 2018 lag sie bei 4,1 Prozent, sagt die Sozialdezernentin. Absolut entspreche das einer Zahl von 157 Jugendlichen.

Vor allem bei den Jugendlichen mit Berufsausbildung habe sich die Zahl der Arbeitslosen verringert. Dennoch – das Jobcenter könne nicht in allen Fällen ein „Reparaturbetrieb“ für Versäumnisse in der Erziehung und in anderen Lebensbereichen sein. Rund 30 Prozent derjenigen, die vom Jobcenter Cottbus eingeladen werden, um Perspektiven im Berufsleben zu erörtern, erscheinen einfach nicht, sagt Maren Dieckmann. Lieber nähmen sie die sofortige Kürzung von Sozialleistungen in Kauf. „Kein Schulabschluss – keine Lebensperspektiven?“ Die Frage will Maren Dieckmann deutlich verneinen. Jeder Abschluss könne nachgeholt werden. Wenn die Erkenntnis erst spät im Erwachsenenleben reife, dann gebe es den Zweiten Bildungsweg.

Beeindruckend sind die Zahlen, die Sven Mochmann, Geschäftsführer des Cottbuser Jobcenters präsentiert. Demnach ist die Zahl der Arbeitslosen unter 25 Jahren in den vergangenen zehn Jahren von 906 (im Jahr 2007) auf 190 (im Jahr 2017) gesunken. Ein weiterer Abbau sei schwierig, so Mochmann – vor allem in den vergangenen zwei Jahren seien vermehrt geflüchtete Arbeitslose im Jobcenter registriert worden – die Zahlen bleiben seit 2015 beinahe konstant. Für Jugendliche ohne Berufsabschluss, so Mochmann, gebe es zwei Angebote: entweder das Nachholen eines Abschlusses oder eine Beschäftigung. Angesichts der guten Marktlage, so Mochmann, sei Jugendarbeitslosigkeit kein akzeptabler Zustand.

Seit drei Jahren gibt es im Jobcenter Cottbus die Jugendberufsagentur – eine Einrichtung, die bislang kaum bekannt sei, sagt der Jobcenter-Chef. Das Konzept ist einfach: Der Jugendliche ohne Job wird „fallbearbeitet“, bekommt also eine Beratung, die auf seine Situation angepasst ist. Am Ende, so Mochmann, gebe es ein Angebot an den Arbeitssuchenden. Bislang sei die Agentur im Jobcenter angesiedelt, das Ziel sei es aber, außerhalb der Behörde einen Ort zu finden, an dem die Beratung stattfindet, in Schulen etwa. „In Behörden geht man eben nicht so gern“, sagt Mochmann. Geplant sei auch eine Erste-Hilfe-Hotline, an die sich Jugendliche und Eltern wenden können, die nicht mehr weiter wissen.

Auch die „verlorenen Jugendlichen“, die nicht einmal beim Jobcenter registriert sind, sollen mit einem Projekt „eingefangen“ werden. Seit diesem Monat fährt ein Beratungsbus durch Cottbus, der Jugendliche ohne Arbeit und ohne Arbeitslosengeld an einem neutralen Ort beraten soll und langsam an die Angebote des Jobcenters heranführen will. Wie viele „Verlorene“ es in der Stadt gibt, vermag auch Mochmann nicht zu sagen.