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Frust
Cottbus findet keine Baufirmen

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Cottbus. Die Planung steht. Das Geld ist da. Es könnte losgehen. Trotzdem rührt sich nichts – weder auf dem Oberkirchplatz noch an der Fußgängerbrücke zum Stadion. Beide Bauprojekte hat die Stadt Cottbus notgedrungen verschoben. Der Grund: Die Angebote der Baufirmen lagen entweder deutlich über der Kostenschätzung oder es bewarb sich erst gar kein Unternehmen um den Auftrag. Peggy Kompalla

Bürgermeisterin Marietta Tzschoppe (SPD) verbirgt ihren Frust gar nicht erst: "Die Angebote für die Arbeiten am Oberkirchplatz lagen mehr als 20 Prozent über der Ausschreibung." Das sei nicht hinnehmbar gewesen. Deshalb wurde das wichtige Bauprojekt mitten in der Altstadt auf Eis gelegt. "Wir schauen jetzt, an welchen Stellen wir Veränderungen vornehmen können, ohne das Bauprojekt abzuspecken." Dabei drängt die Zeit. Denn das Fördergeld gibt es nur bis Ende 2019. Dann läuft das Modellstadt-Förderprogramm aus. Marietta Tzschoppe betont: "Es geht aber nicht nur Cottbus so, dass Bauprojekte verschoben werden müssen. Viele Kommunen haben das Problem."

Das bestätigt Karl-Ludwig Böttcher. Er ist der Chef des Brandenburger Städte- und Gemeindebundes. "Im Moment stehen viele Kommunen vor dieser Herausforderung. Durch die gute Konjunktur haben sie ein paar Taler mehr in der Tasche", erklärt er. Das Geld wollen die Städte und Gemeinden ausgeben, schließlich herrsche ein "wahnsinniger Investitionsstau in der kommunalen Infrastruktur". Bundesweit belaufe der sich auf 130 Milliarden Euro. Er betont extra: "Milliarden." "Gleichzeitig sind die Kommunen verpflichtet, sparsam und wirtschaftlich zu arbeiten." Wenn die Kosten von vornherein aus dem Ruder laufen, müsse die Kommune gegensteuern.

Gegensteuern ist in dem Fall verschieben. Ob das so gut ist, wird sich zeigen. Denn Knut Deutscher fürchtet, dass sich die Lage auf dem Markt nicht entspannen wird. Dabei müsste der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer zufrieden sein, spült die gute Konjunktur den heimischen Handwerksbetrieben doch jede Menge Aufträge ins Haus. Allein das reicht nicht. Den Firmen fehlten die Mitarbeiter. "Generell hat die Baubranche bei den jungen Leuten leider nicht den besten Ruf." So seien in diesem Jahr in ganz Südbrandenburg bislang nur zwei Lehrverträge für Dachdecker unterzeichnet worden.

Zu einem echten Personalkahlschlag in den Firmen führte Deutscher zufolge aber vor vier Jahren die Einführung der Rente mit 63. "Seither sind mindestens dreimal so viele Leute in Rente gegangen, als neu angefangen haben", sagt er. Damit übersteigt die Nachfrage das Angebot. Deshalb können die Baufirmen können ihre Aufträge aussuchen. "Ein öffentlicher Auftraggeber ist komplizierter und bürokratischer als ein privater Investor", sagt der Kammer-Chef. Wenn ein bestimmtes Auftragsvolumen unterschritten werde, falle die Entscheidung im Zweifel gegen die Kommune aus. Die Reparatur an der Fußgängerbrücke ist möglicherweise solch ein Fall. Für den Auftrag gab es keine Interessenten.

Zum Thema:
91 Prozent der Südbrandenburger Betriebe des Bauhaupt- und 96 Prozent des Ausbaugewerbes schätzen ihre Geschäftslage gut und zufriedenstellend ein. Der Auftragsvorlauf im Bauhauptgewerbe stieg auf zwölf Wochen. Damit sind die Betriebe im Schnitt mehr als drei Monate ausgebucht. In vielen Bereichen müssen Auftraggeber lange Wartezeiten einkalkulieren, die Preise steigen. Beim Personal schlägt sich das nicht nieder. 19 Prozent der Baubetriebe sprachen von steigenden, 22 Prozent von sinkenden Beschäftigtenzahlen.