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Interview mit Carsten Brzeski
„Angst ist nie ein guter Ratgeber, Blauäugigkeit auch nicht“

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt ING DiBa
Carsten Brzeski, Chefvolkswirt ING DiBa FOTO: ING-DiBa Pressebild
Cottbus/Frankfurt am Main. Der Chefvolkswirt von Deutschlands größter Direktkundenbank ING-DiBa sieht keine Anzeichen für eine Finanzkrise wie 2008. Crash möglich, aber keine Krise. Anlageentscheidungen schwieriger als vor zehn, 20 Jahren. Niemand nimmt dem Sparer die Entscheidung ab. Mehr Eigenverantwortung gefragt.

Herr Brzeski, wie legt eigentlich ein gut über die Finanzmärkte informierter Chefvolkswirt sein Geld an?

Brzeski Oh, über private Sachen wollte ich nicht sprechen. Der Geheimtipp? Wenn ich den hätte, dann würden wir uns nicht mehr unterhalten. Dann würde ich nicht mehr arbeiten…

Na dann fangen wir mal mit „einfacheren Fragen an: Mit welchen Überraschungen können oder müssen Anleger in diesem Jahr an dne Finanzmärkten rechnen?

Brzeski Was der Markt 2018 wahrscheinlich bereithält, sind mehr Schwankungen. Um das zu erklären, muss man etwas mehr ausholen: Der Markt ist 2017 extrem positiv geendet. Es gab Hochstimmung und neue Rekorde. Überall. Nicht nur an den Märkten, sondern auch beim Wirtschaftswachstum in den meisten Ländern. Der Markt jubelt, und was machen dann die meisten Propheten, die Glaskugelleser?

Na?

Brzeski Sie sagen immer, so wird es weiter gehen. Und die Erwartungshaltung des Marktes ist tatsächlich extrem positiv. Es wird davon ausgegangen, dass die Zinsen weiterhin niedrig bleiben - vielleicht ein bisschen weniger niedrig als bisher - und dass das Wirtschaftswachstum auf der ganzen Welt ähnlich positiv sein wird wie 2017. Wir haben auch Unternehmen, die aufgrund der guten Wirtschaftslage noch mal ordentlich gute Gewinne buchen sollten, sodass die Börsenkurse unterstützt werden. Es spricht also etliches dafür, dass 2018 nochmal ein positives Jahr wird. Und dann ist da natürlich immer die Warnung des Chefvolkswirtes, weil dafür wird man ja auch bezahlt, man muss ab und zu mal warnen.

Wie lauter Ihre Warnung?

Brzeski Wenn alle der gleichen Meinung und überzeugt sind, dass es gut wird, dann muss man ein klein bisschen aufpassen, dass man hier nicht übertreibt oder nur noch alles durch die rosarote Brille sieht. Denn es gibt natürlich auch Risiken.

Welche zum Beispiel?

Brzeski Zum Beispiel politischen Risiken. Es gibt eine schöne Weisheit, die sagt, politische Börsen haben kurze Beine. Das heißt, dass eigentlich alles, was an politischen Ereignissen passiert, die Börsen kalt lässt. Das haben wir auch in den zurückliegenden anderthalb Jahren gesehen. Wir hatten den Brexit, wir hatten Trump, der zum US-Präsidenten gewählt worden ist. Wir hatten Wahlen in Frankreich und den Niederlanden. Wir haben den Konflikt gehabt oder noch immer zwischen Trump und Nordkorea. Da haben im Vorfeld alle Börsianer gedacht, das wird ein Chaos geben, an den Märkten. Da gab es aber überhaupt nichts. Im Gegenteil, die Märkte sind sogar weiterhin gestiegen. Das heißt, all das hat die Börsen komplett kalt gelassen.

Wieso, für den Laien sah und sieht das ganz anders aus?

Brzeski Der Markt antizipert das Geschehen häufig, das heißt er ahnt Entwicklungen voraus. Das kann man gut beobachten in den Tagen vor einem politischen Ereignis. Da werden an den Finanzmärkten alle möglichen Szenarien durchgespielt. Dann ist es häufig so, dass die Börsen stagnieren, teilweise auch verlieren. In dem Augenblick aber, in dem das politische Ereignis wirklich eintritt, passiert an den Börsen gar nichts mehr. Weil alle Börsianer vorbereitet waren. Dann ist die Frage, gelten Weisheiten wirklich für alle Zeiten. Die Antwort lautet nein.

Was heißt das für das aktuelle Geschehen?

Brzeski Das Jahr ist gestartet mit Spannungen im Iran. Die Spannungen zwischen Trump und Nordkorea sind auch noch nicht vorbei. Dann gibt es dieses neue Enthüllungsbuch und die offene Frage, kann es doch noch ein Amtsenthebungsverfahren geben in Amerika. Auch das ist möglich. Dann haben wir die Türkei. Es gibt also eine ganze Reihe von politischen Konflikten. Von daher ist es durchaus möglich, dass irgendeins von diesen Ereignissen, die Börsianer dann doch in Unruhe bringt, und dann zu einer Verkaufswelle führt. Das ist das eine Risiko.

Und das andere?

Brzeski Das ist mehr ein wirtschaftliches Risiko. Dass zum Beispiel die Inflation doch höher ist, als ich und die meisten meiner Gilde erwarten, und dadurch die Notenbanken anfangen, doch eher auf die Zinsbremse zu treten und die Leitzinsen eher anheben als das im Augenblick erwartet wird. Ich persönlich gehe davon aus, dass es einige Zinsanhebungen in Amerika geben wird noch in diesem Jahr, und dass in Europa der Leitzins unverändert bleibt. Das ist positiv für die Börsen.

Inwiefern ist das positiv, Anleger wie den klassischen Sparer ärgert das eher?

Brzeski Nehmen wir einmal an, dass in Europa die Inflation doch höher steigt, durch vielleicht steigende Ölpreise, über höhere Löhne, über ein vielleicht stärkeres Wachstum. Dann ist die Situation vorstellbar, dass die Europäische Zentralbank EZB doch anfängt, eher als erwartet den Leitzins zu erhöhen.

Was passiert dann?

Brzeski In der Vergangenheit, bei den letzten Abschwüngen oder Verlustzeiten von Börsen, haben wir gesehen, der Auslöser waren immer die Zentralbanken, die zu stark auf die geldpolitische Bremse getreten sind, zu viele Zinserhöhungen in einer zu kurzen Zeit durchgeführt haben und damit die Wirtschaft abgewürgt haben, was dann zu einer Verkaufswelle an den Börsen geführt hat. Das ist ein Risiko, was man für 2018 nicht komplett ausklammern sollte.

Heißt das, Warnungen, dass die nächste Finanzkrise droht, sind durchaus berechtigt?

Brzeski Persönlich gehe ich nicht davon aus, dass das dieses Jahr passieren wird. Wenn ich aber an Risiken denke, also daran, was doch passieren könnte, dann kann ich es nicht ausschließen. Dann sind es genau diese politischen Risiken. Dann sind es die Notenbanken, die doch etwas anderes machen, als man denkt. Das könnten Auslöser sein für eine Korrektur an den Märkten, nicht aber für eine richtige Finanzkrise, so wie wir sie 2008 erlebt haben. Ich denke, es spricht einiges dagegen, dass sich das wiederholt.

Was macht Sie so sicher?

Brzeski Weil die Politik, die Notenbanken, die Finanzmarktaufsicht doch etwas gelernt haben aus den Fehlern von 2007/08. Die Banken sind deutlicher stabiler, sie haben mehr Eigenkapital. Der Finanzsektor allgemein ist stabiler geworden. Man hat einige Instrumente mehr aufgebaut in Europa, sodass man einzelne Länder viel besser auffangen kann, sollten sie Probleme bekommen. Es gibt Rettungsschirme, die man 2007/2008 nicht hatte. Dadurch ist auch der Angstfaktor bei den Börsianern ein anderer, die Nerven liegen nicht mehr so blank. Und dann ist die Frage, was ist eine Finanzkrise, wie definiere ich das.

Wie denn?

Brzeski Finanzkrise heißt, dass es massiv zu Kurskorrekturen kommt, dass Banken umfallen, dass Unternehmen umfallen, dass Haushalte oder Privatleute in Finanzierungsprobleme kommen, weil sie, so wie das damals in den USA war, ihre Immobilie verkaufen müssen. Eine Krise solchen Ausmaßes ist im Augenblick eigentlich nicht vorstellbar.

Heißt das, Fondssparer und Aktienanleger können ruhig schlafen oder sollten sie lieber auf alles vorbereitet sein und in Hab-Acht-Stellung bleiben?

Brzeski Angst ist nie ein guter Ratgeber. Blauäugigkeit aber auch nicht. Die Situation jetzt im Augenblick ist eine, in der es fast gar keinen Zins gibt auf das Sparkonto. Das heißt, wenn ich etwas zur Seite legen kann und sparen möchte, dann sind Wertpapiere eine Alternative. Ich muss aber immer dabei wissen, alles, was ich mit Wertpapieren kaufe, ist mit Risiko verbunden. Eine Welt, in der Aktienkurs nur steigen, gibt es nicht. Von daher sollte man seine Investition, seine Geldanlage allgemein, immer im Blick behalten und schauen, was damit passiert. Das muss nicht stündlich oder täglich sein. Jeder muss sich annähernd bewusst sein, das ist seine Anlage, sein Geld. Er muss sich mehr damit auseinandersetzen, als vielleicht vor zehn oder 20 Jahren gedacht und getan. Das Gleiche gilt für Sparkonten. Als Normalsparer kann ich mich nicht darauf verlassen, dass irgendjemand anderes für mich eine Entscheidung trifft.

Mit Carsten Brzeski
sprach Beate Möschl