Von René Wappler

Zwei Gewindestifte schrauben sich in seine Hand. Jens Brand hat sich bei der Arbeit verletzt. Er läuft über sein Firmengelände, die Stufen des Felsens hinauf, wo er das Industriegebiet am Stadtring überblicken kann. Eine Metallklammer samt der Gewindestifte hält den Finger zusammen, der bis auf den Knochen frei lag. Fast hätte Jens Brand nicht mehr weiter arbeiten können, am Kletterkamel, an der Felsenhöhle, am Parcours mit den wackligen Brettern und Steinen.

Aber das, sagt er, gehöre zum Risiko eines Unternehmers. Mehr als der Unfall scheinen ihn bürokratische Hürden zu ärgern. Ein Handwerker brauche inzwischen die Hälfte seiner Zeit, um da durchzusteigen, von finanziellen Aspekten bis zur Datenschutzgrundverordnung. „Es ist der Wahnsinn, was alles dokumentiert werden muss“, stellt Jens Brand fest. Sonst sprüht er vor Euphorie. Als Bergsteiger und Langstreckenläufer wisse er schließlich, dass eine gewisse Leidensfähigkeit wichtig fürs Leben sei. Doch in diesen Momenten teilt er seinen Missmut mit anderen Unternehmern, die über einen Wust an Bürokratie und weitere Hindernisse klagen.

Dabei weist die Stadt Cottbus schon jetzt den niedrigsten Anteil an Selbstständigen in der brandenburgischen Lausitz aus. Das geht aus dem Bericht zur Wirtschaftslage hervor, den die Landesregierung im Dezember in Potsdam vorstellte. Ihre Rechnung lautet so: Aus dem Verhältnis von Arbeitnehmern zu Erwerbstätigen lässt sich der Anteil selbstständiger Unternehmer ableiten. Den niedrigsten Anteil von Arbeitnehmern registriert die Statistik demnach im Elbe-Elster-Kreis, wo er im Jahr 2016 bei 87 Prozent lag. Cottbus weist hingegen mit 91 Prozent einen besonders starken Anteil von Arbeitnehmern aus. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass es in der Stadt umso weniger Selbstständige gibt.

In Döbbrick betreibt Peter Müller eine Firma für Heizungs- und Sanitärtechnik. Er wundert sich nicht über den relativ niedrigen Anteil selbstständiger Unternehmer. „Beiden niedrigen Stundensätzen der Handwerksbetriebe und dem recht hohen Verdienst der Beschäftigten in der Braunkohle wird kaum noch jemand ein eigenes Unternehmen gründen.“ Wie der Felsenbauer Jens Brand beklagt er die überbordende Bürokratie, die für ihn zu 60-Stunden-Wochen führe. „Und dann erleben wir auch noch Kunden, die nicht zahlen und uns frech entgegnen: Klagen Sie doch.“

Einmal hat Peter Müller an der Cottbuser Handwerkermesse teilgenommen. Das sieht er heute als Fehler. „Da lassen sich die Leute von uns beraten, und am Ende gucken sie sich woanders um.“ Ohnehin staune er angesichts überzogener Vorstellungen vieler Kunden. „Sie wollen alles sofort, Hightech, mit dem Smartphone verknüpft, und wenn sie den Preis hören, fallen sie um.“ Diese Mentalität stamme noch aus DDR-Zeiten: Damals sei überall geschachert und gehandelt worden, aber das Verhältnis zwischen Kosten und Qualität habe kaum eine Rolle gespielt.

Als Referentin für den Bereich der Fachkräfte arbeitet Jana Frost bei der Industrie- und Handelskammer in Cottbus. Sie sieht weitere Gründe für den vergleichsweise niedrigen Anteil selbstständiger Unternehmer in der Stadt. „Der Arbeitsmarkt in Cottbus ist durch große Verwaltungsbehörden und öffentliche Träger geprägt“, erläutert sie. Als Beispiele nennt sie die Knappschaft, das Carl-Thiem-Klinikum und die Brandenburgische Technische Universität. Außerdem führt Jana Frost ins Feld, dass kleine Betriebe oft aus Altersgründen schließen.

Denn nur bis zu 40 Prozent der Handwerksbetriebe im Süden Brandenburgs können einen potenziellen Nachfolger vorweisen. Das teilt die Landesregierung auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Frank Bommert mit. Hinzu kommt, dass junge Leute wenig Interesse am Gründen einer eigenen Firma zeigen. So berichtete der SPD-Landtagsabgeordnete Helmut Barthel im März 2017 von seinem Besuch in einem Gymnasium. Dort habe ihn der Politikkurs „ein wenig schockiert und in die Realität zurückgeholt“. Kein Schüler dieses Kurses sehe in der Selbstständigkeit eine reale Alternative zur abhängigen Beschäftigung.

Den Cottbuser Unternehmer Jens Brand überrascht das kaum. Vielen jungen Menschen fehle es an psychischer Widerstandskraft, an Resilienz, wie der Begriff in der Fachwelt heißt. „Es gibt heute zwei Tendenzen“, sagt Jens Brand. „Das Überbehüten und das Verwahrlosen, auch im seelischen Sinn.“ Das Bildungssystem gebe nicht die richtigen Antworten. „Kinder brauchen Freiräume und die Chance des Scheiterns“, erklärt der Unternehmer. „Denn das hilft ihnen weiter.“