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| 18:15 Uhr

Nachts unterwegs
„Wir wollen doch alle nur sicher nach Hause“

Oft nachts unterwegs, wenn andere feiern: Viola Rittig-Resag bei der Arbeit in der Cottbuser Innenstadt.
Oft nachts unterwegs, wenn andere feiern: Viola Rittig-Resag bei der Arbeit in der Cottbuser Innenstadt. FOTO: Jenny Theiler / LR
Cottbus. Taxifahrer sind männlich, gescheiterte Akademiker und müssen sich nicht an Verkehrsregeln halten. Was ist dran an den Klischees rund um das Gewerbe mit den vier leuchtenden Buchstaben? Die RUNDSCHAU hat Taxiunternehmerin Viola Rittig-Resag an einem Cottbuser Party-Wochenende begleitet und spannende Einblicke in eine unterschätzte Berufsgruppe erhalten. Von Jenny Theiler

Samstag, 23.02 Uhr auf dem Altmarkt. Die Cottbuser Nachtschwärmer sind erwacht und laufen so langsam zur Höchstform auf – es ist wieder mal eine „Altstadt-Nacht“. Das regelmäßige Kneipen-Event treibt Cottbuser verschiedenen Alters durch die Straßen der Lausitzmetropole – so auch Viola Rittig-Resag. Von der Musik und dem ausgelassenen Partyfeeling wird sie in ihrem VW-Passat allerdings nicht allzu viel mitbekommen, denn die 61-Jährige fährt Taxi.

„Nachts sind die Leute meistens entspannter“

Die Unternehmerin ist es gewohnt zu arbeiten, während andere feiern. „Ich finde es immer interessant zu sehen, was an solchen Abenden in der Stadt so los ist“, erzählt Viola Rittig-Resag. „Außerdem sind die Leute nachts meistens entspannter als tagsüber“, weiß die Taxifahrerin. Die Cottbuserin fährt seit 2011 Taxi und hat sich der Cottbuser Taxigenossenschaft angeschlossen. Seit drei Jahren ist sie als selbstständige Unternehmerin tätig und hat vor allem am Wochenende gut zu tun. Es dauert nicht lange, bis per Funk der nächste Auftrag rein kommt. 23.06 Uhr geht es zum Busbahnhof. Ein Reisebus ist soeben eingetroffen.

Man schnappt sich nicht die Fahrgäste weg

In der Marienstraße stehen sieben weitere Taxen, die auf Fahrgäste warten. „Das Stehen ist immer belastend“, gibt Viola Rittig-Resag zu. „Es gibt Tage da steht man stundenlang, weil einfach nichts los ist“, so die Taxifahrerin. Dennoch gäbe es in solchen Situationen einen unausgesprochenen Kodex unter Taxifahrern – man schnappt sich nicht gegenseitig die Fahrgäste weg. Auch dann nicht, wenn ein anderer Kollege, der nicht gerufen wurde, zufällig eher da ist. Das wissen auch die Kollegen in Cottbus, denn an einem der Bussteige wartet bereits das Ehepaar Nitschke auf Viola Rittig-Resag. Die Cottbuser kommen gerade aus dem Korsika-Urlaub, sind erschöpft von der langen Busreise und möchten nur noch nach Hause. Die Fahrt geht in Richtung Flugplatz.

Viele Straßen führen zum Ziel und viele Wege führen in den Beruf des Taxifahrers. So war es auch bei Viola Rittig-Resag. „Früher hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich eines Tages mal nachts Taxi fahren werde“, gibt sie schmunzelnd zu. Die gelernte Wirtschaftskauffrau, wollte eigentlich Tänzerin werden und wurde auch an der Fachhochschule für Tanz in Leipzig aufgenommen, allerdings kann sie die Ausbildung aus anatomischen Gründen nicht beenden. Sie beginnt eine kaufmännische Ausbildung im OAZ-Maschinenbauhandel und wollte ein Studium aufnehmen. Da schon das erste Kind unterwegs war, kam nur ein Fernstudium in Frage, was sie neben dem Beruf erfolgreich an der Fachschule für Ökonomie absolvierte. Die Diplom-Betriebswirtin erhält ab 1985 eine leitende Tätigkeiten im Maschinenbauhandel in der Berliner Straße. Dieser wird, wie viele andere Betriebe nach der Wende, abgewickelt. 1995 ist die damals 39-Jährige zum ersten Mal arbeitslos. Um der Arbeitslosigkeit möglichst schnell zu entkommen, lässt sie sich als Quereinsteigerin zur Immobilienmaklerin ausbilden. 1996 wird sie schwanger. „Danach habe ich halbtags im Malerbetrieb meines damaligen Ehemannes gearbeitet“, erklärt sie. 2007 nimmt sie zusätzlich eine Stelle in einem Callcenter an. Wenngleich Viola Rittig-Resag gern dort arbeitet, wird der Job für die dreifache Mutter irgendwann zur Zerreißprobe. Durch Insolvenzverfahren des Unternehmens, kommen immer wieder neue Verträge zustande und somit auch immer neue Befristungen. „Ich wusste nie, ob ich nach Ablauf der Befristung endlich übernommen werde, oder nicht“, erinnert sie sich. Um sich nebenbei noch etwas dazu zu verdienen, beginnt die Cottbuserin Taxi zu fahren – zunächst nur am Wochenende.

Schuld war eine Zeitungsanzeige

„Wie ich zum Taxi kam weiß ich gar nicht mehr so genau. Ich hatte wahrscheinlich auf eine Zeitungsannonce reagiert“, glaubt Viola Rittig-Resag sich zu erinnern. Als Pauschal-Taxifahrerin beginnt sie ihre Karriere und macht 2011 den Personenbeförderungsschein. Durch die seltenen Fahrten kann die frischgebackene Taxifahrerin aber keinen Kundenstamm aufbauen. Zudem häufen sich im Jahr 2013 die Probleme „In diesem Jahr wurde ich geschieden und konnte teilweise auch nicht mehr meine Miete bezahlen“, erinnert sich die Taxifahrerin. Hartz Vier und Existenzängste sind die Folge und spornen Viola Rittig-Resag an weiter Taxi zu fahren. Den Unternehmerschein macht sie im Jahr 2015.

Viola Rittig-Resag ist Unternehmerin und Fahrerin in einer Person. Sie gehört zu einer handvoll weiblichen Taxifahrern, die auch Nachtfahrten in Cottbus anbieten. Ein mulmiges Gefühl hat die Unternehmerin bei Nachtfahrten eigentlich nicht. „Ich bin mehr gefährdet, wenn ich nachts zu Fuß unterwegs bin, als wenn ich Taxi fahre“, erklärt sie. Zwar gäbe es hin und wieder auch mal unangenehme Situationen mit Fahrgästen, aber davor seien auch die männlichen Kollegen nicht gefeit. „In solchen Situationen ist es wichtig ruhig zu bleiben und sich nicht provozieren zu lassen. Das ist in jedem anderen Bereich auch so“, erklärt die erfahrene Unternehmerin. Im Notfall könne man sich auf die Unterstützung der Zentrale oder von Kollegen verlassen, die kurzfristig hinterher geschickt werden, um nach dem Rechten zu sehen.

Mindestfahrstrecken gibt es nicht

Vor allem bei betrunkenen Jugendlichen sei besonders viel Feingefühl gefragt. Gegen 23.45 Uhr fragt eine Stimme aus dem Taxifunk: „Ist jemand in der Nähe der Straße der Jugend?“ „Ja, 69. Nehme an“, meldet sich Viola Rittig-Resag. Vier Jugendliche lassen die Taxifahrerin zwölf Minuten lang warten und wollen anschließend zum circa 300 Meter entfernten Brandenburger Platz gefahren werden. Dass die vier Partylöwen ihr Ziel zu Fuß wahrscheinlich schneller erreicht hätten ist irrelevant. „Das Personenbeförderungsgesetz legt keinen Mindestentfernung für Taxifahrten fest“, erklärt die Unternehmerin. Ein Taxifahrer darf die Fahrt nicht verweigern - außer in potenziellen Gefahrensituationen. Kurz nach Mitternacht erlebt Viola Rittig-Resag eine ähnliche Situation in Sandow. Eine Dame möchte von der Curt-Möbius-Straße zur Hans-Beimler-Straße gebracht werden. „Ich weiß, das ist nicht so weit, aber ich habe Angst im Dunkeln nach Hause zu laufen“, erklärt die ältere Dame. Die Taxifahrerin zeigt sich verständnisvoll: „Nicht so schlimm, das ist ihr gutes Recht.“

Rasen gibt’s auch nicht bei Aufpreis

Über die Rechte und Pflichten im Taxigewerbe sind sich nur wenige Fahrgäste im Klaren. So darf der Fahrgast bei der Zentrale nicht nur das Geschlecht seines Fahrers wählen, sondern auch das Fahrzeug selbst. „Es gibt wirklich Fahrgäste, die besiepielsweise auf ein Mercedes-Taxi bestehen“, sagt Viola Rittig-Resag. Auch innerhalb einer Warteschlange von Taxen ist der Fahrgast nicht verpflichtet in das vorderste Taxi einzusteigen. Wenn ein Taxi einen Auftrag angenommen hat und vergisst die Leuchtschrift auf dem Dach auszuschalten, kann es von potenziellen Fahrgästen abgewunken werden, da diese das Taxi für frei halten. Dass Taxis gegen Aufpreis schneller fahren dürfen, stimmt allerdings nicht. „Für uns gelten die selben Verkehrsregeln, wie für jeden anderen auch. Dafür haben die meisten Fahrgäste auch Verständnis“, erklärt Viola Rittig-Resag.

So langsam häufen sich die Aufträge. Gegen ein Uhr nachts sind in einigen Kneipen die Konzerte bereits beendet. Viele möchten nach Hause und suchen nach einem freien Taxi. So auch zwei BTU-Studentinnen. „Eigentlich fahren wir sonst immer mit Bus oder Straßenbahn, aber heute sind bestimmt ein paar mehr Verrückte unterwegs als sonst, da kann man sich auch mal ein Taxi gönnen“, erklärt Maja Braumann. Die 23-Jährige ist mit einer Freundin unterwegs. Nach einem weiblichen Fahrer suchen die Studentinnen nicht explizit. „Solange wir nicht durch die Dunkelheit irren müssen, ist es uns egal, wer am Steuer sitzt. Denn eigentlich wollen wir doch alle nur sicher nach Hause.“ Das möchte auch Familie Böhm aus Haasow. Frank Böhm ist selbst ehemaliger Taxifahrer und betrachtet das Gewerbe nicht als Männerdomäne. „Prinzipiell sollte eine Frau auch den gleichen Job machen dürfen wie ein Mann“, meint der DRK-Flüchtlingshelfer. Ob sich eine Fahrerin auch für Nachtfahrten entscheidet, müsse allerdings Jede selbst entscheiden.