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Wir sind immer nur Menschen

"Wir sollen Menschen und nicht Gott sein." (Martin Luther) Die Reformation im 16. Jahrhundert – ausgehend von Wittenberg im Kurfürstentum Sachsen – hat das Gesicht unserer Welt nachhaltig verändert.

In diesem Jahr gedenken die evangelischen Kirchen weltweit an den eher unscheinbaren Beginn des Ereignisses: den Thesenanschlag zur damals brisanten theologischen Frage um den Ablasshandel am 31. Oktober 1517. Mit der Wiederentdeckung, dass der Gott der Bibel ein gnädiger Gott ist, der Menschen barmherzig begegnet, verändert die Reformation das Gesicht Europas und der Welt.

Viele Bürger unseres Landes fragen dennoch irritiert:

Was soll das alles?

Dieses bedeutsame Ereignis unserer europäischen Geschichte ist uns in unserem eigenen Land längst nicht so viel Aufmerksamkeit wert, wie bei Menschen im Ausland. Das ist doch alles 500 Jahre her. Was hat das mit unserer komplizierten Weltlage und unserer Existenz tatsächlich noch zu tun?

In der Tat muss man Brücken bauen, weil viele Dinge unseres Lebens heute sich nicht so selbstverständlich als Ergebnisse der Reformation begreifen. Doch den Ergebnissen der Reformation in Deutschland verdanken wir unsere einheitliche deutsche Sprache, die großartige Kirchenmusik eines Paul Gerhardt und Johann Crüger, eines Johann Sebastian Bach oder eines Felix Mendelssohn-Bartholdy, den Ansatz zur Gleichheit aller Menschen vor Gott bis hin zur sozialen Frage, die mit der Ordnung des Gemeinen Kastens eine erste Sozialkasse bildete für arme Menschen.

"Wir sollen Menschen und nicht Gott sein." Mit diesem Satz provoziert Luther eine Klarstellung mit politischer Bedeutung. Wir sind immer nur Menschen. Niemand hat gottgleiche Qualitäten. Dieser Satz ist nüchtern und bodenständig. Er öffnet den Weg zu einer Menschlichkeit im Miteinander. Er entzaubert jede Selbstvergötterung. Letztlich ist dieser Satz gnädig. Er überfordert nicht.

Gnade als Botschaft in gnadenloser Zeit, versucht einem Thema der Reformation eine Öffentlichkeit zu geben, das der Bundespräsident in seiner Rede zur Eröffnung des Reformationsjubiläums so benannt hat: "Gnade: damals ein zentrales - heute vielleicht ein fremdes Wort. Und dabei, so scheint es mir, hätten wir gerade heute nichts so nötig wie Gnade. Gnade zuerst mit uns selbst, damit wir nicht vor immer neuer Selbsterfindung und Selbstoptimierung schließlich in verzweifelter Erschöpfung landen. Gnade auch mit unseren Mitmenschen, die eben fehlbare und unvollkommene Wesen sind wie wir selber und von denen wir doch häufig Perfektion und reibungsloses Funktionieren erwarten."

Deshalb: "Wir sollen Menschen und nicht Gott sein."

*Rektor des

Naemi-Wilke-Stiftes Guben,

Selbständige Evangelisch-

Lutherische Kirche

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