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| 06:19 Uhr

Gesellschaft
„Wir sind für die Opfer da“

Lothar Pohle ist Außenstellenleiter Spree-Neiße des Weißen Rings und stellvertretender Landesvorsitzender in Brandenburg.
Lothar Pohle ist Außenstellenleiter Spree-Neiße des Weißen Rings und stellvertretender Landesvorsitzender in Brandenburg. FOTO: RenÈ Wappler
Cottbus. Der Verband Brandenburg des Weißen Rings besteht in diesem Jahr ein Vierteljahrhundert. Deutschlandweit sind 3000 ehrenamtliche Helfer aktiv. Von Hannelore Grogorick

Straftäter lässt sich der Staat etwas kosten. In der JVA Cottbus-Dissenchen gibt es laut Internet „Besondere Hilfs- und Behandlungsmaßnahmen“ wie ein deliktunspezifisches Rehabilitationsprogramm, „Anti-Gewalt-Training Magdeburg“, „Allgemeine Informationsveranstaltung zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchungen (MPU)“ und tiefenpsychologisch orientierte Einzelpsychotherapie.

Das ist zweifellos wichtig und richtig. Aber was tut der Staat für die Opfer von Straftaten?

Diese Frage braucht sich Lothar Pohle nicht zu stellen, denn er kennt sich auf beiden Gebieten bestens aus, hat er doch 40 Jahre lang als Polizist gearbeitet. So weiß er, dass der Staat für Opfer kein spezielles Hilfsprogramm vorlegen kann. Op­fer werden sich größtenteils selbst überlassen und sind lediglich Zeu­gen im Strafverfahren. Reale kosten­freie Hilfe dagegen erhalten sie vom Weißen Ring.

Als vor mehr als 25 Jahren die Außenstelle Cottbus/Spree-Neiße aus der Taufe gehoben wurde, war Lo thar Pohle dabei. Und jetzt, mit 66 Lebensjahren, denkt er noch lange nicht daran, dort aufzuhören. „Die Opfer haben oft doch nur uns“, sagt er. Und auch: „Es ist einfach ein un­beschreiblich gutes Gefühl, wenn Menschen in scheinbar ausweglo­ser Situation durch uns wieder Licht am Horizont sehen können. Man fühlt sich auch als Rentner noch ge­braucht. Und es ist eine gute Sache“, fügt er hinzu.

In Deutschland gibt es den Wei­ßen Ring schon mehr als 40  Jahre. Er war 1976 von Eduard Zimmer­mann, dem Moderator der Fern­sehsendung „Aktenzeichen xy . . . ungelöst“, ge­gründet worden. Als kurz nach der Wende Klaus Zacharias aus den al­ten Bundesländern in Cottbus Kripo-Chef geworden war, regte er an, hier eine Außenstelle des Weißen Rings zu gründen.

Die Cottbuser Staatsanwältin Martina Eberhart und der Krimina­list Lothar Pohle gehörten im Jahr 1992 zu den Gründungsmitgliedern. Beide sind heute noch dabei und bilden mit weiteren vier Mitarbei­tern die Außenstelle Spree-Neiße.

Heute ist der Weiße Ring als deutschlandweites Netz von mehr als 3000 ehrenamtlichen Opfer­helferinnen und Opferhelfem in 420 Außenstellen aufgebaut. Diese sind auch für Politik, Justiz, Verwal­tung, Wissenschaft und Medien in allen Fragen der Opferhilfe und des Opferschutzes sachkundiger und anerkannter Ansprechpartner, wie der Flyer des Vereins betont.

Allein die Außenstelle Spree-Nei­ße hat pro Jahr 30 bis 50 Fälle zu be­arbeiten. „Das sind zu wenig“, weiß Pohle aus seiner Polizeiarbeit. „Es gibt doch viel mehr Opfer. Und wir könnten viel mehr Betroffenen hel­fen. Doch viele kommen nicht aus Scham. Andere denken, sie müs­sen bei uns vielleicht unangenehme Fragen beantworten oder Erklärun­gen abgeben. Andere kommen viel zu spät, denn wenn eine Gerichts­verhandlung vorbei ist, können wir schwerlich noch eingreifen.“

Dabei legen die Mitarbeiter sehr großen Wert auf Vertraulichkeit. „Wir stellen keine Fragen, wir hö­ren aber sehr gut zu und helfen auf verschiedenen Gebieten.“

Die Unterstützung ist dabei viel­fältig, umfasst seelischen Beistand wie auch materielle Hilfe. „Wir fun­gieren auch als Lotsen, organisie­ren anderweitig Unterstützung“, sagt Pohle. „Wir sozial Tätigen ken­nen uns doch alle untereinander.“ Für finanzielle Gaben an die Opfer gibt es nicht etwa öffentliche Töp­fe. Der Weiße Ring ist mit knapp 50 000 Mitgliedern Deutschlands größte Hilfsorganisation für Op­fer von Kriminalität und finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen, Spen­den, Nachlässen sowie Geldbußen, die von Gerichten und Staatsanwäl­ten verhängt werden.

Der Verein Spree-Neiße hat im Jahr 2016 etwa 50 Opferfälle bear­beitet und dabei rund 17 000 Euro an die Opfer weitergegeben. Im vorigen Jahr waren es 40 Fälle und 10 000 Euro. Das Geld fließt bei­spielsweise für Rechtsberatungen, für Soforthilfe zur Überbrückung tatbedingter Notlagen und auch in ein Erholungsprogramm für Opfer und ihre Angehörigen.

So bekam eine Frau, die mit ih­ren zwei Kindern vor ihrem gewalt­tätigen Ehemann in ein Frauenhaus geflüchtet war, vom Weißen Ring ein Überbrückungsgeld, sodass sie et­was zum Leben hatte und sich neu organisieren konnte.

Als ein 87-jähriger Mann in seiner eigenen Wohnung niedergeschlagen und beraubt worden war, kümmer­te sich der Verein, regelte, dass die Hausratsversicherung den materi­ellen Schaden abdeckte. „Aber die Angst blieb“, sagt Pohle und bedau­ert wieder einmal sehr, dass Brandenburg als einziges Bundesland nur eine einzige Trauma-Ambu­lanz (für die Stadt Potsdam) besitzt.

Dabei ist eine psychologische Auf­arbeitung des Erlebten für die Op­fer oftmals sehr nötig. Doch zum einen gibt es kaum kurzfristig Ter­mine, zum anderen haben nur ei­nige der Psychotherapeuten eine Ausbildung für die Traumabewälti­gung. Offenbar ordnet manch ein Betroffener sein Leiden auch gar nicht der erlittenen Pein während der Straftat zu.

Von den verschie­densten Auffassungen der Thera­peuten ist Pohle eine besonders im Gedächtnis geblieben: In den ers­ten sechs Wochen nach dem trau­matischen Ereignis wehrt sich der Körper, erst dann zeigt es sich, ob das Opfer daran krankt. Zwei Drit­tel der Betroffenen seien in der Lage, sich selbst zu heilen, wenn das Um­feld stimmt.

Wenn das Opfer aber das Er­eignis nicht verarbeiten kann, viel­leicht in Depressionen fällt, dann sei eine fachärztliche Behandlung von­nöten. „In Spree-Neiße aber gibt es dafür so gut wie keine Möglichkeit“, sagt Pohle. So halte der Weiße Ring für Opfer von Straftaten auch Bera­tungschecks für eine traumatologische Behandlung bei einem nicht niedergelassenen Arzt vor.