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| 01:38 Uhr

Wir müssen den Servicegedanken ausprägen

Heidrun Grünewald, Geschäftsführerin des Carl-Thiem-Klinikums.
Heidrun Grünewald, Geschäftsführerin des Carl-Thiem-Klinikums. FOTO: Michael Helbig
Die RUNDSCHAU hat im vergangenen halben Jahr Mitarbeiter aus den verschiedensten Bereichen des Carl-Thiem-Klinikums vorgestellt. Zum Abschluss dieser Serie blickt Geschäftsführerin Heidrun Grünewald auf ein schwieriges, aber wirtschaftlich erfolgreiches Jahr zurück. Sie spricht über die Umstrukturierung der Pflege, den neuen Ärzte-Tarif, den umfangreichen Umbau und auch über die negative Stimmung, die aus dem Haus nach außen dringt. Michael Helbig


Anfang des Jahres haben Sie ein schwieriges Jahr angekündigt. War es das„
Es war schwierig. Das wesentlichste dabei war die Pflegeumstrukturierung. Die bisher 52 Stationen mit jeweils eigener Leitung werden zu größeren Einheiten zusammengeführt. Aber es war ein erfolgreiches Jahr. Obwohl wir etwa 400 stationäre Patienten weniger behandeln werden als im Jahr zuvor. Nichtsdestotrotz werden wir dieses Jahr mit einem positiven Jahresergebnis abschließen.

Honoriert das der Gesellschafter“
Ja, ich denke, der Gesellschafter hat sich eindeutig zum Klinikum bekannt. Ein Verkauf in dieser Wahlperiode wurde ausgeschlossen. Wir denken darüber nach, städtische Aufgaben zu übernehmen, die in unser Portfolio reinpassen, zum Beispiel die Frühförderung.

Generell ausschließen kann man einen Verkauf aber nicht.
So ist es. Deshalb begrüße ich den Zusammenschluss der Betriebsräte, die sagen, verscherbelt nicht euer Tafelsilber. Aber die Entscheidung trifft der Gesellschafter.

Das Haus schreibt schwarze Zahlen. Manche Ihrer Mitarbeiter denken, dass die Stadt darauf zugreift.
Das geht gar nicht. Die Gemeinnützigkeit schließt aus, dass Gewinne zweckentfremdet werden. Dann würden wir den Charakter der Gemeinnützigkeit, also der Steuerbefreiung, verlieren. Das Geld muss im Klinikum für die Unternehmenszwecke verwandt werden. So haben wir mit 3,5 Millionen Euro aus eigener Kraft die Frauenklinik umgebaut.
Was wir der Stadt bei allen Investitionen abnehmen, ist die Trägerbeteiligung. Der Eigentümer müsste immer einen Eigenanteil an den Investitionen leisten. Unsere Überschüsse dienen im Wesentlichen dazu, diese Eigenbeteiligung zu finanzieren. Das sind immerhin Millionenbeträge, die sonst im städtischen Haushalt eingestellt werden müssten.

Aus dem Kernbereich - also der Pflege und Ärzteschaft - dringt zurzeit viel Unmut nach draußen. Motto: schwarze Zahlen zu Lasten des Personals.
Zunächst einmal: Wir haben nie zu Gunsten eines Eigentümers gespart. Wir haben steigende Energiekosten wie jedermann in diesem Land. Wir haben steigende Sachkosten. Man denke allein an die Mehrwertsteuererhöhung. Und jeder Arzt hat bei uns mehr Geld verdient als zuvor durch den Abschluss des neuen Tarifvertrages. Es werden Sequenzen in Umlauf gebracht, die so nicht richtig sind.

Es wird erzählt, dass Oberärzte nicht mehr als Leiter bezahlt werden.
Das ist überhaupt nicht der Fall. Es ist kein Oberarzt, der eine Funktion inne hat und dafür bezahlt wurde, in eine andere Funktion versetzt worden. Es gibt ein so genanntes Oberarzt-Problem, und zwar sieht der neue Tarifvertrag für eine bestimmte Gruppe von Oberärzten eine weitere Gehaltssteigerung vor. Es gibt bei uns Kliniken mit elf Oberärzten - das liegt über dem Durchschnitt. Das hängt damit zusammen, dass früher erfahrene Fachärzte Oberärzte wurden. Da stand aber keine Funktion dahinter, es war nur ein Titel, und sie verdienten dadurch auch nicht mehr Geld. Nach dem neuen Tarif kriegt aber nur der, der tatsächlich vom Arbeitgeber ein separates Aufgabengebiet selbstständig übertragen bekommt, eine extra Vergütung. Diese selbstständige Übertragung gibt es bei uns. Diese Oberarzt-Bezahlung ist im Übrigen kein CTK-Problem, sonders ein deutschland weites. Wir haben versucht, das zu lösen, indem wir Oberärzten prozentuale Anpassungen anbieten.

Das nützt offensichtlich nichts. Immer wieder ist von hoher Fluktuation zu hören, auch langjährige Ärzte verlassen das CTK.
Jeder weiß, dass man mit mir sprechen kann. Ich weiß nicht, warum mir das persönlich angelastet wird. Aber wenn von 312 Ärzten jetzt vier oder fünf planmäßig in die Niederlassung gehen, dann weiß ich nicht, warum immer erzählt wird, dass viele Ärzte gehen. Ein Oberarzt der Urologie wird ab März eine große Praxis übernehmen. Eine Rheumatologin wird ihr Spezialgebiet in einer Niederlassung betreiben. Ein junger Internist übernimmt eine große Hausarztpraxis. Ein HNO-Arzt übernimmt eine große Praxis. Auf der einen Seite wird geklagt, dass es keine Nachfolger in den Praxen gibt, aber wo sollen diese Ärzte ausgebildet werden, wenn nicht hier„ Solche Abgänge hat es im Übrigen zu jeder Zeit gegeben. Als es Anfang der 90er-Jahre den Niederlassungsstopp gab, war der Aderlass viel größer. Es gibt im Übrigen a uch den umgekehrten Fall: Ein Chefarzt, der zum Sommer in seine bayrische Heimat gegangen war, ist zurückgekommen und hat zum 1. Dezember seine Klinik mit erweitertem Spektrum übernommen.

Aber insgesamt geht doch Fachwissen dem Klinikum verloren“
Es wächst ja neues Know-how nach. Schlimm ist es natürlich, wenn jemand sich ein Spezialgebiet angeeignet und es an junge Leute nicht weiter gegeben hat. So etwas soll vorgekommen sein. Da obliegt es nicht mir, sondern den Chefärzten, dafür Sorge zu tragen, dass dieses Wissen an junge Leute weitergegeben wird. Die Weiterbildungsmöglichkeiten hier in dem Haus sind exzellent. Das ist nicht überall so und auch nicht bei jedem Krankenhaus-Träger.

Schwestern klagen seit der Umstrukturierung des Pflegebereiches über zu viel Arbeit.
Es ist so, dass die stationären Patientenzahlen ja gesunken sind. Wir haben zum Beispiel im Jahr 2005 viel mehr Patienten behandelt als zur Zeit. Hier spielt auch eine gefühlte Belastung eine Rolle. Natürlich ist sie hoch. Was alle Mitarbeiter in diesen Bereichen neu lernen müssen, dass sie sich auf ihre Kernkompetenzen zurückziehen. Also, dass eine examinierte Schwester auch wirklich die Tätigkeit einer examinierten Schwester ausübt und die Servicekräfte die Hilfstätigkeiten, wie zwischendurch Akten durch das Haus zu tragen oder die Betten zu reinigen. Das ist eine Veränderung des Arbeitsablaufes und der Arbeitsorganisation. Das erzeugt das Gefühl der Belastung. Was wir insgesamt im Klinikum lernen müssen, positive Dinge nach außen zu tragen und Probleme im Haus und mit den Verantwortlichen zu lösen und den Servicegedanken für den Patienten auszuprägen. Der Patient will von den internen Problemen nichts wissen. Die Probleme wirken im Moment nach draußen. Das ist schade. Denn alle können auf ihre Klinik und ihre Arbeit stolz sein. Im Übrigen haben sich diese Umwälzungsprozesse in anderen Kliniken schon vor Jahren vollzogen. Wir holen nur nach.

Umbau-Projekte waren durch die Insolvenz des Hauptauftragnehmers in Verzug geraten.
Wir nähern uns jetzt aber wieder dem Bauzeitenplan. Wir gehen davon aus, dass wir Ende nächsten Jahres die nächsten OP-Säle, die Intermedicar-Abteilung und den Hubschrauberlandeplatz in Betrieb nehmen können. Ich verhandele zurzeit mit dem Ministerium über den fünften Bauabschnitt, Teil 2. Das sind das Labor- und Radiologiegebäude. Ich weiß, dass der Umbau für alle Mitarbeiter und die Patienten anstrengend ist. Aber Investitionen im Gesundheitswesen sind ein Dauerthema. Jeder Mensch möchte auf hohem Niveau behandelt werden. Die Fördermittel decken aber bei weitem die Investitionen nicht. Insofern ist das Anspruch, schwarze Zahlen zu schreiben, dafür da, dass die Patienten beste Bedingungen vorfinden mit modernen Geräten und gut ausgebildeten Ärzten und Schwestern.
Mit HEIDRUN GRÜNEWALD sprach Sybille von Danckelman

Zum Thema Zahlen & Fakten
  Im Carl-Thiem-Klinikum sind rund 2300 Mitarbeiter beschäftigt. Mit einer Gesamtinvestition von rund 72 Millionen Euro wird das CTK derzeit komplett umgebaut.
Im diesem Jahr werden vor aussichtlich 42 720 Patienten stationär aufgenommen. Zum Vergleich: Im Jahr 2003 waren es 44 543 Patienten. Die Personalkosten pro Mitarbeiter sind im gleichen Zeitraum von 45 514 Euro auf 50 204 Euro ge stiegen. Im Jahr 2003 waren 279 Ärzte am CTK beschäftigt. Derzeit sind es 312 Ärzte (Angaben der Geschäftsführung).
Geschäftsführerin Heidrun Grünewald ist gerade vom Aufsichtsrat einstimmig für weitere fünf Jahre bestellt worden .