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"Wir haben sowieso eine Betreuungsmacke"

Familie Abazid und Ali Akram Adam sind seit März in Peitz und fühlen sich in der Obhut des Peitzer Werg e.V. speziell von Angelika und Peter Sedlick sehr wohl.
Familie Abazid und Ali Akram Adam sind seit März in Peitz und fühlen sich in der Obhut des Peitzer Werg e.V. speziell von Angelika und Peter Sedlick sehr wohl. FOTO: Hirche/jul1
Peitz. 16 Flüchtlinge werden derzeit in Peitz betreut. Bevor die ersten Ende März in der Stadtstadt eintrafen, haben sich Bürgermeister Jörg Krakow, Amtsdirektorin Elvira Hölzner und die Geschäftsführerin des Werg, Verein zur Wiedereingliederung von Randgruppen, Angelika Sedlick darüber verständigt, dass sich der Verein um die Ankömmlinge kümmert. Marion Hirche / jul1

"Wir haben sowieso eine Betreuungsmacke, das bestätigt unsere 20-jährige Vereinsgeschichte. Da war es für uns überhaupt keine Frage, auch diesen so Leid geprüften Menschen zu helfen", betont Angelika Sedlick.

Bereits seit Ende Februar wohnen Ali Akram Adam aus dem Tschad und Hamdan Abazid mit seiner Frau und seinen drei Kindern, sowie sein Bruder Khaled Abazid aus Syrien in Peitz. Khaled Abazid hat in gerade eine Wohnung in der Peitzer AWS bezogen, der junge Mann aus dem Tschad und die syrische Familie haben ebenfalls eine Bleibe in der Peitzer AWS gefunden. "Es ist sehr gut, dass wir hier alle Flüchtlinge dezentral in Wohnungen unterbringen können. Es gibt dazu eine gute Zusammenarbeit mit der Wohnungsbaugesellschaft", betont Bürgermeister Jörg Krakow.

Ali Akram Adam ist bereits seit zwei Jahren in Deutschland. Nach wie vor weiß er nicht, ob er hier bleiben kann oder nicht. Arbeiten darf er nicht, aber er hat die Zeit genutzt. Er hilft beim Werg e.V. bei allen anfallenden Arbeiten aus, schält Gemüse und Kartoffeln für das Tafelessen, macht Späße bei der Kindertafel, singt die Lieder seiner Heimat. Er spielt Fußball. Der 24-jährige, der Englisch, Arabisch und Französisch spricht, hat hier auch Deutsch gelernt. Dadurch hat er sich für den Werg e.V. unabkömmlich gemacht: als Dolmetscher.

Die Abazids sprechen nur Arabisch, können auch nur arabische Schrift lesen. Dadurch ist es notwendig, sie bei jedem Gang zu begleiten. "Wir sind mit ihnen zu allen Behörden gegangen, waren mit den Kindern impfen, damit sie in die Kita und in die Schule gehen können, waren mit ihnen beim Einkaufen, haben alle Anträge, die nötig sind, gestellt. Immer hat Ali gedolmetscht", berichtet Angelika Sedlick. Sie und ihr Mann Peter haben sich aber auch viel Zeit für die Flüchtlinge genommen. Sie sind mit ihnen zu Veranstaltungen gegangen. "Ich habe ein arabisches Essen gekocht, musste selbst erstmal lernen, wie das geht. Dann haben wir sie eingeladen", berichtet die Werg e.V-Chefin. Allmählich wurde Vertrauen aufgebaut und die Flüchtlinge haben begonnen, von ihren schrecklichen Erlebnissen zu berichten. Ali erlebte im Krieg im Tschad, wie sein Vater und seine fünf Brüder erschossen wurden, in Libyen, wo er nach seiner Flucht aus seiner Heimat arbeitete, musste er erleben, wie auch hier der Krieg ausbrach. 46 seiner Arbeitskollegen wurden umgebracht. Mit drei Kollegen entschloss er sich erneut zur Flucht, Richtung Europa. Zwei Kollegen starben auf der Fünf-Tagestour auf dem Mittelmeer. Von Italien kam er nach Deutschland.

Den so leidvollen Weg über das Wasser nahm auch die Familie Abazid. "Auf dem Schiff gab es nichts zu essen und zu trinken. Wir haben viel Geld bezahlt, für die Überfahrt und sind froh, dass wir angekommen sind. Viele andere sind gestorben", berichtet Khaled Abazid zögerlich. Ihren Peitzer Betreuern haben sie Bilder von ihrem einstigen schönen, aber jetzt zerstörten Zuhause gezeigt. Auch die Autowerkstatt, die Erwerbsquelle, ist kaputt. Seit 2011 konnten die Kinder nicht mehr in die Schule gehen. In Peitz fühlen sie sich wohl und geborgen. Auch die schüchterne Mutter Ruola hat wieder ein Lächeln auf den Lippen. Salem und Hajer wurden in der Mosaik-Grundschule gut aufgenommen, Fatema ist wohl behütet in der Kita "Sonnenschein". Alle sind sie froh, dass sie leben und sie danken den Sedlicks.

"Aufgrund unserer guten Kontakte und unserer Erfahrungen können wir den Flüchtlingen helfen. Alle unterstützen uns, vom Sozialamt des Kreises bis zur Schule in Peitz. Es ist uns zu einer Herzenssache geworden. Wir lernen von den Flüchtlingen und sie lernen von uns", sagt Angelika Sedlick, die sehr darüber wacht, dass ihre neuen "Schützlinge" nicht andauernd an ihre schrecklichen Erlebnisse erinnert werden. Jetzt soll es in Peitz Gespräche geben zur Einrichtung eines zusätzlichen Begegnungsraumes für die Flüchtlinge. Außerdem müssen angesichts der noch zu erwartenden weiteren 60 Menschen bis Jahresende auch materielle und personelle Fragen geklärt werden.