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Tanzschul-Jubiläum
Wieder auf Branitzer Parkett zurück

Etwa 300 Ballgäste haben in Branitz eine rauschende Jubiläumsballnacht gefeiert.
Etwa 300 Ballgäste haben in Branitz eine rauschende Jubiläumsballnacht gefeiert. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Mit dem großen Jubiläumsball zum 90-jährigen Bestehen der Tanzschule Fritsche ist am Samstagabend der große Ballsaal am Kulinarium in Branitz eingeweiht worden. Etwa 300 Gäste kamen, um mit den langjährigen Betreibern Dieter und Erzsébet Fritsche sowie der heutigen Chefin Karina Brand eine rauschende Tanznacht zur Musik der Cottbuser US-Party-Band zu feiern. Von Antje Posern

Eine prächtigere Eröffnung hätte sich Hausherr Gerd Mielke nicht wünschen können. In festlicher Abendrobe schwebten langjährige und neuere Tanzbegeisterte sowie Freunde und Unterstützer der bekannten Cottbuser Tanzschule über das frisch gewienerte Parkett des gerade fertig gewordenen 600 Quadratmeter großen Branitzer Saals.

Als die ADTV-Tanzschule Fritsche am 1. Januar 90 Jahre alt wurde, war an diese festliche Atmosphäre unter golden glänzenden Kronleuchtern noch lange nicht zu denken. Baumaterial für die Anlagen der Branitzer Wohnresidenz lagerte dort, wo zu Zeiten des Best Western Hotels die Tanzschule Fritsche einst ihre Abschlussbälle veranstaltet hatte. Dennoch war für Karina Brand, die die Tanzschule im August 2015 aus den Händen ihres Lehrers Dieter Fritsche übernahm, der Branitzer Saal ihr heimliches Wunsch-Parkett für den großen Jubiläumsball. „Ich hatte hier meinen ersten Auftritt mit der Tanzschule“, begründete sie den Gästen am Samstag diesen Traum.

Um diesen wahr werden zu lassen, fand sie in Gerd Mielke, der die ehemalige Hotelanlage zu einer umfangreichen Wohnresidenz ausbaut, schnell einen Verbündeten. Bis zum Samstagvormittag war noch gewerkelt worden, um den noch nüchtern wirkenden Saal in einen glänzenden Festsaal zu verwandeln.

Das passende Ambiente also, um die im Januar 1927 von Ruth Knobloch begründete Tanzschultradition zu feiern. Berufung, Leidenschaft und Talent – damit legte sie nicht nur den Grundstein für eine Institution, in der bis heute zehntausende Lausitzer das Einmaleins des Tanzens erlernt haben. Diese Eigenschaften gab sie auch an ihren Sohn Dieter Fritsche und ihre Enkelin Conny weiter, die nach einigen Jahren im Familienbetrieb als Tanzlehrerin in Berlin arbeitet.

Jubiläumsfeier weiht restaurierten Branitzer Ballsaal ein FOTO:

Karina Brand freute sich, dass sie gemeinsam mit Fritsches und insbesondere „ihrem Chef“ den Tanzschulgeburtstag feiern konnte. 2001 hatte die Forsterin hier ihre Ausbildung begonnen. „Am meisten in Erinnerung habe ich die Fahrten mit Dieter“, erzählte sie. Egal ob es nach Boxberg, Krauschwitz, Lübben oder Spremberg gegangen sei – Dieter Fritsche habe jede Gastwirtschaft auf dem Weg gekannt, wusste, mit welchem Kurs er dort einen Tanzschulball absolviert hatte und konnte über so manches extravagante Kleid der Teilnehmerinnen schwärmen.

Und Dieter Fritsche hatte noch so manche weitere Anekdote im Gepäck. Etwa, wie seine Mutter russischen Offizieren in einem ehemaligen Pferdestall am Schillerplatz das Tanzen beibringen sollte. Oder über jene Jahre, als Kurse mit 100 Paaren keine Seltenheit waren. Oder als er seine bei einer Weiterbildung in Berlin frisch erlernten Boogie-Kenntnisse im „Stadt Cottbus“ ausprobieren wollte und ihn der Oberkellner dezent darauf aufmerksam machte, dass es hier verboten sein, auseinander zu tanzen. Um 1960 war das. Er denkt aber auch gern an den Formationstanzclub zurück – einige Mitglieder der ersten Generation feierten am Samstag in Branitz mit – und den daraus hervorgegangenen Tanzclub 91 sowie das erste große Turnier des frisch gegründeten Landestanzverbandes, das seine Tanzschule im damaligen Haus der Bauarbeiter mit großem Erfolg ausrichtete. Acht Tanzlehrer seinen bei Fritsches selbst ausbildet worden – und alle noch erfolgreich in ihrem Beruf tätig. „Das macht einen schon stolz.“

Das Lebenswerk der Familie Fritsche, die mit ihrer Tanzschule eine Werkstatt der regionalen Kultur und eine Lausitzer Institution geschaffen habe, würdigte auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Gern sei er zur Jubiläumsfeier in Branitz „angetanzt“. Auch wenn Fritsches, die Woidke als „lebende Lausitzer Legenden“ hervorhob, tausenden Lausitzern gelehrt habe, gut und schwungvoll als Gelegenheitstänzer durchs Leben zu kommen – „eine Ausnahme bin ausgerechnet ich“, gestand er. 1976 habe er seinen Tanzschulkurs in Forst-Eulo absolviert. Ergebnis: „Ich habe getanzt wie ein steifer Stock“. Dennoch sei der Kurs damals nicht umsonst gewesen: Noch heute binde er seine Krawatte selbst, halte er seiner Frau die Tür auf und wisse, dass er sie höflich zum Tanz einzuladen habe – Umgangsformen, die er 1976 in Forst-Eulo vermittelt bekommen habe.

Mit der Cottbuser Dezernentin für Jugend, Kultur und Soziales, Maren Dieckmann, bestritt Woidke schließlich mit vielen Tanzpaaren auf dem stets gefüllten Parkett tapfer den Eröffnungswalzer. Genau hier wurde auch deutlich, dass es die Schule bis heute bestens versteht, Jung und Alt fürs Tanzen zu begeistern. Schon bei der Eröffnung widerspiegelten die Tanzeinlagen den Querschnitt des Angebots vom Kind bis zur Seniorin, von klassischen Standard- bis zu modernen Tänzen. Eine Auswahl der zurzeit 380 bei Karina Brand und deren Mitarbeiterin Maria Hennig tanzenden Kinder und Jugendlichen entführten die Besucher auf eine Reise durch neun Jahrzehnte Tanzgeschichte – von Charleston über Rock’n’Roll und Disco-Night-Fever bis hin zu aktuell angesagtem Pop. Für Begeisterungsstürme sorgte auch der Berliner Rock’n’Roll-Club Cadillac, der mit rasanten Drehungen, Hebefiguren und Sprüngen über die Tanzfläche wirbelte – im vergangenen Jahr war die Formation Deutscher Meister in der C-Klasse und hat sich auch in der höheren B-Klasse bereits Bronze verdient.

Getanzt werden soll auch im kommenden Jahr im Branitzer Festsaal. Karina Brand lud alle Gäste für den 10. März zum Orchideenball ein. Und Hausherr Gerd Mielke plant als nächstes eine große Faschingsparty mit den Cottbuser Narrenweibern.

Der langjährige Tanzschulleiter Dieter Fritsche und die heutige Chefin Karina Brand freuen sich, wieder in Branitz tanzen zu können.
Der langjährige Tanzschulleiter Dieter Fritsche und die heutige Chefin Karina Brand freuen sich, wieder in Branitz tanzen zu können. FOTO: Michael Helbig