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| 14:37 Uhr

Stadtpolitik
Vom Erfolg der Bürgerdialoge

Reinhard Drogla (vorn l.) ist überzeugt von dem Nutzen der Bürgerdialoge.
Reinhard Drogla (vorn l.) ist überzeugt von dem Nutzen der Bürgerdialoge. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Nach sechs Gesprächen zwischen Stadt und Einwohnern ist Zeit für ein Fazit. Von Andrea Hilscher

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten im Winter nahm die Idee von offenen Gesprächsrunden zwischen Bürgern und Verwaltung schnell Gestalt an. Von Mitte Mai bis Ende Juni saß die Stadtspitze insgesamt sechs Mal mit insgesamt mehreren Hundert Einwohnern in Kirche, Turnhalle oder Schulaula zusammen, um über die aktuelle Lage in Cottbus zu sprechen. Stadtverordnetenvorsteher Reinhard Drogla, Mitinitiator und Teilnehmer der Runden, zieht Bilanz.

Die größten Sorgen: Für Reinhard Drogla kristallisierten sich im Verlauf der Dialoge einige zentrale Fragen heraus. „Es war deutlich spürbar, wie sehr die alteingesessenen Cottbuser beachtet werden wollen. Ihre Sorgen über fehlende Papierkörbe, marode Bürgersteige oder unordentliche Grünflächen müssen wir würdigen, die Ursachen möglichst rasch abstellen.“ OB Holger Kelch hat beim letzten Bürgerdialog betont, es sei wichtig, den Menschen zuzuhören und nicht den Eindruck entstehen zu lassen, für Flüchtlinge würden Dinge getan, die den Cottbusern über viele Jahre mit Hinweis auf fehlende Finanzen verwehrt wurden. Neben diesen allgemeineren Problemen wurde die Debatte oft von sehr konkreten Konflikten geprägt: Laute Nachbarn, spielende Kinder auf nächtlichen Straßen, Missachtung der Nachtruhe.

„Wir haben zwar Hausordnungen in unterschiedlichen Sprachen verteilt, aber die Erfahrung zeigt: Vermieter wie etwa die GWC müssen mit dem Familienvorstand direkt sprechen, dann lassen sich viele Probleme beheben.“ Sein Rat an Menschen, die unter derartigen Konflikten leiden: „Schnell an den Vermieter herantreten. In den Wohnungsbaugesellschaften gibt es speziell geschulte  Mitarbeiter, die helfen können.“ Gerade nach den Bürgerdialogen habe es sich gezeigt, wie schnell sich manch angesprochenes Minenfeld durch schnelle, konkrete Maßnahmen habe entschärfen lassen.

Wichtige Handlungsfelder: Die zusätzlichen Stellen für Sozialarbeiter sind ein wichtiger Schritt, um Integration zu erleichtern und Konflikte zu entschärfen. „Aber wir brauchen an vielen Stellen soziale Arbeit“, sagt Reinhard Drogla. Egal, ob Flüchtlingskinder an Kursen im Piccolo-Theater teilnehmen, ob junge Männer nach Beschäftigung suchen oder irgendwo in der Stadt am öffentlichen Leben teilhaben – der Umgang, das tägliche Miteinander sei eine wichtige Form der sozialen Arbeit.

Zur Anziehungskraft der Stadt auf Flüchtlinge: Cottbus hat ein funktionierendes Betreuungsmanagement, niedrige Mieten und – bisher noch – ein vergleichsweise gutes Angebot an Kita- und Schulplätzen. „Außerdem zieht es die Menschen natürlich dorthin, wo sie bereits Freunde oder Verwandte haben.“ Reinhard Drogla: „Wenn ich fliehen müsste, würde ich auch dorthin gehen, wo ich Verwandte habe.“

Zu den Demonstrationen: „Ganz offensichtlich sind bei den Demos zum überwiegenden Teil Menschen von außerhalb gekommen“, so Reinhard Drogla. Ihm sei während der Bürgerdialoge bewusst geworden, dass die Stimmung in der Stadt nicht immer etwas mit realen Gegebenheiten zu tun hat, viele Emotionen von außen in die Stadt getragen und befeuert werden. „Wenn ich mich umsehe, haben wir im Vergleich mit vielen anderen Großstädten deutlich weniger Probleme. Wir haben in weiten Teilen der Bevölkerung materiellen Wohlstand.“ Vielleicht, so sein Eindruck, wären gerade deshalb die Verlustängste besonders hoch.

Enttäuschungen: „Ich fand es sehr schade, dass bei keiner unserer Veranstaltungen die hiesigen Bundestagsabgeordneten zugegen waren.“ Sie hätten, so Drogla, wichtige Erkenntnisse nach Berlin mitnehmen und in die Politik der großen Koalition einbringen können. „Schließlich werden die wichtigen Entscheidungen in Berlin getroffen, die Kommunen tragen dann die Konsequenzen.“

Wie es weitergeht: Im September wird darüber beraten, in welcher Form die Bürgerdialoge weitergeführt werden. Reinhard Drogla: „Wir müssen regeln, wir wir künftig miteinander umgehen wollen. Und wir müssen auch den Zugewanderten klarmachen: Wer sich nicht an bestimmte Regeln hält, ist hier nicht willkommen.“

Für Holger Kelch sind die 22 000 Euro, die die Bürgergespräche gekostet haben, gut investiertes Geld. „Dialog hier ist besser als Dauermonologe auf den Straßen.“