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Wie war es denn wirklich, das Leben in der DDR?

Gehört haben sie alle schon von der DDR. Doch das Bild, dass sich die Zehntklässler der Pestalozzi-Schule gemacht haben, ist zumindest lückenhaft. Ein Projekt zur Vergangenheitsaufarbeitung soll diese Lücken schließen. Andrea Hilscher

Cottbus. Förderschule, zehnte Klasse. Macht es da überhaupt Sinn, sich über Monate hinweg mit dem Thema "Leben in der DDR" zu beschäftigen? Peggy Täubner, Lehrerin an der Pestalozzi-Schule kennt diese Frage, und sie gibt immer dieselbe Antwort: "Natürlich macht es Sinn. Die Schüler sind zu begeistern, können sich einlesen in Themen, man muss ihnen nur etwas mehr Zeit geben."

Seit Januar betreut Peggy Täubner gemeinsam mit einer Kollegin das Projekt "Leben in der DDR. Zwischen Anpassung, Unterstützung und Verweigerung". Viele Gespräche hat es bereits gegeben, Besuche in Berlin, immer neue Annäherungen an das Thema. Trotzdem bleiben die Schüler zurückhaltend, als sie im Menschenrechtszentrum nach ihren Gedanken zum Stichwort DDR gefragt werden.

Sie sind hier, um sich dem Thema Diktatur zu nähern, vor allem aber, um mit einem Zeitzeugen zu sprechen, der in den 1980-er Jahren in Cottbus inhaftiert war. Doch zunächst eben diese Frage nach den eigenen Gedanken. "Na, es war irgendwie alles besser damals", sagen die Jugendlichen einhellig. "Einfacher. Und alle hatten Arbeit."

Hana Hlaskova, seit drei Wochen Bildungsreferentin in der Gedenkstätte Zuchthaus, zuckt ein wenig zusammen, schickt die Schüler dann in die aktuelle Zeitzeugen-Ausstellung. Schon nach wenigen Minuten lassen sich die Teenager gefangen nehmen von den Videoaufnahmen ehemaliger Häftlinge. "Voll schrecklich", sagt etwa Natalie Faustmann. "Die wurden ja richtig getreten und geschlagen, völlig daneben."

Noch plastischer wird der Einblick in die DDR-Vergangenheit, als der Künstler Axel Reitel beginnt, den Schülern ein wenig aus seinem Leben zu erzählen und aus den tagen, als die Menschen in der DDR begannen, lautstark "Nein" zu ihrer Regierung zu sagen. "Ich komme aus Plauen und bin total stolz, dass die Leute dort tatsächlich die ersten waren, die auf die Straße gegangen sind", erzählt er den Förderschülern. Schon am 7. Oktober 1989 haben dort 20 000 Demonstranten - zum großen Teil Arbeiter - für Reise- und Meinungsfreiheit demonstriert. Axel Reitel selbst war damals längst schon im Westen. Freigekauft, weil er als 19-Jähriger zu 48 Monaten Haft verurteilt worden war. "Als Politischer", wie er den Schülern erzählt. "Blutjung waren viele von uns, und wir wussten, mit unseren Akten wäre kein normales Leben in der DDR mehr möglich gewesen." Von 21. Geburtstag hinter Gittern erzählt er, von den Ohnmachtsgefühlen, einer vorgezeichneten Biografie nicht entrinnen zu können. Was ihn und seine Worte für die Jugendlichen spannend macht, ist etwas anderes. Er schafft es schon nach wenigen Minuten, die Erfahrungswelt der Förderschüler zu verknüpfen mit den Erlebnissen junger Menschen in der früheren DDR. Die zunächst sehr zurückhaltenden Jungen und Mädchen öffnen sich, stellen Fragen und zeigen ihr Erstaunen. Benjamin Beckert etwa muss irgendwann sogar von seinen Lehrern gebremst werden in seinem Wissensdurst. "Ich finde Geschichte eben sehr spannend" erzählt der Schüler. So spannend, dass er ehrenamtlich in der Gedenkstätte arbeitet.

Peggy Täubner: "Wir wollen mit unserem Projekt erreichen, dass die Jugendlichen sich kritisch mit der DDR auseinandersetzen." Daher werden sie im April in verschiedenen Workshops intensiv arbeiten. Tanzend, schreibend und malend suchen sie für sich nach einem stimmigen Bild der Vergangenheit.