Doch wer sich beruflich oder als pflegender Angehöriger gerade mit älteren Menschen beschäftigt, der stößt oft auf die Frage: "Wie verrückt ist noch normal". Torsten Dau, Sozialarbeiter in der Psychiatrischen Tagesklinik am Thiem-Klinikum hat den Psychiatrietag 2012 am 26. Oktober rund um dieses Thema organisiert. "Schon bei kurzem Nachdenken wird man ganz schnell unsicher in seinem Urteil", erzählt er. Da sei zum Beispiel die ältere Dame, die mit Vergnügen ihr Geld zum Fenster rauswirft. "Ist sie noch zurechnungsfähig? Und entscheiden darüber ihre Erben? Ärzte? Die Gesellschaft?"

Der diesjährige Psychiatrietag soll den Blick für Fragen schärfen, die sich weniger mit Krankheitszuständen als vielmehr mit alltäglichen Problemstellungen befassen. Außerdem soll gerade auch Pflegenden von älteren Menschen aufgezeigt werden, wie sie mit verbesserter Kommunikation vielfältige Probleme lösen können. Torsten Dau nennt ein simples Beispiel. Ein älterer Mann im Pflegeheim soll gewaschen werden. "Die Schwester hat zwei Minuten Zeit für ihn. Er aber wünscht sich mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung. Aus Verzweiflung hämmert er gegen die Wand." Man könne diese Wut nun medizinisch als "aggressives Verhalten" deklarieren und behandeln. "Oder man geht auf die Wünsche des Mannes ein und mildert so seine Wut", sagt Dau.

Er selbst hat im klinischen Alltag häufig mit älteren Menschen zu tun und kennt die Gefahr, jegliches "alterstypische" Verhalten als krank zu definieren. "Seltsamerweise gestehen wir Kindern zu, dass sie wütend sein dürfen oder traurig. Damit können wir sehr gut umgehen und uns auf diese heftigen Emotionen einstellen", so Dau. Bei älteren Menschen fehle uns diese Flexibilität. "Von ihnen erwarten wir ein bestimmtes Verhalten, Abweichungen werden nicht geduldet."

Der jährlich stattfindende Psychiatrietag will auf diese und ähnliche Fragestellungen aufmerksam machen. Seit 1998 wird er von der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft Cottbus organisiert, einem Zusammenschluss von Behörden, Klinikum und Betreuungseinrichtungen. "Mit Diskussionen, Lesungen und Workshops wollen wir die Aufmerksamkeit auf Frage lenken, die jeden von uns betreffen können", so Dau.

Psychiatrietag: Freitag, 26. Oktober, 9.30 bis 16 Uhr im Konservatorium. Für Pflegende, Angehörige, Betroffene und Fachpersonal.Workshops: Hospizarbeit, Sterben und Loslassen. 6. November, 17 bis 18.30 Uhr, Malteser Hilfsdienst, Klopstockstraße 4a.Vom freien Willen im Alter - Spannungsfeld rechtlicher Betreuung. 27. November, 17 bis 18.30 Uhr. Soziokulturelles Zentrum, Zielona-Gora-Straße 16.Kino: "Und wenn wir alle zusammenziehen. Film über fünf Freunde im reifen Alter. Obenkino, 26. Oktober, 14 und 20 Uhr.