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Wie unseriöse Schlüsseldienste abzocken

Wer einen Schlüsseldienst braucht, sollte genau hinsehen.
Wer einen Schlüsseldienst braucht, sollte genau hinsehen. FOTO: Fotolia
Cottbus. Heike B. hätte diesen Januarsamstag im Nachhinein am liebsten aus dem Kalender gestrichen. Gegen 9 Uhr wollte sie nur den Müll rausbringen – bekleidet mit Pullover, Jogginghose und Hausschuhen. Es sollte fünfeinhalb stressgeladenen Stunden dauern und 225 Euro kosten, bis sie in ihre Wohnung zurückkehren konnte. Ulrike Elsner

Meist ist es Momentsache. Die Tür fällt ins Schloss, aber der Schlüssel ist noch drin. Für solche Fälle hat die Sandowerin einen Zweitschlüssel bei der Nachbarin. Doch das hilft ihr an dem Samstag nicht, denn ihr Schlüssel steckt von innen. Da muss ein Schlüsseldienst her. Weil kein Telefonbuch greifbar ist, ruft Heike B. die Auskunft an. Dort bekommt sie vier oder fünf Nummern von Schlüsseldiensten, darunter zwei mit Adressen in Cottbus-Sandow.

Nach mehreren missglückten Versuchen nimmt eine Firma, die in der Albert-Förster-Straße ihren Sitz haben soll, den Auftrag an. Warum das allerdings über ein Callcenter in Dortmund läuft, wundert die Cottbuserin. Ebenso wie das Dresdner Kennzeichen am Auto des Monteurs, der nach dreieinhalb Stunden eintrifft und das Problem in wenigen Minuten löst. "Er verlangte 224,91 Euro, nur bar oder mit EC-Karte zahlbar", berichtet Heike B.

Wolfgang Baumgarten von der Cottbuser Verbraucherzentrale wundert sich über diese Verfahrensweise nicht. "Eine Lastschrift könnte zurückgebucht werden", erläutert der Jurist. "Wenn mit EC-Karte bezahlt wird, ist das nicht möglich."

Was die Höhe der Rechnung angeht, hat der Verbraucherberater allerdings schon von ganz anderen Summen gehört. "Häufig wird das Doppelte, Dreifache oder Vierfache verlangt", sagt er. "Das Höchste waren bisher 1084 Euro." Dabei war ein neues Schloss gleich mit eingebaut und mit stolzen 180 Euro berechnet worden.

Innerhalb der letzten zwei, drei Jahre haben sich etwa 50 Betroffene mit überteuerten Schlüsseldienstrechnungen an den Verbraucherberater gewandt. In einem Fall wurden für eine Türöffnung wochentags zu normaler Geschäftszeit 940 Euro verlangt.

"Das ist Wucher", sagt der Jurist. "Die Auftraggeber sind in einer Notsituation. Und das nutzen unseriöse Geschäftemacher aus - und zwar eiskalt."

Auch dass Cottbuser, Spremberger, Forster oder Gubener Telefonnummern angegeben werden, der Anrufer, der den Dienstleister in der Nähe wähnt, im Hintergrund zu einem Callcenter in Nordrhein-Westfalen weitergeleitet wird, sei gängige Praxis. "Wer in Cottbus einen vor Ort ansässigen Schlüsseldienst beauftragt wird tagsüber vermutlich etwa 60 Euro, abends mit Aufschlag 100 oder 110 Euro bezahlen", sagt Wolfgang Baumgarten.

Grundsätzlich rät der Verbraucherberater, schon vor dem Schadensfall darüber nachzudenken: Was tue ich, wenn . . . Den Ersatzschlüssel bei einem Nachbarn zu hinterlegen, dem man vertraut, ein Schloss einzubauen, das gleichzeitig von innen und außen zu nutzen ist, und die Telefonnummer eines seriösen Schlüsseldienstes parat zu haben, gehört dazu. Wenn kein Weg an einem Notruf vorbeiführt, gilt: Der Preis sollte bei der Auftragserteilung vereinbart werden.

Dann kann aber immer noch geschehen, was einer Cottbuserin im vergangenen Jahr passiert ist: Ein Preis von 120 Euro war ausgemacht. Dann kamen die Helfer zu dritt, verlangten nach getaner Arbeit das Dreifache und drohten: "Wenn Sie nicht zahlen, holen wir die Polizei." Die Frau bewahrte ruhig Blut und entgegnete: "Das müssen sie nicht, weil ich das jetzt mache." Und schon waren die Drei verschwunden.

"Rufen Sie sofort die Polizei, wenn der geforderte Preis von der ausgemachten Summe abweicht", rät auch Wolfgang Baumgarten. "Schreiben Sie das Nummernschild des Schlüsseldienstfahrzeugs auf oder beauftragen Sie einen Nachbarn, das zu tun."