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Wie sich Leben hinter Gittern anfühlt

Gemalt auf Faltrollos: Schüler der zehnten Klasse finden Zeichen für Gefühle von Angst und Einsamkeit.
Gemalt auf Faltrollos: Schüler der zehnten Klasse finden Zeichen für Gefühle von Angst und Einsamkeit. FOTO: Hilscher
Cottbus. Angst. Einsamkeit. Kälte. Spitzel. Diese Worte benennen, was 49 Cottbuser Schülern nach einem dreitägigen Workshop im Menschenrechtszentrum zum Thema politische Haft eingefallen ist. Andrea Hilscher

Zwei zehnte Klassen des Niedersorbischen und des Steenbeck-Gymnasiums hatten drei Tage Zeit, sich künstlerisch mit der politischen Haft im Zuchthaus Cottbus auseinanderzusetzen. Die Ergebnisse sind erstaunlich.

"Ich bin wirklich überrascht", sagt Uwe Bauch, Geschichtslehrer am Steenbeck. "Ich bin selbst in der DDR geboren und habe mir einige Gedenkstätten angeschaut. Aber das hier ist wirklich sehr bedrückend."

Die Schüler haben gemalt und fotografiert, Texte verfasst und erstmals auch Geräuschkollagen zusammengestellt, die den Gefängnisalltag nachvollziehbar machen sollen. Der Filmemacher Stefan Göbel hat den Jungen und Mädchen dabei geholfen. "Eine spannende Aufgabe und ein guter Weg, sich der Geschichte anzunähern. Ab einem bestimmten Alter glauben Schüler ihren Lehrbüchern nur noch bedingt." Das Erleben des Zuchthauses und vor allem die Gespräche mit den Zeitzeugen seien da unglaublich wichtig.

Davon ist auch Joachim Heise überzeugt. Er saß 1984 im Zuchthaus, feierte seinen 40. Geburtstag hinter Gittern. Ironie der Geschichte: Am vergangenen Mittwoch wurde er 70 Jahre alt - und verbrachte den Tag erneut im Zuchthaus. "Ich glaube an den Sinn politischer Bildung", begründet Heise sein Engagement. Belohnt wird es durch den Enthusiasmus der Schüler. "Die kann ich gar nicht genug loben", so der ehemalige Häftling. Sie seien wissbegierig, aufmerksam, einfühlsam.

Diese Bereitschaft zum Einfühlen in den Häftlingsalltag wurde erkennbar in den künstlerischen Werken, die die Gruppen in den drei Tagen schufen. Sehr beeindruckend war das Projekt, das vom Kunstmuseum Dieselkraftwerk betreut wurde. Hier nutzten die jungen Künstler DDR-typische Faltrollos, um auf ihnen zu malen.

"Diese Rollos waren gerade in Cottbus und Leipzig extrem beliebt", erklärt Museumspädagogin Anke Palme. Der gute Maluntergrund, der günstige Preis und die Möglichkeit, die fertigen Exponate unkompliziert verschicken zu können, führten zur Bildung einer regelrechten Rollo-Kunstszene mit eigenen Ausstellungen.

Andere Schülergruppen näherten sich dem Thema Haft über choreografische Elemente, über Texte und Bilder an. Sie alle drückten Emotionen aus, die von den Zeitzeugen geschildert wurden. Angst und Einsamkeit, Kälte, die Furcht vor Spitzeleien. "Für die Schüler ist so ein ganz neuer Zugang zu einem Teil der DDR-Geschichte geöffnet worden", sagt Lehrer Uwe Bauch.

Er und seine Klasse hoffen auf eine dauerhafte enge Kooperation mit dem Menschenrechtszentrum. "Uns Lehrern wird oft vorgeworfen, wir würden zu wenig über die deutsch-deutsche Vergangenheit lehren. Dabei würden wir das Thema selbst sehr gern vertiefen." Lehr- und Stundenpläne ließen dafür allerdings zu wenig Zeit.

Das Projekt im Menschenrechtszentrum wird vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg und dem Verein "Gegen Vergessen, Für Demokratie" gefördert.