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Wie Guben die Knappschaft an Cottbus verliert

Trotz der vielen Briefmarken ist das Knappschaftsgebäude am Schillerplatz auf der alten Postkarte noch gut zu erkennen.
Trotz der vielen Briefmarken ist das Knappschaftsgebäude am Schillerplatz auf der alten Postkarte noch gut zu erkennen. FOTO: Sammlung Krause
Cottbus. Knappe – ein Wort mit zwei Bedeutungen. Im Mittelalter war der Knappe ein junger Adliger, der noch nicht zum Ritter geschlagen war. Doch auch ein Bergmann wurde als Knappe bezeichnet. Die Knappschaft war seit dem 13. Jahrhundert ein zunftmäßiger Zusammenschluss der Bergleute, um sich bei Krankheit oder Unfällen gegenseitig zu unterstützen.

Aus diesen Zusammenschlüssen der Bergleute, die in Kohle-, Erz-, Salzbergwerken und in Steinbrüchen sowie den anschließenden Weiterverarbeitungsbetrieben beschäftigt waren, bildeten sich um 1854 regionale Knappschaftsvereine, die diese sozialen Aufgaben übernahmen.

Der Brandenburgische Knappschaftsverein hatte zunächst seinen Sitz in Cottbus, verlegte diesen aber zum 1. Februar 1862 nach Guben. Die Zahl der Knappschaftsvereine belief sich in Preußen im Jahre 1874 auf 87 mit 264 397 Mitgliedern. Das Kapital der 87 Vereine lag bei fast 18,8 MillionenMark. Die Einnahmen erreichten eien Höhe von 11,5 Millionen Mark, die Ausgaben knapp 10,4 Millionen Mark, wovon 49 Prozent durch die Arbeiter und 45 Prozent durch die Werksbesitzer aufgebracht wurden. Für die meistberechtigten (fest angestellten) Mitglieder der Knappschaftsvereine wurden folgende Leistungen erbracht: freie Kuren und Arznei, Krankengeld, ein Beitrag zu den Begräbniskosten, die lebenslängliche Invalidenpension sowie die Unterstützung der Witwen und - bis zum vollendeten 14. Lebensjahr -der Waisen. Für sogenannte Minderberechtigte (nicht fest angestellte) gab es nur freie Kuren und Arznei, Krankengeld und ein Beitrag zu den Begräbniskosten.

Mit der weiteren Industriealisierung und dem steigenden Bedarf von Grundstoffen aus dem Bergbau nahm die Zahl der Beschäftigten und damit der Mitglieder der Knappschaftsvereine zu. Zugleich mussten weitere Mitarbeiter für eine reibungslose Verwaltung angestellt werden. So platzte auch der Verwaltungssitz in Guben aus allen Nähten. Der Brandenburgische Knappschaftsverein suchte ein neues Domizil. Obwohl sich die städtischen Behörden in Guben alle Mühe gaben, auch bereit waren, erhebliche Opfer zu bringen, konnten sie den Verlust - den Wegzug des Brandenburgischen Knappschaftsvereins aus Guben - nicht verhindern. Der "Cottbuser Anzeiger" vom 30. Dezember 1910 berichtet: "Der Brandenburgische Knappschaftsverein hat in seiner gestern (28. Dezember) hier abgehaltenen Sitzung beschlossen, sein Domizil von Guben nach Cottbus zu verlegen. Die Stadt Cottbus stellt für den Neubau eines Verwaltungsgebäudes einen Bauplatz (Ecke Bismarck- und Grünstraße) am Schillerplatz zur Verfügung."

Zwischen Cottbus und Guben muss es wegen des Knappschaftssitzes wie auf einer Versteigerung zugegangen sein: Wer bietet mehr! Natürlich hatte Cottbus den Vorteil, dass es den bedeutendsten Niederlausitzer Kohlengebieten näher lag. Die Stadt Guben konnte mit so einem exquisiten und großen Bauplatz, wie die Cottbuser ihn zur Verfügung stellten, nicht dienen.

Bereits im Juli 1911 konnten die Cottbuser sich zum Baugeschehen informieren. Die Anlage der Fundamente ließen erkennen, wie umfangreich das neue Verwaltungsgebäude würde. Die Maurerarbeiten waren dem aus Senftenberg stammenden Maurermeister und Architekten Otto Nickel, der seit 1. April 1910 sein eigenes Baugeschäft in Cottbus leitete, übertragen worden.

Der Brandenburgische Knappschaftsverein verlegte seinen Sitz bereits zum 1. Juli 1912 nach Cottbus, obwohl das neue Verwaltungsgebäude noch nicht fertig war. In Guben hatte er seinen Sitz volle 50 Jahre inne gehabt. "Am 23. Oktober 1912 fand die feierliche Einweihung des neuen Verwaltungsgebäudes des Brandenburgischen Knappschaftsvereins in Cottbus statt: Es wurde zu diesem Zwecke eine interne Feier veranstaltet, an der außer dem Vorstande des Knappschaftsvereins Vertreter von staatlichen Behörden und der städtischen Körperschaften teilnahmen. Bei diesem Anlaß wurden mehrere Auszeichnungen überreicht. Verliehen ist u.a. der Rote Adlerorden 4. Klasse Bergwerksbesitzer Jeschke, Pforten, der Kgl. Kronenorden 4. Klasse Rendant Danneberg, Cottbus", berichtet die Zeitung.

Das attraktive Gebäude, ein Putzbau, besteht aus einem Haupthaus mit einem zentralen Eingangsrisalit und Dreiecksgiebelabschluss. In der Kartusche des Giebelfeldes ist heute das Cottbuser Stadtwappen zu entdecken. Vermutlich war zur Fertigstellung des Gebäudes eine Symbolik der Bergleute darin angebracht.

Etwas versetzt fügt sich der Ostflügel an das Hauptgebäude. Sein Zugang war von der Grün-, beziehungsweise späteren Wemerstraße aus. In ihm befand sich in der ersten sowie zweiten Etage je eine großzügige Wohnung. Im ersten Stockwerk war es die Wohnung für den jeweiligen Knappschaftsdirektor, die im zweiten Stockwerk war ebenfalls für Angestellte gedacht, doch wurde diese Wohnung fast immer vermietet. Der fest angestellte Hausmeister hatte seinen Wohnraum im Keller.

Das Mansarddach mit dem laternenförmigen Dachreiter erinnert an die Zeit des Barock. Das Hauptgebäude enthält außer den gedachten Büroräumen auch einen großen Festsaal und großzügige Treppenhäuser, zum Teil auch erhaltene Stuckdecken, trotz verschiedener Umbauten.

Die Knappschaftsdirektoren waren ab 1912 Hugo Herzer, ab 1929 Erich Lenz (noch 1940). Langjähriger Mieter der zweiten Etage war seit 1924 der Lehrer und spätere Konrektor Theodor Blütchen von der 1. Gemeindeschule für Knaben in der Wall- beziehungsweise Friedrich-Ebert-Straße 49. Das Schulgebäude ist im April 1945 ausgebrannt.

Mit dem Kriegsende kam auch das Ende der Knappschaft in Cottbus. In das Haus zog die sowjetische Militärkommandantur. Ihr folgte ab 1961 die Stadtverwaltung der Stadt Cottbus, da das neue Rathaus von der Bezirksverwaltung bis 1990 beansprucht wurde. Danach zog der Rat der Stadt in sein angestammtes Haus zurück. In dem leergezogene ehemalige Knappschaftsgebäude etablierten sich Stadtarchiv und Stadtmuseum als "Forum für Regionalgeschichte". Doch das ist nur von kurzer Dauer. Die Bundesknappschaft erhielt ihr Haus zurück, sanierte und nutzt es seit 1995 selbst. Das große Grundstück ermöglichte sogar noch einen Anbau an das vorhandene Gebäude.

Über die Geschichte des Brandenburgischen Knappschaftsvereins, seit 1924 Reichsknappschaftsverein, seit 1969 Bundesknappschaft, sowie der Fusion der Knappschaft mit der Bahn- und der Seekasse im Jahre 2005 hat Karin Kuhn im Cottbuser Heimatkalender 2012 anlässlich der "100 Jahre Knappschaft in Cottbus" sehr anschaulich geschrieben.