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Wie einer konsequent Steine öffnet

Seine Skulptur "Der Fall der Mauer" hat Wilde 1993 geschaffen.
Seine Skulptur "Der Fall der Mauer" hat Wilde 1993 geschaffen. FOTO: Annett Igel
Cottbus. Zum Cottbuser Filmfestival sind seit Jahren auch Ausflüge in die Bildhauerkunst möglich. Der Cottbuser Bildhauer und Künstler Hans-Georg Wagner öffnet von 14 bis 18 Uhr die Galerie über seinem Atelier in der Lieberoser Straße. In diesem Jahr lässt er darin Skulpturen und Zeichnungen des Berliners Berndt Wilde wirken. Annett Igel-Allzeit

Ganz niedrig zieht sich die Mauer durch die Bronze-Skulptur. Auch wenn der Titel "Der Fall der Mauer" aus dem Jahr 1993 den Umsturz meint, reißt da nicht ein und hämmert es nicht. Nein, es sind die Figuren im West wie im Osten, die einfach über sich hinauswachsen und die Mauer langsam, und leise versinken lassen. Ja, es war eine friedliche Revolution und, ja, es hat auch gedauert - 1989, 1993. Und 2011 haucht er es schief, spitz und vorwärtsdrängend wieder in Bronze: "Die Revolution geht weiter".

Aber wie politisch ist Berndt Wilde, der heute in Berlin lebt und bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren an der Kunsthochschule Weißensee als Professor Bildhauerei lehrte? Er stammt aus Pötnitz, 1946 wurde er dort geboren. Das ist ein kleines Dorf in Sachsen-Anhalt, wunderbar nah am Wörlitzer Park und bekannt durch seine Kirche. Die Silhouette seines Heimatortes reizte Wilde 1993 zu einer seiner Liegenden. Sie scheint etwas dunkler, wacher, kantiger, verwinkelter als seine anderen Liegenden. Und Hans-Georg Wagner sagt: "Berndt Wilde gehört zu einer Generation von Künstlern, die, noch in einem anderen Staat, eine künstlerische Form sich entwickelten, welche ideologisch nicht zu missbrauchen war." 1970 kam Wilde als Student an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, gehörte 1971 zu den Aspiranten und erhielt von 1980 bis 1983 ein Meisterschülerstipendium der Akademie der Künste der DDR beim Bildhauer und Zeichner Werner Stötzer (1931 bis 2010).

Ab dem Jahr 1991 übernahm er selbst Lehraufträge und führte junge Künstler in Berlin-Weißensee an die Bildhauerei und ans Zeichnen heran. Dazwischen schuf er und schafft nun weiter - aus weichen und härteren Steinen, aus Bronze, Holz. Mal bleiben die Arbeiten kubisch, mal schlägt er den Köpfen die ganzen Sorgen ins Gesicht. Ein Schwarz-Weiß-Foto von einem Bildhauer-Symposium in Hoyerswerda 1977 zeigt ihn mit Schutzbrille, Meißel und Hammer. Für die junge Stadt schuf er damals eine Skulptur - natürlich mal wieder eine Liegende.

Es ist Wildes erste Ausstellung in Cottbus. Als Hans-Georg Wagner ihn fragte, sagte er sofort zu. Und als er ihn dann in Berlin besucht hat, nahm er an Werken mit, was er tragen konnte. "Gern hätte mir Professor Wilde auch zwei Meter hohe Stehlen mitgegeben, aber die hätte ich doch gar nicht die Treppe hinauf hier in den Raum bekommen", sagt Wagner und lacht. Als er dann alles oben hatte - die Skulpturen und die Zeichnungen, dauerte es wieder zwei Tage, bis er die Exponate zueinander gestellt hatte. "Schließlich bin ich kein Gallerist, sondern auch nur ein Künstler."

"Wilde öffnet den Stein. Er sieht dessen Dimension, er weiß, dass Sandstein Zeuge längst vergangenen Lebens ist, und beachtet die Spuren, welche die menschliche Arbeit und die Zeit schon vor ihm an den Blöcken hinterlassen haben", sagt Wagner. Freundlich und offen - wie er sich Menschen nähert, gehe Wilde auch an die Arbeit. Er findet sie, die konsequente Form, sie braucht nur Zeit.

Zum ersten Mal überhaupt zu sehen sind übrigens Wildes New-York-Zeichnungen. Oh; was man in Brooklyn alles kaufen kann: Viele der Bilder - meist fliehende oder verwinkelte Architektur - sind auf Kassenbons gezeichnet. "Shoppen mache ihn immer so kreativ, hat er mir mit einem Lächeln erzählt", erinnert sich Wagner. Und frech endet die Reihe mit einem Kussmund auf der Rückseite einer MoMa-Tüte.

Wunderbar, dass Wagner Wilde nach Cottbus geholt hat und die Kunst so aufstellt, dass wir um sie herumscharwenzeln können, einen Pavillon mit runden Winkeln entdecken, Frau Loths Drehung verfolgen und Ariadnes herrlichen Po bewundern. Und unweit der Pötnitzer Liegenden schläft die Heinersdorfer Liegende.

Zum Thema:
Die Zeichnungen und Skulpturen von Berndt Wilde sind bis zum 23. November zu sehen. Die kleine Galerie befindet sich in der Lieberoser Straße 20. Geöffnet hat die Ausstellung bis zum 9. November und dann noch einmal vom 12. bis 19. November jeweils von 14 bis 18 Uhr. Wie Wagner versichert, können unter der Telefonnummer 0355 25276 weitere Termine vereinbart werden. Und ein Blick in Wagners Atelier lohnt sich auch.