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| 02:34 Uhr

Wie ein Fünfer im Lotto

Auf dem Sprung: Julius Hendel sahnt einen Landesmeistertitel nach dem anderen ab.
Auf dem Sprung: Julius Hendel sahnt einen Landesmeistertitel nach dem anderen ab. FOTO: Steffen Beyer/sby1
Cottbus. So wie deutsche Touristen im Urlaub gern die Poolliege mit Handtüchern markieren, reserviert er sich die Podestplätze: Julius Hendel. Mit seinen zwölf Lenzen hat er schon mehr Titel gewonnen als er sich überhaupt merken kann. Steven Wiesner

Julius Hendel ist ein pfiffiger Junge, einer von der Marke Einserschüler Schrägstrich Schwiegermutterliebling. Doch wenn der 12-Jährige aufzählen soll, was er in seinem kurzen Leben schon alles gewonnen hat, wirkt er fast ein bisschen überfordert. "Das ist ganz schön viel", schnauft der Preisgekrönte eher erschöpft als selbstgefällig. Dann nimmt er seinen Ordner zuhilfe und blättert durch einen Urkundenwald, mit dem man wohl die Straße der Jugend pflastern könnte. Einspurig zumindest. Mehrkampf-Landesmeister in der U 12, doppelter Landesmeister im Sprint, Landesmeister im Weitsprung, U 14-Landesmeister im Hallen-Mehrkampf, Vizelandesmeister im Sprint, nochmal Bronze im Weitsprung, ein weiterer Vizelandesmeistertitel und und und. In der Tat, das kann sich nicht mal ein Einserschüler merken.

Mit zu verdanken hat er jene Erfolge auch seinem Trainer Christian Rudolph, einem früheren Hürdenläufer, der DDR-Rekordzeiten lief und 1972 sogar bei den Olympischen Spielen startete. Vor etwa zwei Jahresfristen fielen dem Übungsleiter vom LC Cottbus bei einer Kinderolympiade die unverkennbaren Veranlagungen des Jungen auf, der eigentlich auf dem Weg war, in Döbbern und Groß Gaglow ein passabler Fußballer zu werden. "Man hat einfach einen Blick dafür, wenn jemand optisch veranlagt ist", sagt Rudolph. "Und Julius hat allein vom Laufschritt her so viel versprochen, da musste ich zuschlagen."

Also nahm er den damaligen Fünftklässler in seine Trainingsgruppe auf, die zwölf Kinder umfasst und viermal in der Woche die Spikes schnürt. Dort tummelt sich unter anderem mit Jaro Machnow oder Nikita Chereminskiy noch weiterer talentierter Leichtathletik-Nachwuchs. In einer Zeit, in der der Standort Cottbus kaum noch Olympia-Teilnehmer zu formen im Stande ist, vermögen diese Knaben für den einen oder anderen Lichtblick zu sorgen. Zuletzt lief Rudolphs U 12 eine Fabelzeit über die 4x50-Meter-Strecke und stellte mal eben die schnellste Staffel in ganz Deutschland.

Mit von der Partie war natürlich auch Sprint-Juwel Julius Hendel, den Trainer Rudolph als "Ausnahmetalent" adelt und in seiner Altersklasse gewiss unter den besten Zehn in Deutschland sieht. "Da stimmt einfach alles. Der Junge ist einmalig, beherrscht alle Komponenten und trainiert in diesem Alter schon so bewusst. Julius ist wie ein Fünfer im Lotto."

Fast schon zwangsläufig wird Julius Hendel, dessen jüngerer Bruder Johannes sich auch seit zwei Monaten der Leichtathletik verschrieben hat, ab Sommer von der Laubsdorfer Grundschule auf die Sportschule nach Cottbus wechseln - und damit auch die Rudolph'sche Trainingsgruppe verlassen (müssen). "Das tut mir in der Seele weh", hofft Christian Rudolph, dass sein Schüler an der Sportschule weiter gefördert und geformt wird.

Erst an diesem Samstag hat sein Zögling wieder unter Beweis gestellt, warum Rudolphs Seele nicht grundlos leiden wird. Bei den Landesmeisterschaften in Cottbus ging Julius viermal an den Start - die schlechteste Platzierung dabei war Platz zwei im Weitsprung. Über die 60m Sprint, 60m Hürden sowie mit der Staffel hieß es am Ende wie so oft: An the winner is … Julius Hendel! Wahrscheinlich also wird Julius beim nächsten Pressetermin schon zwei Aktenordner bemühen müssen.