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| 17:29 Uhr

Wege aus der Alkohol-Sucht
Den Preis für einen Rückfall hochtreiben

9,5 Millionen. Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Durchschnittlich werden pro Kopf der Bevölkerung jährlich zehn Liter reinen Alkohols konsumiert, so das Bundesministerium für Gesundheit. Etwa 1,3 Mio. Menschen gelten als alkoholabhängig.
9,5 Millionen. Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Durchschnittlich werden pro Kopf der Bevölkerung jährlich zehn Liter reinen Alkohols konsumiert, so das Bundesministerium für Gesundheit. Etwa 1,3 Mio. Menschen gelten als alkoholabhängig. FOTO: Fotolia/deagreez
Cottbus. Zwei Mal ist Bernd W. * dem Tod von der Schippe gesprungen. Der Cottbuser (53) ist alkoholkrank, hing 30 Jahre an der Flasche. Nun will er den Ausstieg schaffen. Eine neue Selbsthilfegruppe soll ihm dabei helfen. Von Bodo Baumert

Alkohol hat im Leben von Bernd W.* schon immer eine Rolle gespielt. Er trank, weil es ihm Spaß machte. „Es ging mir gut, wenn ich getrunken hatte“, sagt der 53-Jährige heute. Er fühlt sich kreativer, wenn er Alkohol intus hat, schreibt Kurzgeschichten, ist locker und entspannt. Dass er ein Problem hat, kommt ihm nicht in den Sinn. Machen doch alle so. Heute weiß er, dass er süchtig war, alkoholkrank, seit 30 Jahren.

Weckrufe hat es genügend in seinem Leben gegeben. Seinen Führerschein hat Bernd W. 2009 verloren. Er war mit 1,7 Promille am Steuer erwischt worden. Schuld waren die anderen, er doch nicht. Bernd mogelt sich weiter durch. „Alkoholiker lernen, perfekt zu lügen“, sagt er. Noch zwei Jahre schafft er es, seinen Beruf als Versicherungsvertreter weiter zu machen, auch ohne Führerschein. Bei der MPU rasselt er mit Pauken und Trompeten durch. Die Vorstellung, den Alkoholkonsum kontrollieren zu können, ist reine Selbsttäuschung.

Bernd W. macht weiter, findet Arbeit in einem Call-Center, trinkt weiter. Seine Frau und die beiden Kinder leiden unter seiner Sucht, stoppen kann er sie nicht. 2013 ist schließlich ein Tiefpunkt erreicht. Fünf Mal landet er im Krankenhaus zur Entgiftung.  Schließlich willigt er in eine Entziehung ein. Zwölf Wochen ist er in der Suchtklinik in Motzen, wird entgiftet, lernt, mit seiner Sucht umzugehen, ist zuversichtlich, sein Problem jetzt endlich in den Griff zu bekommen.

Hilfe will er nicht annehmen. „Ich schaff das allein“, ist er überzeugt. Er kann doch seinen Alkoholkonsum kontrollieren. Zur Nachsorge geht er einmal hin. Ratschläge? Braucht er nicht, denkt Bernd – und macht weiter. „Raten Sie mal, wie lange ich nach der Entziehung trocken war?“, fragt er im Gespräch. „Eine Stunde.“

Für Alexander Lattig, Suchtberater bei der Caritas in Cottbus, ist das kein Einzelfall. „Viele erleben einen Rückfall. In der Nachsorge sprechen wir darüber.“ Der Suchtberater ist eine Art Begleiter für Menschen, die aus der stationären Entziehung kommen. Regelmäßig trifft er sich mit seinen Klienten. Zusätzlich gibt es eine Gruppensitzung, in der Themen wie der Umgang mit Rückfällen, Gründe für und gegen den Konsum oder die eigenen Gefühle beim Konsum von Suchtmitteln angesprochen werden. Bis zu einem Jahr werden die Süchtigen so begleitet. Denn ohne Hilfe geht es nicht.

„Die Chance liegt bei 1 zu 10 000“, sagt Bernd W. Er weiß, wovon er spricht. Seine Vorstellung vom kontrollierten Konsum nach der Entziehung erwies sich als Trugschluss. Er fängt wieder an zu trinken, gleitet weiter ab. Zweimal springt er dem Tod von der Schippe, wie er sagt. Bei einem Fahrradunfall stürzt er betrunken über den Lenker auf den Kopf - und überlebt. „Kleine Kinder und Betrunkene haben einen besonderen Schutzengel“, sagt er. Stolz ist er darauf nicht. Beim nächsten Mal ist es noch knapper. Volltrunken schläft er in einem Hauseingang ein. Zum Glück wird er gefunden. „Eine Stunde später und ich wäre an Unterkühlung gestorben, hat mit der Sanitäter erzählt.“ Auch Bernds Vater wird ein Opfer des Alkohols. „Er hat sich tot gesoffen“, sagt Bernd. 2016 war das. Doch nicht einmal diese drastischen Bilder können ihn bremsen.

Das schafft erst sein Arbeitgeber. Im Frühjahr vergangenen Jahres ist das. Bernd ist mal wieder betrunken auf Arbeit. Zufällig ist ein höherer Chef an diesem Tag anwesend. Er schreitet ein. Bernds Frau wird angerufen. Gemeinsam mit ihr und seinen Vorgesetzten findet sich Bernd in einem Büro wieder. Dann redet der Chef Klartext. „Sie sind nicht der Erste mit diesem Problem. Und Sie werden auch nicht der Letzte sein“, bekommt Bernd zu hören. Sein Chef rät ihm, sich Hilfe zu suchen. Die Stelle will er für Bernd so lange freihalten.

Das wirkt. Bernd nimmt den Hinweis auf, beantragt eine erneute Entziehung. Die wird ihm für Pfingsten bewilligt. Er versucht erneut, alleine trocken zu bleiben, scheitert aber. In Motzen trifft er dann auf das bekannte Programm. Er ist nicht der Erste, der rückfällig geworden ist, erfährt er. Wieder zehn Wochen, wieder wird er trocken, lernt, wie der Alkohol wirkt, was er dagegen tun kann, wie er sich vorbereiten kann.

Im August kehrt Bernd nach Cottbus zurück. Zunächst ist seine Frau noch mit zu Hause. Dann muss sie wieder arbeiten und für Bernd beginnen die Herausforderungen. Alleine, ohne Kontrolle, muss er den Versuchungen widerstehen. Und davon gibt es viele. „Die Bundesliga wird präsentiert von ...“– „Hallo Bernd, lass uns anstoßen, Bettina hat heute Geburtstag.“–  „Alkohol gibt es überall“, weiß Bernd. Die Supermarktregale sind voll davon, jede Tankstelle liefert rund um die Uhr Nachschub. Für Alkoholiker ist das eine unglaubliche Versuchung.

96,4 Prozent der Deutschen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren trinken laut statistischen Erhebungen Alkohol.„Es ist eine legale Droge – und billig“, kritisiert Alexander Lattig. Dass es Schätzungen zufolge in Deutschland jährlich 74 000 Todesfälle gibt, die durch riskanten Alkoholkonsum verursacht werden, spiele in der öffentlichen Diskussion keine Rolle. Im Gegenteil, allein für die Werbung von Alkoholprodukten wurden 2014 560 Millionen Euro ausgegeben.

Mehrfach ist Bernd kurz davor, schwach zu werden. „Ich hatte die Jacke schon an, das Geld in der Tasche. Wenn ich losgegangen wäre, wär es das gewesen“, sagt er. Doch Bernd ist nicht losgegangen. Er hat sich im letzten Moment erinnert. Kleine Gedanken, oft nur ein Wort oder ein Bild sind es, die in solchen Momenten den Unterschied ausmachen können. „Ein Anker“, sagt Bernd. Für ihn ist es das Wort „Abstinenzentscheidung“, das ihn gefesselt hat. Es ist eben seine eigene Entscheidung, abstinent zu bleiben und nicht nachzugeben.

Und diesmal ist Bernd auch nicht allein. Er hat die Suchtberatung der Caritas genutzt, trifft dort seinen Suchtberater, spricht mit ihm über den Versuchungen, seine Gefühle dabei und Lösungen, die er bei einer erneuten Versuchung suchen kann.

„Wir arbeiten solche Fälle in der Nachsorge auf“, sagt Suchtberater Alexander Lattig. Was waren typische Situationen, in denen früher getrunken wurde? Wie lassen sich diese künftig vermeiden? Wie kann man sich auf wiederkehrende Situationen vorbereiten?

Und dennoch gibt es Rückfälle. „Langeweile ist ein gefährlicher Faktor oder unerwartete Ereignisse“, erläutert Alexander Lattig. Wichtig sei, wie mit solchen Rückfällen umgegangen werde.

Bernd hat dafür seit vier Wochen auch die neue Selbsthilfesuchtgruppe. Zehn Klienten der Caritas haben sich dort versammelt. Für die meisten ist die Nachsorge, die nur ein Jahr geht, beendet. Nun versuchen sie, sich gegenseitig Rat und Stütze zu geben. „Niemand, der das Problem nicht hat, kann nachvollziehen, was ich fühle, was in mir vorgeht“, sagt Bernd. In der Gruppe sei das anders. Dort sind Männer und Frauen, die das Gleiche durchgemacht haben, die wissen, dass weder kluge Ratschläge noch der erhobene Finger weiterhelfen, wenn es darum geht, dem Alkohol zu widerstehen.

„Es geht darum, den Preis für einen Rückfall immer weiter nach oben zu trieben“, sagt Bernd über seinen Weg aus der Sucht. Seit 23. August ist er trocken. Bei der Dekra hat er sich zu einem Programm angemeldet, bei dem er über ein Jahr nachweisen muss, dass er nicht getrunken hat. Unangekündigte Kontrollen muss er dafür bezahlen. Am Ende steigen die Chancen, den Führerschein zurückzubekommen. „Ich mache es aber nicht nur deshalb“, sagt Bernd. „Für mich ist es eine Frage von Leben und Tod.“ Er will leben. Er will arbeiten, er will die Zeit wieder gut machen, in der er seiner Familie durch seine Sucht das Leben zur Hölle gemacht hat. „Jeder Tag, den ich widerstehe, treibt den Preis nach oben.“ Das alles soll für die Katz gewesen sein? Dazu will es Bernd nicht kommen lassen. Er hofft darauf, dem Dämon Alkohol widerstehen zu können, und darauf, im Zweifel einen Helfer an der Hand zu haben. Vielleicht einen aus seiner Selbsthilfegruppe.

* Name von der Redaktion geändert