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| 13:36 Uhr

Cottbus früher & heute
Wie die Madlower Schluchten entstanden

FOTO: Heute: Hans Krause - Damals: Sammlung Hans Krause
Cottbus. Heimatforscherin Dora Liersch erzählt die Geschichte von der Spreepartie im Kaiser-Wilhelm-Auguste-Victoria-Hain, basierend auf einer Ansichtskarte, die aus der Sammlung von Hans Krause stammt.

Bei dieser seltenen alten Ansichtspostkarte muss man schon überlegen, ob man sich tatsächlich noch in Cottbus oder doch gar irgendwo im Spreewald befindet. Aber es ist tatsächlich Cottbus.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts erwarb die Stadt Cottbus erste Waldflächen zwischen der damaligen Dresdener Chaussee (Dresdener Straße) und der alten Poststraße (Bautzener Straße) am südlichen Stadtrand von Cottbus von den Madlower Bauern. Misstrauische Cottbuser, vor allem aber die Madlower, befürchteten die Ansiedlung von Fabriken mit rauchenden Schornsteinen. Zunächst aber wurde für die Cottbuser Gymnasiasten ein baumloser Bereich als Tum- und Sportplatz hergerichtet.

Allerdings war die dünne Grasnarbe bei der intensiven Nutzung durch die Schüler bei den sportlichen Übungen bald zerstört, und die ganze freie Fläche war voller Staub und Sand. So wurde nach kurzer Zeit dieser „Turnplatz“ wieder aufgegeben. Außerdem war der Weg viel zu lang und zeitaufwändig, den die Schüler zu Fuß zurücklegen mussten.

Die Cottbuser Stadtverordneten beschlossen am 11. März 1902 auf diesem Areal der Madlower Heide die Anlage eines neuen Zentralfriedhofs, des heutigen Südfriedhofs, der 1904 in Nutzung genommen wurde.

Nur wenige Jahre später sind es wieder die Stadtverordneten, die weitere Flächenankäufe von der Madlower Heide genehmigen. Diesmal ist es speziell der Geheime Sanitätsrat Prof. Dr. Carl Thiem und der „Cottbuser Heilstättenverein“, dessen Mitglied er ist, die sich für lungenkranke Fabrikarbeiterinnen und Frauen einsetzen und für diese eine Heilstätte (Tagesklinik), mitten im Kiefernwald erbauen möchten. 120 Meter vom Südfriedhof entfernt stellte die Stadt Cottbus eine Waldfläche von fünf Hektar für die Anlage einer solchen Tagesklinik, einer Doppelanstalt für Frauen und Männer, aber streng getrennt, kostenlos zur Verfügung.

Baubeginn war im Juni 1907, und am 9. Mai 1909 konnte die gesamte Anlage, die „Walderholungsheim“ genannt wurde, eingeweiht werden. Die gesamte Fläche des „Walderholungsheims“ war eingezäunt und damit dem freien Zugang entzogen.

Für die Fläche entlang der alten Poststraße, der von Nordwest nach Südost verlaufenden Strecke der Berlin-Cottbus-Görlitzer Eisenbahn und im Osten bis zur Spree reichend in einer Größe von 21 Hektar war für die Anlage eines Waldparks in Aussicht genommen. Fast zeitgleich mit den Arbeiten für das „Walderholungsheim“ wurde auch mit der Schaffung des Waldparks begonnen.

Der Gartenarchitekt Friedrich Glum, der seit 1907 in Cottbus angestellt war und dem auch der Südfriedhof unterstand, erarbeitete schnell einen umfangreichen Plan und stellte diesen den Mitgliedern des 1872 gegründeten Verschönerungsvereins sowie den Mitgliedern des Gartenbauvereins vor, in denen er Unterstützer des Projekts fand. Oberbürgermeister Paul Werner hatte als Namen für den entstehenden Park „Kaiser-Wilhelm-Auguste-Victoria-Hain“ vorgeschlagen.

In diesem Bereich der Madlower Heide, deren Besitzer enteignet wurden, gab es unter den Kiefern kein Unterholz, eine Folge jahrelanger Misshandlung durch die Besitzer, die mit geradezu beängstigender Sorgfalt die abgefallenden Nadeln zusammenscharrten und als Streu für ihre landwirtschaftlichen Betriebe verwendeten.“

Der Magistrat der Stadt Cottbus hatte bereits die Bürger aufgerufen, Geld zur Anschaffung von starken Laubbäumen aller Art, für Ruhebänke und andere Ausstattungsgegenstände zu spenden.

Der Hain sollte aber den Grundcharakter eines märkischen Kiefernwaldes behalten, doch Gruppen von Laubbäumen und Unterholzpflanzungen sollten das Bild angenehm beleben. Außer Wald wies die Madlower Heide auch offene Partien auf wie Stranddüne, Binnendüne, Heide, Heidemoor,  echte Wiese in tiefem Grund, Waldlichtung und Waldwiese.

Das Areal war recht abwechslungsreich, besonders nahe der Bahnstrecke. Als diese in den 1860er-Jahren gebaut wurde, brauchte man viel Sand zum Aufschütten des Bahndammes, und diesen entnahm man seinerzeit gleich nebenan aus der Madlower Heide. So entstand die abwechslungsreiche Gestaltung der Oberfläche, die wir heute „Madlower Schluchten“ nennen. Bereiche nahe der Spree gelegen waren zum Teil sumpfig. All das führte dazu, dass eine besondere Landschaft gestaltet werden konnte. So entstanden auf den Hochdünen Aussichtspunkte, im tief gelegenen Teil ein kleiner Spreewald und zum Überqueren des Wiesengrabenabflusses in die Spree eine typische Spreewaldbrücke – eine sogenannte Bank, die man auch als „Hühnerleiter“ bezeichnen kann, eine Holzkonstruktion mit nur einseitigem Geländer. Wann diese Bank aufgestellt wurde ist nicht bekannt, denn der Kaiser-Wilhelm-Auguste-Victoria-Hain, der seit 1918 „Volkspark“ heißt, ist über die Jahrzehnte umgestaltet, erneuert oder verändert worden. Verloren gegangen ist die „Hühnerleiter“ wohl im eisigen Winter 1945, als jedes Stückchen Holz zum Heizen benötigt wurde.

Eine schlichte Holzbohlenbrücke, mehr ein Knüppeldamm, dient heute zum Überqueren des Spreezuflusses. Allerdings ist gerade dieser Teil der Madlower Schluchten heute dabei, sich zu einem Urwald zu entwickeln.

Ein Blick zur Spree und der Eisenbahnbrücke, wie auf der alten Postkarte, ist nicht mehr möglich, wie auch das Vergleichsfoto zeigt.