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| 02:33 Uhr

Wie DaDa "unterwandert" werden kann

Thomas Krüger ist Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung.
Thomas Krüger ist Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. FOTO: Ulf Dahl/bpb
Die Jazzwerkstatt Peitz hat in diesem Jahr ein Projekt im Programm, das auf den ersten Blick nicht in den gewohnten Rahmen passt. "Die Ursonate" von Kurt Schwitters (1887 bis 1948) wird in einer neuen Interpretation aufgeführt. Schwitters erarbeitete in der Zeit zwischen 1923 und 1932 verschiedene Versionen der Sonate in Urlauten. Die RUNDSCHAU sprach mit Thomas Krüger – er hat die Rezitation übernommen.

Herr Krüger, Sie sind als Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung und in anderen politischen Ämtern stark eingebunden. Dennoch finden Sie Zeit für solch ein Projekt wie die Ursonate. Warum ist Ihnen die Mitwirkung so wichtig?
Vor genau 30 Jahren ist mir der Text in der damals dahindämmernden DDR untergekommen. Er hat mich fasziniert in seiner entschiedenen, selbstbewussten Setzung, in seinem "ästhetischen Widerstand". Damals habe ich mir die Partitur vorgenommen und sie solo und unplugged interpretiert, unter anderem zur Eröffnung einer großen Kurt-Schwitters-Ausstellung im Lindenau-Museum in Altenburg anlässlich des 99. Geburtstags von Schwitters. Im Lindenau-Museum gab es seinerzeit die größte Schwitters-Sammlung in der DDR.

Wie ist die Idee für das aktuelle Projekt entstanden?
Die Idee für das aktuelle Projekt kam durch Zufall zustande. Mein alter Freund Götz Lehmann, der in Leipzig lange Zeit die NaTo (soziokulturelles Zentrum/Anmerkung der Redaktion) geleitet hat, vertrat die Meinung, dass man heute diese Performance nicht einfach solo wiederholen sollte. Ein neues Arrangement sei gefordert. Das stachelte mich an. Der Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender kam dann während eines Gespräches auf die Idee, das Projekt im Rahmenprogramm des Theatertreffens zu produzieren. Es stand für das Thema "100 Jahre DaDa", zu dem auch eine Produktion des Theatertreffens eingeladen war. Ich bin dann zuerst auf Anke Lucks zugegangen und habe mit Potsa Lotsa weitere großartige Musiker gewinnen können. Zudem ist Anke Lucks auf den Berliner Konzeptkünstler Wolfgang Müller gestoßen, der im norwegischen Exil von Schwitters dann Ende der 1990er-Jahre Aufnahmen mit Nachkommen der Art von Staren gemacht hat, mit denen Schwitters die Urlaute im Dialog hergestellt und optimiert hatte. Die Stare spielen deshalb selbstverständlich eine tragende Rolle in unserem Projekt.

Wie haben Sie sich Kurt Schwitters und der Ursonate genähert?
Schwitters hat mit der Ursonate eine relativ strenge, fast pedantische Komposition vorgelegt. An die Stelle der Töne treten die Silben. Bei unserem aktuellen Projekt haben wir untersucht, inwiefern eine Dramaturgie improvisierter Musik die DaDa-Dramaturgie "unterwandern" kann. Es ging uns um die Frage, wo sprachliche und musikalische Codes heute an die Grenzen kommen und über sie hinaus weisen. Für die Peitzer Aufführung haben wir uns noch etwas Besonderes ausgedacht. Wird nicht verraten!

Welche musikalischen/sprechtechnischen Voraussetzungen bringen Sie für den Vortrag mit?
Ich habe zwar versucht, im Musikunterricht aufzupassen. Aber ich kann heute weder ein Instrument spielen noch überhaupt Noten lesen. Ich bin in jeder Hinsicht ein Autodidakt, vielleicht das nachhaltigste Lernszenario, was es überhaupt gibt ...

Wie verlief die Zusammenarbeit mit den Musikern? Waren es anstrengende oder eher anregende Proben?
Das war ein spannender Prozess. Wichtig war es, zunächst an einer schlüssigen Dramaturgie zu arbeiten und dem Projekt eine Struktur zu geben. Für mich persönlich war es aufregend, mit solch professionellen Musikern zu proben. Je länger der Probenprozess lief, je spielerischer wurde es. "Anregend" ist deshalb eine eher zurückhaltende Beschreibung dessen, was da passiert ist.

Wie hat das Publikum die Aufführung am 9. Mai bei den Berliner Festspielen aufgenommen?
Es hat sich anstecken lassen. Ich habe in viele entspannte, amüsierte und auch staunende Gesichter gesehen. Der Applaus hat uns am Ende sogar eine Zugabe abverlangt ...

Was sagen Sie Interessierten, die noch nie etwas von der Ursonate und Dadaismus gehört haben, warum sie am 11. Juni in die Stüler Kirche kommen sollen?
Der Dadaismus in seinen vielfältigen Entwicklungen gehört zu den Geburtsstunden der künstlerischen Moderne. Der Dramatiker Peter Weiss hat in seinem Jahrhundertroman "Die Ästhetik des Widerstands" auf die Tatsache verwiesen, dass die Begründer des Züricher DaDa wie Hülsenbeck und Arp im Cabaret Voltaire nur wenige Schritte von der Exilwohnung Lenins in der Spiegelgasse ihre Wirkungsstätte hatten. Ein Zufall? Man möchte gerne wissen, was die ungleichen Revolutionäre voneinander hielten. Die Ursonate von Schwitters ist eine kleine Entdeckung. Man könnte sie als selbstgewisse, aber auch ironische Behauptung einer künstlerischen Setzung bezeichnen, die falsche Kompromisse ablehnt und diese Haltung mit ernster Miene bis zum Schluss durchhält.

Wie sehen Sie die Verbindung von Free Jazz und DaDa?
Der Geist künstlerischer Autonomie durchweht beide. Ansonsten sind solche Verbindungen immer erst selbst herzustellen. Für uns sechs war das deshalb nie eine Frage, sondern absolut logisch, dass da was zusammenwächst, was für uns zusammengehört.

Sie sind in den vergangenen Jahren - auch schon zu DDR-Zeiten - beim Jazz in Peitz gewesen. Was bedeutet dieses Festival für Sie - was für die Kulturszene?
Peitz ist mein Woodstock gewesen. Mit meinen Freunden habe ich das große Open Air wie auch die Werkstatt-Konzerte besucht. Dass diese Erinnerungen wieder aufleben, ist dem Engagement Ulli Blobels zu verdanken. Heute ist Peitz wieder eine feste Adresse der frei improvisierten Musik, auch wenn es gefühlt in der tiefen Provinz liegt. Für die Kulturszene ist es doch großartig, dass es solche Orte außerhalb der Metropolen gibt. Hier zu sein ist, wie zu einem Familienausflug zusammenzukommen.

Werden Sie die Ursonate auch noch in anderen Veranstaltungen rezitieren? Oder planen Sie ähnliche Projekte?
Mal sehen, wir arbeiten daran....

Mit Thomas Krüger sprach Ingrid Hoberg

Zum Thema:
Die Jazzwerkstatt Peitz 53 findet vom 10. bis 12. Juni statt. The Art of Duo ist in diesem Jahr Programmschwerpunkt. Eröffnet wird das Festival am Freitag, 10. Juni, um 21 Uhr mit der Lesung "Sketches of Spain" von Ulli Blobel und dem Gitarren-Duo Uwe Kropinski & Joe Sachse. Am Samstag, 11. Juni, um 18 Uhr in der Stüler Kirche eröffnen Fred van Hove & Paul Lovens das Programm. Anschließend trägt Thomas Krüger "Die Ursonate" von Kurt Schwitters vor - mit Anke Lucks & Potsa Lotsa. Am Sonntag, 12. Juni, werden um 9.30 Uhr im Jazzgottesdienst mit Pfarrer Kurt Malk dann KMD Wilfried Wilke (Orgel) und Paul Schwingenschlögl (Trompete, Flügelhorn) spielen. Tickets und weitere Infos unter www.jazzwerkstatt.eu . Für "Die Ursonate" gibt es auch Tickets bei Hugendubel in Cottbus.

Zum Thema:
Thomas Krüger, geboren 1959, absolvierte in den Jahren 1976 bis 1979 eine Ausbildung zum Facharbeiter für Plast- und Elastverarbeitung und nahm dann ein Studium der Theologie auf, anschließend war er Vikar. Seine politische Karriere begann er 1989 als eines der Gründungsmitglieder der Sozialdemokraten in der DDR (SDP) und blieb bis 1990 deren Geschäftsführer in Berlin (Ost) und Mitglied der Volkskammer in der DDR. Als Erster Stellvertreter des Oberbürgermeisters in Ost-Berlin war er 1990 bis 1991 tätig sowie als Stadtrat für Inneres beim Magistrat Berlin und in der Gemeinsamen Landesregierung. Von 1991 bis 1994 war er Senator für Jugend und Familie in Berlin. Als Mitglied des Deutschen Bundestages war er in den Jahren 1994 bis 1998 aktiv, bevor er eine zweijährige Erziehungspause nahm. Seit Juli 2000 ist er Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb. Thomas Krüger war und ist auch im kulturellen und sozialen Bereich aktiv: Er ist seit 1995 Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes, seit 2003 Mitglied und seit 2012 zweiter stellvertretender Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM). Seit 2013 ist er Mitglied des Forschungsbeirats des Programms "Kultur und Außenpolitik" des Instituts für Auslandsbeziehungen, seit 2014 Mitglied des Kuratoriums der Kulturstiftung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Er war von 2005 bis 2009 in der Jury des Hauptstadtkulturfonds und von 2007 bis 2011 Aufsichtsratsmitglied der Initiative Musik.

Zum Thema:
Anke Lucks (Posaune) spielt mit Potsa Lotsa: Silke Eberhard (Altsaxofon), Patrick Braun (Tenorsaxofon), Nikolaus Neuser (Trompete), Gerhard Gschößl (Posaune)

Zum Thema:
Kennen auch Sie Persönlichkeiten, die etwas zu sagen haben? Dann schlagen Sie uns Gesprächspartner vor: Lausitzer Rundschau, Straße der Jugend 54, 03050 Cottbus, oder perE-Mail an die Adresse:redaktion@lr-online.de.