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| 22:27 Uhr

Job-Verluste in der Kohle-Industrie
Wer zahlt den Preis des verordneten Kohleausstiegs?

Die Zukunft der Lausitz ist ungewiss. Der erste Block des Kraftwerkes Jänschwalde, der als Lieferant von Strom aus Braunkohle vom Netz getrennt wurde, hat den Ausstieg aus der Kohle und die Probleme der Region greifbar gemacht.
Die Zukunft der Lausitz ist ungewiss. Der erste Block des Kraftwerkes Jänschwalde, der als Lieferant von Strom aus Braunkohle vom Netz getrennt wurde, hat den Ausstieg aus der Kohle und die Probleme der Region greifbar gemacht. FOTO: Hammerschmidt Frank / Frank Hammerschmidt
Cottbus. In keinem der vier deutschen Bergbaureviere ist der Wohlstand einer ganzen Region so stark abhängig von der Kohle wie in der Lausitz. Mit dem Abschalten des ersten Kraftwerksblocks sind 600 gut bezahlte Jobs weg. Ersatzlos. Der Unmut wächst. Von Kathleen Weser

Vor dem Informationszentrum der Lausitz Energie Bergbau und Energie Kraftwerke AG (Leag) in Jänschwalde haben die Lehrlinge des taufrischen Ausbildungsjahrganges am Donnerstag ein Trommel-Spalier gebildet. Der Ausschuss für Wirtschaft und Energie des Brandenburger Landtages hat sich angesagt. Die Abgeordneten tagen zum „Strukturwandel in der Lausitz“. Das große Thema, das alle umtreibt, ist die Zukunft nach der Kohle.

Der Blick der Landtagsabgeordneten wird auf die Ortsschilder gelenkt, aus denen die Kraftwerker und Bergleute kommen. Schwarz auf gelbem Grund prangt darauf jeweils auch die Anzahl der Beschäftigten. Bewusst. Der Leag-Nachwuchs befürchtet, den Preis zahlen zu müssen für das bundespolitisch verordnete Abschalten der zwei hiesigen Kraftwerksblöcke – und macht das lautstark deutlich. „Die Azubis wollen keine sozialverträgliche Deindustrialisierung der Lausitz, sie wollen eine Zukunft“, bringt Leag-Finanzvorstand Markus Binder die Botschaft später noch einmal auf den Punkt.

Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (parteilos) findet für den eher hoffnungslosen Fachkräftenachwuchs zwar die richtigen Worte. Besonders ermutigend wirken sie aber nicht. Steinbach verspricht, sich darum zu kümmern, dass die jungen Leute in der Lausitz eine Zukunft haben - „kann aber konkret nichts versprechen“.

Und das ist das Problem, das den Unmut der Beschäftigten wachsen lässt. Seit dem Wochenende ist der schmerzhafte Ausstieg aus der Braunkohleverstromung in der Lausitz greifbar geworden. Der erste von zwei Kraftwerksblöcken, die das Verbot des Einspeisens von Energie ins Stromnetz in der Region trifft, ist in die befristete Wartestellung abgefahren worden. Der bereits abgeschaltete und der im nächsten Jahr noch folgende Kraftwerksblock entsprechen dem modernsten Stand der Technik und könnten noch viele Jahre subventionsfreie Energie aus Braunkohle liefern. Das betont der Leag-Finanzvorstand dann in der Beratungsrunde mit den Landtagsabgeordneten ausdrücklich.

Vor drei Jahren war die Entscheidung des Bundes gefallen, die Klimaschutzziele durch den vorgezogene Ausstieg aus der Braunkohle zu forcieren. Für 600 Arbeitsplätze ist damit allein beim Bergbau- und Kraftwerksbetreiber in der Lausitz das Aus besiegelt. Auch der heimische Mittelstand und treue Dienstleister zittern. Denn die Zukunft ist unsicher –  und das politische Versprechen, die wegfallenden Jobs in der Kohleindustrie durch adäquate Industriearbeitsplätze zu ersetzen, bislang gebrochen. Spürbar ist nichts geschehen. Das wird auch im Fachausschuss praktisch parteiübergreifend beklagt.

Die Aufgabe ist gewaltig. Um die 8000 Arbeitsplätze in der Lausitzer Kohleindustrie zu ersetzen, „bräuchten wir 40 Jahre lang jährlich eine Neuinvestition wie die jüngste in der Papierfabrik“ im Industriepark Schwarze Pumpe, rechnet Markus Binder vor. 1,4 Milliarden Euro schwer sei die Wertschöpfung, die das Braunkohleunternehmen pro Jahr in die Lausitz pumpe. Da dieser Strukturwandel, anders als nach der Wende in der Region, nichts mehr mit mangelnder Wettbewerbsfähigkeit zu tun habe und allein bundespolitisch betrieben sei, „muss der Bund nach dem Verursacherprinzip auch zu seiner Verantwortung stehen“. Dabei schaffe Geld allein freilich keine Jobs. Die Lausitz brauche Zeit - für den Ausstieg aus der Kohle und Zukunftspläne. Es gebe weder eine schnelle Lösung für Strukturent­wicklung noch für die Versorgungssicherheit, so Binder weiter.

Für mehr Fahrt hat sich auch der Wirtschaftsminister ausgesprochen. Forschung und Entwicklung sind in der Lausitz noch zu schwach, stellt der frisch aus dem Amt des Präsidenten der Brandenburgischen-Technischen Universität (BTU) geschiedene Jörg Steinbach fest. Diesen Motor von Wachstum anzuwerfen, müsse jetzt geschehen. Denn Effekte seien erst in etwa zehn Jahren zu spüren.

Die Zukunft im Revier ist unklar.